Drei Männer und eine Frau mit Regenschirm betrachten Fotos.
Elisabeth Bocho will wissen: War ihr Mann Jörg ein Spion? Bildrechte: Thomas Keffel / MEINWERK Film

Die Spur der Ahnen | 04.10.2017 Mein Mann - ein USA-Spion?

Elisabeth Bocho hält ein Urteil vom Obersten Gericht der DDR in der Hand: 15 Jahre Haft für Jörg Bocho wegen Spionage. Mini-U-Boote, NSA-Ausbildung, Doppelgänger - das klingt alles mehr nach einem Agententhriller als nach dem Mann, mit dem sie fast 20 Jahre lang zusammen war.

Drei Männer und eine Frau mit Regenschirm betrachten Fotos.
Elisabeth Bocho will wissen: War ihr Mann Jörg ein Spion? Bildrechte: Thomas Keffel / MEINWERK Film

"Spionage, Diversion und staatsgefährdender Gewaltakt": Das Urteil des Gerichts für Militärstrafsachen der DDR aus dem Jahr 1969 umfasst knapp 30 Seiten. Da ist die Rede von Mini-U-Booten, von Schleusungen, Doppelgängern und von einer Ausbildung in Pearl Harbour - 26 Seiten voller abenteuerlich klingender Behauptungen, die aus einem Agententhriller zu stammen scheinen.

Jörg Bocho war ihr Mann. Sie lernt ihn 1978 kennen, in der BRD. Da war er gerade aus der DDR freigekauft worden und besuchte mit ihr eine Umschulung. Die beiden heiraten. Ihre Freundinnen beneiden sie um diesen  Mann: groß, blond, geheimnisvoll - ein charmanter Abenteurer, ein echter Womanizer. Der Alltag in der Ehe sieht anders aus. Jörg zieht sich oft zurück, spricht wenig oder auch mal monatelang gar nicht mit seiner Frau. Dafür weiß er, mit wem sie sich gerade getroffen hatte oder warnte sie vor dem einen oder anderen Menschen. Woher er seine Informationen hatte, verriet er ihr nie.

Elisabeth und jörg Bocho an ihrem Hochzeitstag.
Ein glückliches Paar? Elisabeth und Jörg Bocho am Tag ihrer Hochzeit. Bildrechte: Elisabeth Bocho

1997 ließ Elisabeth sich scheiden. Die Ehe war gescheitert. Nur vier Monate später starb Jörg Bocho – mit nur 57 Jahren – an Krebs. Jahre später stößt sie auf einen Zeitungsartikel: "Der Spion, der mit dem U-Boot kam". Und wenig später erhält sie auch das Urteil.

Kann hier tatsächlich von dem Mann die Rede sein, mit dem sie über 20 Jahre lang zusammen war?

Elisabeth Bocho beginnt, nachzuforschen. War ihr Jörg ein amerikanischer Spion? Wie ist er verhaftet worden?

Geboren in Leipzig, verbrachte Jörg Bocho den größten Teil seiner Kindheit dort bei seiner Großmutter. Mit zwölf holte ihn die Mutter nach Westberlin. Dort beendete er auch die Schule und dann geht er nach Hamburg zur Bundeswehr. 1961 siedelt Jörg Bocho aus dem Westen in die DDR über und arbeitet in einer Leipziger Fabrik. 1966 wird er in Rostock verhaftet.

Zelle in Hohenschönhausen
In einer solchen Einzelzelle saß Jörg Bocho in Hohenschönhausen ein. Bildrechte: Thomas Keffel / MEINWERK Film

Mit dem Team von "Die Spur der Ahnen" sucht mit Elisabeth Bocho im Archiv der Stasiunterlagenbehörde nach Hinweisen, sie besucht das ehemalige Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen, in dem Jörg jahrelang in Einzelhaft einsaß und spricht mit alten Kollegen aus seiner Zeit in der Leipzig.

Die Akten füllen einige Meter Regal, 99 Bände sind es insgesamt, und die Geschichte wird immer abenteuerlicher. Ein Doppelgänger soll Jörg im VEB vertreten haben, als er selbst im Ausland Geheimdienstausbildungen absolvierte. Kaum vorstellbar für die alten Leipziger Kollegen, die sich sonst noch gut an den fröhlichen jungen Mann und die ein oder andere gemeinsame Kneipentour erinnern können. Kann Elisabeth das Geheimnis ihres Mannes 20 Jahre nach seinem Tod noch lüften?

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Die Spur der Ahnen | 04. Oktober 2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2017, 08:59 Uhr