Collage zur Medienkolumne
Bildrechte: COLLAGE MEDIEN360G / panthermedia / dpa

Das Altpapier am 10. Oktober 2017 Schmelztiegel Internet

Ein leider unscheinbarer Pfeiler der Netz- und Medienlandschaft wurde ein Stückchen weiter unterhöhlt. Der Spiegel scheint mit seiner Titelstory-Schrotflinte ein paar ARD-Nerven getroffen zu haben. Und einer von denen, die als "bekanntester Journalist in Deutschland" gelten könnten, hatte großen Geburtstag. Außerdem: neue Sex-Fußball-Diskussion, Iris-Berben-"Brandbrief". Ein Altpapier von Christian Bartels.

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Los geht's mit einem prima Beispiel für Meinungsvielfalt anhand eines scheinbar schön harmlosen Exotenthemas. Netzneutralität ist schließlich erstens ein langes Wort und dürfte, zweitens, inhaltlich frühestens dann richtig wichtig erscheinen, wenn sie erst fehlt. Das könnte noch ein paar Jährchen dauern.

Also, die einen melden: "Die Bundesnetzagentur hat Details der mobilen Daten-Flatrate 'StreamOn' der Telekom für Video- und Audiodienste untersagt." Das klingt so, als sei diese Netzagentur ein scharfer Hund, der alles im Blick und der Deutschen Telekom nun mal Bescheid gestoßen hat.

Die anderen melden: "Schwerer Schlag gegen die Netzneutralität: Bundesnetzagentur winkt StreamOn durch" und schreiben dann gar von einem "untergrabenen ... Grundprinzip des Internets". Das klingt erheblich dramatischer.

Auflösung: Erstere Meldung steht bei horizont.net, dem Internetauftritt des Werber-Mediums (und dass kaum jemand auf sämtlichen deutschen Werbeflächen zwischen der Brust der Bayern-München-Fußballspieler und den Lokalressorts regionaler Tageszeitungen so kräftig wirbt wie die Deutsche Telekom könnte bei der Einschätzung mitschwingen). Letztere Version steht bei netzpolitik.org. Dieser Blog hatte im April (siehe altes Altpapier) auf das Problem des neuen Angebots, Videos von bestimmten starken Partnern "bis zum Abwinken" zu schauen, aufmerksam gemacht. Im aktuellen Eintrag nennt Tomas Rudl einen "innovativen Dienst", den die Telekom bereits benachteiligt habe (und in einem weiteren weist Markus Reuter darauf hin, dass die Telekom in dieser eigenen Sache inzwischen auch die noch junge Werbegattung "Influencermarketing" bemüht).

Falls Sie eine Einschätzung wünschen, wer denn nun recht hat: Bei Fragen, in denen einerseits massenhafte Mediennutzung und andererseits gern beschworene Digitalisierung und eben Netzpolitik (die leider noch nirgends als eigenständiges Ressort gilt) zusammenkommen, liegt netzpolitik.org häufig richtig. Falls Sie lieber noch eine weitere Meinung einholen: "Netzagentur fordert Telekom zum Nachbessern auf", meldet Spiegel Online. Markus Böhm trägt neutral diese und jene Stimmen zusammen – und muss am Ende den "Hinweis: Zu den StreamOn-Partnern der Telekom zählen unter anderem auch Spiegel TV und das Videoangebot von Spiegel Online" drunterschreiben. Genau so was ist das Problem bei Netzneutralität.

Was an dieser ARD-finanzierten Stelle natürlich zur Frage führt, ob ARD-Anstalten denn auch bei "Streamon" mitmachen. Offenbar nein; bloß die ZDF-Mediathek tut's. Hier finden Sie eine Übersicht.

Tralala (Spiegel-ARD-Clinch, nächste Runde)

Damit sind wir bei den Haupt-Kontrahenten der aktuellen Spiegel-Titelgeschichte (Altpapier gestern). Richtig treffsicher argumentiert das Magazin darin nicht, doch Pulverdampf und Donnerhall füllen die Nische. Und ein paar Nerven scheint der Spiegel bei der ARD getroffen zu haben.

Dafür spricht die namentlich nicht gezeichnete, nicht ganz 10.000 Zeichen lange "ARD-Stellungnahme" des "ARD-Vorsitzes" (der bekanntlich derzeit beim MDR liegt, bei dem auch das Altpapier erscheint). Sie trägt die Überschrift "Zerrspiegel".

Wie alle Diskussionsteilnehmer hat die ARD in ein paar Punkten einfach fulminant recht, zum Beispiel:

"Es ist nicht das erste Mal, dass Printjournalisten der Ansicht sind, ihnen gehöre publizistisch das Internet. Doch das Netz ist konvergent, ein Schmelztiegel aller Kommunikationsgattungen, Text, Foto, Grafik, Video, Audio, Foren und ein Tummelplatz für Fake News und Hasskommentare."

Und dass "die Verhärtungen der wutschäumenden Kommunikation in den Hallräumen des Netzes gelöst werden" müssten, ist noch so ein Halbsatz, den man sich merken können wollte. Allerdings möchte die ARD in ihren "paar Anmerkungen" gleich auch noch mal sämtliche Vorzüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus ihrer eigenen Sicht unterbringen und geht damit in die Falle, die der Spiegel mit der Formulierung "gebührenfinanziertes Trallala" aufstellen wollte. Zum Beispiel:

"Dabei vergisst er [der Spiegel], hinzuzufügen, dass Sport und nonfiktionale Unterhaltung (z.B. Quizshows) im Programmprofil des Ersten jeweils gerade einmal sechs bis zehn Prozent ausmachen und Informationssendungen (Nachrichten, Dokumentationen, Reportagen) bei rund 40 Prozent liegen, Fiction (z.B. 'Weissensee', 'Bornholmer Straße', 'Tatort', Vorabendserien) bei 35 Prozent. Das sind nackte statistische Daten. Wertevermittlung – das gehört zum Auftrag – kann indessen in allen Programmgenres stattfinden. Das zu bewerten, bedarf allerdings einer tieferen Analyse als der simplen Schmähkritik von 'gebührenfinanziertem Trallala'."

Wobei die Frage, wie genau man "Information" definiert, ein zentral wunder Punkt aller Medienanalysen ist. Und in eher simple Trickkisten greift die ARD selbst ebenfalls. "Fiction (z.B. 'Hubert und Staller – Die ins Gras beißen', 'Das Kindermädchen: Mission Mauritius', 'Rote Rosen')" klänge z.B. völlig anders als "Fiction (z.B. 'Weissensee', 'Bornholmer Straße', 'Tatort', Vorabendserien)". Und bewegte sich einen Tick näher am Programmalltag ...

Vielstimmig sind die Öffentlich-Rechtlichen allerdings (auch wenn es nicht immer gelingen mag, diese Vielstimmigkeit in den politischen Talkshows rüberzubringen). Weitere öffentlich-rechtliche Stellungnahmen zur Spiegel-Story liegen etwa von Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk vor, der die Unheimliche-Macht-Unterstellung einfach umzudrehen versucht ("Verlegerpräsident Döpfner ... hat übrigens mindestens so viel politischen Einfluss, wie nun den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstellt wird. Und über Friede Springer sogar direkten Zugang zur Kanzlerin"). Und von "Zapp"-Redaktionsleiterin Annette Leiterer:

"Es ist nicht das erste Mal, dass ein 'Spiegel'-Titel provoziert und der Text dann deutlich differenzierter zusammenkehrt, was vier verdiente Autoren aufgehäuft haben. Dem 'Spiegel'-Stil folgend müsste hier wahrscheinlich stehen: Solche Titel 'gehören zur DNA des 'Spiegel''. Schließlich muss das Blatt sich auch verkaufen - über den Titel. Das muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk in dieser Form nicht. Und an vielen Stellen ist die Analyse hinter diesem Titel richtig ..."

Was der Spiegel auch hätte schreiben können ...

Was der Spiegel hätte schreiben können, wenn er nicht als Schrotgewehr in eigener Sache ein paar angespannte Nerven hätte weiter freilegen, sondern die jenseits des Getöses laufenden Diskussionen bündeln oder vorantreiben wollen, schreibt ungefähr Christian Meier in Springers Welt (also dem einzigen seriösen Printmedium, das zum vom Zeitungslobby-Chef Mathias Döpfner geführten Springer-Konzern noch gehört). Um den Spiegel-Titel geht's dabei gar nicht, sondern um die von ARD und ZDF vorgeschlagenen Sparvorschläge (siehe v.a. dieses Altpapier).

Diese Vorschläge seien "allesamt Projekte, die Beitragszahler mit Recht verlangen dürfen und die geräuschlos im Hintergrund umgesetzt werden sollten. Sie erzeugen aber kaum einen Funken mehr Akzeptanz bei den Skeptikern und Kritikern", schreibt Meier. Der MDR-Intendantin und derzeitigen ARD-Vorsitzenden Karola Wille (die wiederum auch einen Welt-"Gastkommentar" schrieb), und ZDF-Chef Thomas Bellut bescheinigt er:

"Verantwortung haben sie ... aber auch für ihre Mitarbeiter, die sie vor allzu radikalen Änderungen bewahren wollen. Das ist verständlich, dient aber dem von Wille ins Feld geführten Gemeinwohl nur bedingt."

Eben das ist ein zentrales Problem aller Debatten über die Öffentlich-Rechtlichen: dass sämtliche Seiten geneigt sind, gewiss fast ebenso aus Überzeugung wie strategisch, sich selbst mit dem Gemeinwohl gleichzusetzen. "Die öffentlich-rechtlichen Sender [sind] zu Gefangenen ihres eigenen Systems geworden", so Meier. Die anderen Medien, die privatwirtschaftlichen, sind ebenfalls Gefangenen dieses Systems, bloß müssen sie sich über Einzelverkauf, also Titelseiten, und als Werberahmen finanzieren. Sie sind also noch etwas gefangener ...

Was jene Bundesländer-Politiker, die in diesem Herbst wichtige Entscheidungen dazu, vor allem über die künftige Rundfunkbeitrags-Höhe treffen müssen, zu den ARD/ZDF-Vorschlägen bereits so rausließen, deutet Meier auch an:

"Es müsse 'noch eine Schippe draufgelegt werden', lautete die erste Reaktion des Chefs der Sächsischen Staatskanzlei, Fritz Jaeckel (CDU), der die Medienpolitik der unionsgeführten Bundesländer koordiniert."

Davon, dass alle beteiligten Seiten noch ein paar Schippen in der Hinterhand haben, um jeden Funken Akzeptanz zu ... zu .... können Sie sich ja denken – davon lässt sich leider ausgehen.

Glückwunsch, Günter Wallraff!

Noch rasch "zum bekanntesten Journalisten in Deutschland", der kürzlich ein Dreivierteljahrhundert alt wurde. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, Günter Wallraff!

Falls Sie diesen bekanntesten Journalisten kaum kennen, weil Sie vor allem öffentlich-rechtlich fernsehen und Wallraff da ja nur noch manchmal im schwer ambitionierten ("gesellschaftlich relevante Themen ... journalistisch hintergründig"), mitternächtlichen Info-Angebot "Markus Lanz" auftaucht: Der ist nur noch für RTL zugange. Aktuelle Überblicke über sein Schaffen gibt's von der dpa (Hamburger Abendblatt) und vom DLF (Wallraff-Interview des schon erwähnten Stefan Kolldehoff).

Tagesaktuell lesenswert ist der dwdl.de-Beitrag, für den Uwe Mantel Wallraff fragte, wie er RTL eigentlich findet. Antwort: Er fühle sich dort

"bestens aufgehoben. 'Ich werde nicht benutzt, ich nutze den Sender', erklärt Wallraff. Das liegt zum Einen an der Zielgruppe: Mit seinen Reportagen, in denen es meist um prekäre Arbeitsbedingungen, geht, will er gerade auch jüngere Leute erreichen, was bei ARD und ZDF immer schlechter gelinge - zumal es kaum denkbar erscheint, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihm regelmäßig einen so prominenten Sendeplatz in der Primetime freiräumen würden. Dazu kommt, dass er gerade auch jene erreichen will, die von diesen Arbeitsbedingungen betroffen sind und die dann vielleicht nicht die typischen Arte- und Phoenix-Zuschauer sind. Noch wichtiger aber: Er fühlt bei RTL offenbar einen Rückhalt, den es nach seinen Aussagen bei den Öffentlich-Rechtlichen so nie gab. Über die Redakteure dort verliert er kein schlechtes Wort - doch einen Großteil seiner Energie habe er auf Diskussionen mit und Gutachten für die Hausjuristen verwenden müssen."

Falls Sie beim Lesen Lust bekommen haben sollten, die erwähnte RTL-Doku von Lutz Hachmeister zu sehen (für Wallraff u.a. noch mal "nach Hannover ... , wo er als Hans Esser einst die Methoden der 'Bild'-Zeitung aufdeckte", fuhr): Das geht hier in diesem Schmelztiegel Internet.

Altpapierkorb (Hardcore-"Tatort", Merkurist, Iris Berbens Brandbrief)

+++ Ein ganz anderes Fass der Öffentlich-Rechtlichen/ RTL-Diskussion macht Joachim Huber, der Fuchs vom Tagesspiegel, auf:  "Verkehrte Fernsehwelt: ARD und ZDF zeigen jetzt Sex, RTL zeigt jetzt Fußball." Es geht vor allem um die jüngste Folge des großen ARD-Fiction-Lagerfeuers "Tatort", "Hardcore" (und zumindest Hubers neuen Fachbegriff "Quotenlochverfüllung" könnte man sich merken wollen). +++ Circa zum selben Thema die Funke-Presse: "Fakten-Check zum 'Tatort': Sind Deutsche Porno-Weltmeister?" Achtung! Groovy Online-Untermalungsmusik ... +++ Dass der "Tatort" ja nur zeigte, was "millionenfach im Netz präsent" ist, und "es von Anfang an eine enge Abstimmung zwischen der 'Tatort'-Redaktion und der BR-Jugendschutzbeauftragten gegeben habe", meldet der Standard.

+++ Um die Funke-Presse nicht immer nur zu bashen: Dieser etwas ältere (Berliner) Morgenpost-Bericht über Karl-Theodor zu Guttenberg, "der gerade auch als möglicher Digitalminister der CSU gehandelt wird" (netzpolitik.org), ist auch lesenswert.

+++ "Ein deutschlandweites Netz von 'Newsrooms', die ... in Eigenregie ihre jeweilige Stadt mit aus Nutzerideen generierten Berichten versorgen", ist die Vision von merkurist.de und seinem Gründer Manuel Conrad und noch Financial-Times-Deutschland-inspiriert. Das ist Thema der SZ-Medienseite heute.

+++ Dramatik auf der FAZ-Medienseite: "In letzter Minute" wurde eine EU-Parlaments-Abstimmung über die "Regulierung der Urheber- und der Rechte von Fernseh- und Rundfunksendern im Internet – kurz Sat/Cab-Verordnung" verschoben, berichtet Jörg Seewald. Und attackiert den SPD-Abgeordneten Tiemo Wölken "als Lobbyist der öffentlich-rechtlichen Sender". Doch der "Brandbrief nach Brüssel", den Iris Berben als Präsidentin der Deutschen Filmakademie schickte, habe noch gewirkt.

+++ Noch'n Beleg für Hubers Öffis-Sex-These: die ZDF-Neo-Serie "Sylvia's Cats", die weder der Tagesspiegel noch die FAZ ("als hätte man die Lindenstraße ins Hannoveraner Steintor-Viertel verlegt") richtig toll finden. Lob verdient, dass es sich um eine ZDF-kofinanzierte belgische Produktion handelt. Europäische Fiktion wird hierzulande schließlich selten gesendet.

+++ Wobei, Schwedenkrimis natürlich. Mit "Würde man nicht Schauspieler sehen wie Nadja Uhl, Joachim Król, Manfred Zapatka oder Johann von Bülow, würde man ihn glatt für die nächste Thriller-Lieferung aus Skandinavien halten" lobt die FAZ den ZDF-Zweiteiler "Tod im Internat", der bereits läuft ("Teil eins lief bereits gestern, ist aber noch über die Mediathek zu sehen. Teil zwei läuft morgen um 20.15 Uhr.").

+++ So sieht Leser-Blatt-Bindung aus! Beim "Tag der Zeit" der gleichnamigen Wochenzeitung fühlte meedia.de einen Hauch "Cupertino inmitten des Hamburger Schmuddelwetters."

+++ Den heutigen ARD-Fernsehfilm "Ellas Baby" empfiehlt die SZ in Form eines Porträts des Regisseurs David Dietl (und seines Vaters, "des großen Helmut Dietl").

+++ "Unendlich traurig, tragisch und immer noch unwirklich" ist der Sturm-Tod der Journalistin Sylke Tempel. Schreibt Silke Mertins im taz-Nachruf.

+++ Der Spiegel hat schon lange kein Medienressort mehr, aber manchmal aufschlussreiche Mediengeschichten. Zum Beispiel diese aus dem SPON-Wirtschaftsressort über DAZN, "das derzeit aggressivste Unternehmen im globalen Sportmarkt", in das der Milliardär Leonard Blavatnik schon sehr viel Geld reingeschossen hat: "Der globale Markteintritt von DAZN ist für die nächsten zehn Jahre voll finanziert, erst ab 2020 soll der Dienst in den ersten Märkten profitabel sein."

+++ Zum Schluss ein Blick in die Schweiz, wo eine Initiative namens No Billag die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen möchte. In ihrem lesenswerten Interview dazu stellt die NZZ dem SRG-Generaldirektor Gilles Marchand kürzlich unter anderem die Frage "Haben Sie kein Vertrauen, dass die Leute freiwillig für die Leistungen der SRG bezahlen würden?".

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.