Teaserbild von Das Altpapier
Bildrechte: MEDIEN360G

Das Altpapier am 15. September 2017 WIR METASKLAVEN

Was sagt es über "die Medien", dass Christian Lindner in Kuhkrawatte einfach überall auftaucht? Merkel, Schulz, Journalisten: Wer trägt welche Verantwortung dafür, dass im Wahlkampf nicht alle Themen behandelt werden? Und wie wichtig ist Facebook für die Diskussion über diese Themen? Außerdem: Ist es dekadent, Die Partei zu wählen? Ein Altpapier von Klaus Raab.

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Reden wir über Wahlkampfjournalismus. Reden wir also über Christian Lindners Kuhkrawatte. Der Mann, Spitzenkandidat der FDP im Bundestagswahlkampf, war mal jung und trug damals so ein Teil, das war 1997. Das entsprechende Video inklusive Managertalk von 18-Jährigen haben "wir" natürlich "alle" gesehen, nachdem es die "SternTV"-Redaktion am Mittwochabend ins Netz verteilt hat; es gehörte gestern zu den beliebtesten Internetdingern und wurde im dicken Dutzend auch von Journalisten behandelt wie eine bahnbrechende Nachricht.

Die Frage ist: Was sagt es über "die Medien" bzw. "den Journalismus", dass Redaktionen das Video reihenweise lustiglustig nacherzählt, weitergedreht und scheinanalysiert haben, als hätten sie nichts Wichtigeres zu tun - und als könnte es nicht jede und jeder eh selbst sehen?

Wir behaupten mal: Es zeigt eine Entwertung der Glosse durch die Online-Nacherzählung. Das "Streiflicht", also die Seite-1-Glosse der Süddeutschen Zeitung, die sich am heutigen Freitag des Videos mit dem jungen Management-Lindner annimmt, ist jedenfalls fast schon die Spur von zwölf bis zwanzig Stunden zu spät dran. Denn es ist dann ja auch irgendwann immer wieder gut.

Andererseits kann man vom "Streiflicht" noch etwas lernen: dass eine klare Zielgruppenansprache einen undankbaren späten Veröffentlichungstermin zum Teil aufwiegt. Das "Streiflicht" nämlich, das ja bisweilen als Bastion des feuilletonistischen Breitcords verkleidet ist, nimmt uns selbst zur Deutung dieses Videos dorthin mit, wohin es sein übel belesenes Publikum immer mit hinnimmt: zum Bücherregal. Und findet, das Video biete

"deutsche Unterhaltungskunst vom Feinsten, auf dem Niveau einer selbstironischen Doppelbödigkeit, wie sie bisher den postmodernen Romanen vorbehalten schien."

Zweitens aber sagt uns die mediale Großbeschäftigung mit dem Lindner-Filmchen, dass "die Medien" heute von Metasklaven gemacht werden. So würde es zumindest vielleicht der Schweizer Theatermann Milo Rau sagen. Den Begriff des Metasklaven nutzt er im Interview mit der gestern ausgelieferten zweiten Ausgabe des Magazins FuturZwei (taz-Verlag), als er auf Rudelbewegungen "der zeitgenössischen Intellektuellen" bei ihrer Themenwahl angesprochen wird. Rau:

"Erinnern Sie sich an das Phänomen des Pete-Doherty-Hütchens? (…) Dieses Filzhütchen ist eines Tages auf Dohertys Kopf aufgetaucht, dann haben es alle getragen, sogar mein Onkel hatte eins, und dann war es über Nacht wieder weg. Das geht auch mit Beethovens Neunter, Eribons Buch oder einem Song von Rihanna."

Oder halt mit einem alten Video, das einen Christian Lindner als Schüler zeigt, der der FDP von heute in bildungspolitischen Thesen grundlegend widerspricht. "Metasklaven", so Milo Rau, seien jene, die sich allen eigenen Beurteilungsfähigkeiten zu Trotz mit einer Sache in dem Moment beschäftigen, in dem es alle anderen auch tun. Selbst dann, wenn sie die Beschäftigung mit der Sache kritisieren.

Äh ja. Ups.


Die Rolle von Journalisten im Wahlkampf

Wir sind an der Stelle aber jetzt immerhin wirklich mitten drin im Wahlkampf. Nichts Neues gibt es zwar heute über die der AfD-Agenda unterworfenen Metasklaven aus den Talkshowredaktionen (okay, das war jetzt minimal zugespitzt). Aber Texte gibt es schon. Peter Unfried, Chefreporter der taz (deren Redakteur ich bis April gewesen bin) und ein Chefredakteur von FuturZwei, hat sich mit Angela-Merkel- und Martin-Schulz-Auftritten beschäftigt - genau wie übrigens Peter Kümmel im Zeit-Feuilleton. Unfried schreibt: Das "wirklich Erschütternde" sei, worüber

"alles nicht oder nicht ernsthaft gesprochen wird. Klimawandel kommt weder bei Schulz noch bei Merkel vor. Der Zusammenhang mit den eskalierenden Problemen Völkerwanderung, Krieg, Hunger, die zunehmende Aggression fossiler Regime, das alles wird nicht thematisiert. Wie das Geld zum Verteilen erwirtschaftet wird, also ökologische Modernisierung und Energiewende - nichts. Künstliche Intelligenz - nichts. Automatisierung, das große Arbeitsthema - nichts. Digitalisierung mit seinen vielfältigen Auswirkungen - nichts. Die gut gebildeten, jungen Prekären: Diese Gruppe Zukunftsträger jenseits von Tariflohn und Gewerkschaft kommt überhaupt nicht vor."

Zur Frage, was thematische Auslassungen der Volksparteien nun mit medialen Aspekten zu tun haben, siehe etwa die kurze Diskussion zwischen Georg Restle (ARD, "Monitor") und Christopher Lauer (SPD, selbstdenkend):

Was für ein Wahlkampf! Worüber wir dringend reden müssten, es aber nicht tun", twitterte Restle.

Lauer antwortete in mehreren Tweets:

"Aber ist schon lustig, dass Medienvertreter, die Politiker die ganze Zeit nach diesen Themen fragen könnten, es nicht tun, dann aber thematisieren, dass die Themen nicht thematisiert werden."

Wobei es Angela Merkel ist, die das von Martin Schulz geforderte zweite TV-Duell nicht haben will (u.a. Spiegel Online). Aber Lauer hat da absolut einen Punkt.

Er argumentiert übrigens, dass es "die Medien" (sic!) sehr wohl gebe - nämlich als "heterogene Masse". Dies nur als Gegenpunkt zur Altpapier-These vom Donnerstag: "Die Medien gibt's ja gar nicht, es sind immer viele unterschiedliche."


Sind Skandale links?

Im besagten Altpapier vom Donnerstag ging es um einen mittlerweile frei online gestellten FAZ-Beitrag der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer und Hans Mathias Kepplinger, die in der Frage, inwiefern Journalisten in der Flüchtlingsfrage 2015/2016 der Regierungslinie gefolgt seien, zwischen ausgewählten Print- und Fernsehmedien unterschieden.

Kepplinger, am Vortag also noch FAZ-Gastautor, ist heute Gegenstand eines Textes des FAZ-Feuilletons - in seiner Funktion als Autor des Buchs "Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken". Kepplinger, schreibt die FAZ, "beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit dem Selbstverständnis und den Arbeitsweisen von Journalisten. Dabei legt er besonderes Augenmerk auf das bewusste Herunter- und Hochspielen von Informationen."

Das Thema ist interessant, und dass es so etwas wie Hochspielen von Nachrichten gibt, ist klar. In einem kress.de-Interview hat er im Juni gesagt, viele Journalisten seien "Gläubige, die bei kontroversen Themen ihre berufs- oder ressortypische Sichtweise irrtümlich für die Wahrheit halten." Von Kepplinger allerdings könnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass er selbst auch nicht ungläubig ist: Einige der Medienopfer, die er anführt - Sarrazin, Tebartz-van Elst, Lewitscharoff, Pegida und die Atomkraft nach Fukushima -, sind, sagen wir es mal so, nun nicht von der völlig unstreitbaren Sorte. Die FAZ drückt es elegant so aus:

"Die von Kepplinger analysierten Opfer von Skandalisierungen und Informationsblockaden sind in der Regel konservativ. Liegt das allein daran, dass die meisten Journalisten, wie schon von Noelle-Neumann und Donsbach beschrieben, linksliberal oder links eingestellt sind und sich daher auf rechte Machenschaften kaprizieren? Oder sind dem konservativen Autor Kepplinger Kampagnen von rechts entgangen?"


Facebooks Rolle

Hm. Was Die Zeit über Facebooks Rolle im Wahlkampf schreibt, bindet den heutigen Themenkomplex von Wahlkampf bis Skandalisierung da ganz gut ab: "Nichts bewegt die deutschen Nutzer mehr als Kriminelle und Flüchtlinge", fasst Zeit Online eine Auswertung der Print-Zeit zusammen. Von den meistdiskutierten Themen hinsichtlich der Bundestagswahl in sozialen Netzwerken gebe es kein größeres. Und, schreibt Götz Hamann in der Print-Ausgabe: "Nüchterne Berichte ohne Wutpotenzial fallen ab." So würden rechte Quellen und eine rechtspopulistische Partei bei Facebook den öffentlichen Diskurs über Flüchtlinge bestimmen. Zeit Online fasst zusammen:

"Unter den zehn wichtigsten Nachrichtenquellen und Absendern in den sozialen Netzwerken, gemessen an dem Engagement, das sie erzeugen, sind fünf eindeutig der rechtspopulistischen Szene und der AfD zuzuordnen."

Die Auswertung beruht auf 3,26 Millionen Postings im August und September 2017. "Vor vier Jahren war das soziale Netzwerk ein Nebenschauplatz, heute ist es zentral."

Das ist jetzt zwar ein etwas anderes Thema, aber von wo aus ging übrigens das Christian-Lindner-Video viral. Na?


Altpapierkorb (Die Partei, "Zapp" vs. AfD, "Schuld" im ZDF, Transparenz, rechte Medien)

+++ Die SZ porträtiert (und mag) Nico Semsrott, der in der "Heute Show" mitmacht und für Die Partei kandidiert, den politischen Arm der Satirezeitschrift Titanic. Der SZ-Satz "Die taz beschrieb Satire als 'einzige ernstzunehmende Politik'" bedarf allerdings mittlerweile der Ergänzung. Die taz schreibt nämlich nun: "Klar, kann ich einen Luftballon aufblasen und dann sagen, ich hätte die Welt verändert. Ich kann auch die PARTEI wählen und mir einreden, damit etwas Kluges zu tun. Das kann ich alles machen. Ich bin dann eben: ein dekadenter Witzbold, der sich selbst dafür feiert, keinen Unterschied machen zu wollen". Michael Angele wählt im Freitag den Mittelweg in der Debatte: Die Partei "muss reformiert werden", aber "darf bleiben".

+++ Als hätte Hans Mathias Kepplinger es bestellt, liefert FAZ.net-Blogger Don Alphonso in einem ausufernden Beitrag ein Beispiel für einen nicht offen gelegten Interessenkonflikt: Eine "Zapp"-Mitarbeiterin habe eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung, für die sie selbst ehrenamtlich arbeite, im NDR-Medienmagazin vorgestellt – ein Vorgang, auf den er via Twitter von der AfD hingewiesen wurde; die weiß halt auch, an wen sie sich wendet. Die "Zapp"-Redaktion wehrt sich mittlerweile gegen die Vorwürfe.

+++ Christian Meier schreibt für die Welt noch einmal über die Transparenzoffensive der ARD (siehe noch einmal Altpapier von Donnerstag): Es gebe dazu keine Alternative. "Eine Neiddebatte lässt sich aber, angefacht durch die Veröffentlichung der Gehälter, vermutlich nicht völlig vermeiden - selbst wenn Sachlichkeit höchste Priorität haben sollte."

+++ Die Zeit berichtet über die Epoch Times aus Berlin, ein "Alternativmedium", das "im rechten Spektrum sehr beliebt" sei: "In der Rubrik 'Epoch Blaulicht' werden Berichte über Kriminalität veröffentlicht - genauer: Kriminalität durch Ausländer. Durch diese Auswahl schafft es die Epoch Times, ein rechtes Publikum anzusprechen, ohne sich selbst klar zu positionieren. Meist werden den Agenturmeldungen reißerische Überschriften vorangestellt."

+++ Am Samstag sollen die Stadtausgaben der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und Neuen Presse mit einer mehrseitigen Werbebeilage der AfD erscheinen, schreibt Ulrike Simon bei Spiegel Daily. "Bei Madsack sorgt das seit Tagen für Unruhe. Groß ist der Unmut vor allem bei der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg). Die Medienholding der SPD ist mit rund 23 Prozent der größte Gesellschafter des Madsack-Konzerns".

+++ Über eine Art Literaturkritikin der Welt schreibt Stefan Niggemeier bei Übermedien: "Am vergangenen Samstag gab der Kritiker Tilman Krause homosexuellen Männern den Rat, sich nicht mit Arabern einzulassen. Tun sie es doch, sollten sie sich hinter nicht beschweren, wenn sie vergewaltigt oder fast umgebracht werden." Was is?

+++ Die FDP beantwortet Übermedien die Fragen nach dem medienpolitischen Programm nicht.

+++ Besprochen wird heute die neue "Schuld"-Reihe von Oliver Berben nach den Büchern von Ferdinand von Schirach (Freitag, 20.15 Uhr, ZDF). Der Tagesspiegel sieht "lauter schöne, elegante Filme", die FAZ findet sie gar "superb". Die SZ findet dagegen: "Der Charme von Schirachs Texten liegt vor allem in dem sehr leichten, möglicherweise juristischen, jedenfalls immer unaufgeregten Ton, in dem der Strafverteidiger von Fällen aus seiner Laufbahn erzählt. (…) Auf den Bildschirm überträgt sich nur der Schrecken; die Leichtigkeit aber überträgt sich nicht."

+++ Die für ihren unabhängigen Journalismus mit dem Medienpreis M100 ausgezeichnete russische Journalistin Natalja Sindejewa (auch erwähnt von der FAZ) interviewt der Tagesspiegel.

+++ Über ein Rap-Nachrichtenformat im Radio Malis berichtet die SZ. Und bespricht "Mein Freund Lennie oder Die Reise" bei Deutschlandfunk Kultur (Sonntag, 18.30Uhr). Die FAZ kümmert sich um die Amazon-Prime-Serie "The Last Tycoon".

+++ Funke startet ein neues Jugendmagazin, berichtet DWDL.

+++ Der MDR setzt die Krimireihe "Zorn" nicht fort (u.a. DWDL).

+++ Disney geht ins Streaming-Geschäft, schreibt die Medienkorrespondenz.

+++ Altpapier gibt es am Montag wieder. +++