Zur Geschichte des Narrentums : Von der Freiheit des Narren
Sie hatten "Narrenfreiheit". Mit Schellen und Narrenkappe brachten sie ganze Herrscherhäuser zum Lachen. Hinter der Maske des Verrücktseins verbargen sich nicht selten faszinierende, geistreiche Persönlichkeiten.
Der Ursprung des Narren ist nicht genau festzulegen, reicht aber weit zurück. Spaßmacher sind bereits aus der Antike überliefert, unklar ist jedoch, ob sie mit der heute bekannten Figur des Narren zu vergleichen sind. Das klassische Narrenbild stammt aus dem Mittelalter und verbindet sich mit einer Person, die für Spaß und Unterhaltung sorgt. Im 12. Jahrhundert war der Blick auf den Narren noch vorwiegend negativ. Narren standen meist jenseits der Ständeordnung auf einer Stufe mit Räubern und anderen zwielichtigen Gestalten. Man sagte ihnen eine Verwandtschaft mit dem Teufel nach, den man für den Ursprung aller Narrheit hielt. Auch als Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens wurde der Narr gern bemüht.
Waren es im frühen Mittelalter vor allem geistig und körperlich Behinderte bzw. Kleinwüchsige ("Hofzwerge"), die als Narren vorgeführt wurden, erfreuten sich ab dem späten Mittelalter auch die "künstlichen" Narren großer Beliebtheit. Sie brillierten mit Charme, Verstand und einer außergewöhnlichen Rhetorik. Manche Städte hielten sich gar einen Stadtnarren, der seine Späße zur Freude der Allgemeinheit treiben durfte. Der bekannteste war wohl Till Eulenspiegel.
Seit dem 15. Jahrhundert gehörten Narren zum Hofstaat europäischer Fürstenhöfe. Sie traten als Unterhaltungskünstler auf, sangen, dichteten, musizierten und führten Kunststücke auf, sorgten für Zerstreuung und Erheiterung. Schlagfertig, wortgewandt und geistreich hatten sie zu sein und dabei immer das richtige Maß an Respektlosigkeit zu bewahren.
Hinter der Maskerade der Narretei
Das Narrenkleid war zunächst eselgrau - der Esel galt im Mittelalter als Inbegriff von Dummheit und Lächerlichkeit -, später trug der Narr ein buntes Schellenkleid mit Halskragen. Eine Narrenkappe bedeckte das Haupt, von Eselsohren oder einem Hahnenkamm geschmückt. Die Maskerade des Narren spiegelte die Abkehr vom Normalen. Er durfte den Herrscher foppen, ihn sogar kritisieren - im Zeitalter des Absolutismus eine Möglichkeit von politischer Dimension.
Der Mutterwitz des Narren, seine "Narrenfreiheit", machte vor kaum einer Person bei Hofe halt. Der Narr hatte die Freiheit, den Verhältnissen den Spiegel vorzuhalten und mit kritischem Blick an die Schwachstellen der Gesellschaft zu rühren. Solange er Verrücktheit simulierte, hatte er das Recht, die Wahrheit zu verkünden. Nicht immer gelang diese Balance. Doch nur ein Hofnarr bezahlte seine spitze Zunge mit dem Leben: Caillotte, der Narr des französischen Königs Ludwigs XI., der die Verwegenheit besaß, das Beichtgeheimnis Ludwigs - den Giftmord an dem Herzog von Guyenne - zu offenbaren.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts vertrug sich die französische Hofsitte nicht mehr mit dem Gebaren der "unhöflichen" Narren. Man verdrängte sie von den Höfen. Auch an anderen europäischen Herrscherhäusern war die große Zeit des Narren vorbei. Lediglich der russische Zar Peter der Große und die Kaiserin Anna benutzten ihren Narren weiter, um ihren Hofstaat zu zügeln.
