Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema: Sebastian Kurz beschäftigt einen eigenen Fotografen und der Videotext behauptet sich gegen das Internet
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / panthermedia / dpa

Das Altpapier am 24. Oktober 2017 Text versus Bild

Heute dabei: das Wahrzeichen der FAZ, ein uraltes Fernseh-Nebenprodukt auf Augenhöhe mit Twitter, die "sportstrategische Bedeutung" der Fußballnationalmannschaft und die womöglich zweitgrößte Lobby-Schlacht der EU. Es wächst halt alles zusammen in diesem Internet. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema: Sebastian Kurz beschäftigt einen eigenen Fotografen und der Videotext behauptet sich gegen das Internet
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Zur Auflockerung erst mal ein Gewinnspiel, bei dem hochwertige Mediennutzungsgeräte verlost werden:

"Sein häufig über das streng Nachrichtliche hinausgehender Charakter in Verbindung mit zuweilen ironisch-zugespitzten Texten hat es mittlerweile zum Wahrzeichen des Blattes gemacht. Die Leser fragen sich jeden Morgen: Was wird die F.A.Z. wohl heute auf dem Titel haben?",

schreibt die FAZ in erfreulich ungebrochenem Selbstbewusstsein über ihre Titelseiten-Fotos, die seit zehn Jahren die vormalige reine Bleiwüste bereichern. Das schönste aus dem noch laufenden Jahr soll nun gewählt werden.

Falls Sie nun angefixt sind und sich fragen, was die FAZ wohl heute (als Foto) auf dem Titel hat: der Christo-verpackte Reichstag ist's, und im Text dazu wird zwischen den Neu-MdBs von der AfD und dem "Sondierung genannten Kasperltheater" ausgelassen hin und her assoziiert.

Dass man das Theater auch ganz anders nennen kann, zeigt Österreich. Der schönere, womöglich sogar sexy-ere Begriff für Sondierungsgespräche lautet dort: "Annäherungsgespräche". Das steht im Bericht des Standard, der vor allem allerdings von den Bildrechten an diesen Annäherungsgesprächen handelt. Die hat die größte Partei ÖVP, die mit ihrem gutaussehenden Spitzenkandidaten Sebastian Kurz vermutlich den Bundeskanzler stellen wird, kurzerhand monopolisiert:

"Die Partei hatte einen eigenen Fotografen verpflichtet, der exklusiv die Begegnungen ablichtete, die Medien durften nur vor dem Gebäude fotografieren. Damit behielt sich die ÖVP die Kontrolle über die Bilder von Kurz mit den anderen Parteichefs vor."

Falls Sie rasch mal schauen wollen, ob sich das gelohnt hat: bitte sehr.

Nur mal als Gedankenspiel: Was würde dieses Prinzip nach Deutschland übertragen bedeuten? Wenn zum Beispiel Polit-Talkshows, die ja schon Wochen vor Beginn der Sondierungsgespräche mit dem Jamaika-Koalitions-Betalken begannen, für jeden Wolfgang-Kubicki-Auftritt am aktuellen Marktwert orientierte Honorare zahlen müssten? ... Es könnte ihnen und den Programmen, in denen sie laufen, nur gut tun. Am Ende würden sogar unterschiedliche Themen getalkt!


Der schriftliche Text lebt!

Falls Sie als eingefleischter Leser jedoch seufzen sollten: hach, immer der "Iconic turn", bald wird die Gutenberg-Ära der geschriebenen Texte ihrem Ende entgegen gehen, weil Menschen "sich Fotos lieber anschauen als Text" (wie es Instagram-Gründer Kevin Systrom einst formulierte) ... stopp! Der schriftliche Text lebt!

Ein krasses Beispiel dafür liefert der Berliner Tagesspiegel, der die Videotext-Redaktion der ARD in Potsdam besucht hat.

"Mit vier Millionen Besuchern pro Tag ist der ARD-Text erfolgreicher als viele Nachrichtenseiten im Internet. 'Unser Vorteil ist die große Nachrichtendichte auf einen Blick', sagt [Redaktionsleiterin Frauke] Langguth. Zwar wirkt der Teletext mit seiner schlichten Pixel-Optik heute aus der Zeit gefallen, doch er ist noch immer ein Massenmedium. Rund elf Millionen Deutsche, so eine Erhebung von 2016, nutzen täglich mindestens einmal den Teletext. Die Faszination lebt, allen Abgesängen zum Trotz",

freut sich Felix Hackenbruch. Langguth bekommt dann sogar Gelegenheit, wegen der Teletext-immanente Zeichenbeschränkung (auf "800 Seiten mit je 25 Zeilen à 40 Zeichen") zu sagen:

"Damit sind wir so modern wie Twitter - nur uns gibt es schon viel länger."

Wobei, kompliziert ist es doch. Schließlich ist der ARD-Videotext außer auf Fernsehgeräten auch "online und auf einer Smartphone-App" zu lesen.


ZDF vs. ARD?

Im großen Schmelztiegel Internet wächst eben alles zusammen, unbewegte Texte und Bilder mit bewegten, mit Tönen und noch viel mehr.

Dass die Ministerpräsidenten der Bundesländer vergangene Woche die in dieser Nische gespannt erwarteten Entscheidungen zur Frage, was die Öffentlich-Rechtlichen im Internet künftig dürfen, verschoben haben, stand gestern an dieser Stelle.

Gelegenheit also, den epd medien-Leitartikel "Currywurst oder Champagner?" von Michael Ridder zu lesen, der inzwischen frei online verfügbar ist. Der eigentlich ziemlich Öffentlich-Rechtlichen-freundliche Mediendienst epd medien äußerte da, wie im Altpapier bereits erwähnt, recht scharfe Kritik an der ARD:

"Die Antwort der ARD machte deutlich, warum in den Papieren nichts darüber zu lesen war, was die Sender im Programm künftig maßvoller betreiben wollen. Warum es nicht ein paar Sätze zu einer erforderlichen Profilschärfung, zur deutlicheren Abgrenzung gegenüber den Produkten der privaten Rundfunkindustrie gab. Denn das wäre ein Zeichen gewesen, dass man die vom ehemaligen ARD-Programmdirektor Günter Struve begonnene Quotenmaximierung - eine Strategie, bei der die ARD inzwischen längst vom Dauer-Marktanteilssieger ZDF rechts überholt wurde - als Irrweg erkannt oder zumindest als Zukunftskonzept verworfen hat. Dies ist jedoch offenkundig nicht der Fall."

Falls Sie Millennial sind und Struve gar nicht mehr kennen: Als "Mister ARD" war er der Vorgänger des aktuellen ARD-Programmdirektors Volker Herres (dessen Vertrag übrigens gerade "nur um drei Jahre ... und nicht wie bei Spitzenpositionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sonst üblich um fünf Jahre" verlängert wurde, vgl. medienkorrespondenz.de).

Und ob ARD und ZDF auseinander dividiert werden, wie es der vielzitierte Magdeburger Medienpolitiker Rainer Robra im Schilde führte, könnte sich zu einer weiteren spannenden Frage entwickeln. Zumindest ist das ZDF ja aus Sicht der Verleger der Liebling. Wie sagte Mathias Döpfner im ebenfalls vielfach erwähnten FAZ-Interview? "Wenn sich die ARD von morgen an so verhielte wie das ZDF, würde kein Verleger mehr Kritik üben".

Just kündigte das ZDF eine Rund- bis Rundumerneuerung seiner "ZDFheute-App" sowie des Internetauftritts der "heute"-Nachrichtensendung an. Dazu gehört eine "stärkere Anbindung an den eigenen Video-Content" – also genau das, was die Verlage-Lobbys schon jetzt am ZDF loben und von der ARD bislang vergeblich verlangen.

Wo es wirklich wichtig wird, oder zumindest teuer, handeln ARD und ZDF weiterhin gemeinsam. Gerade offiziell bekannt wurde, dass beide gemeinsam neue Fußballspiel-Fernsehrechte gekauft haben: die an der zur Steigerung der Fußballspielfernsehrechte-Einnahmen von der UEFA ersonnenen "Nations League" (dwdl.de). Der WDR-Rundfunkrat hat dem Kauf, nicht ohne kritische Floskeln zur "zunehmenden Kommerzialisierung des Spitzensports", zugestimmt. Vor allem der neue Fachbegriff "sportstrategische Bedeutung", den der Rundfunkrats-Vorsitzende Andreas Meyer-Lauber im kostenpflichtigen Kurzinterview der SZ-Medienseite zu "programmstrategische Bedeutung der Nationalmannschaft" (heißt: "Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen keine Spiele der Nationalmannschaft zeigt, geht die Beitragslegitimation verloren") variiert, dürfte bleiben und künftige Diskussionen bereichern.


Eine selten beleuchtete Lobbyschlacht-Front

Dabei wächst noch viel mehr zusammen als Zeitungstexte, Fotos und Fußball-Länderspiele. Ja, im Schmelztiegel Internet sind andere Inhalte wesentlich wichtiger.

In jedem Fall noch lesenswert ist der netzpolitik.org-Artikel über "die womöglich zweitgrößte Lobby-Schlacht der EU", die "von einer größeren Öffentlichkeit unbemerkt" weiter tobt. Es geht um die "ePrivacy"-Verordnung, die vom EU-Parlament angenommen wurde und nun in den "Trilog zwischen Parlament, Kommission und Rat" geht. Ingo Dachwitz fasst einen Bericht der Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Obsavatory zusammen:

"Von einer größeren Öffentlichkeit unbemerkt versucht eine bemerkenswerte Allianz aus Datenfirmen wie Google und Facebook, Telekommunikationsanbietern wie der Telekom und Vodafone, Tech-Riesen wie Microsoft und Apple, Presseverlagen und dem Rest der Online-Werbeindustrie eine stärkere Regulierung mit allen Mitteln zu verhindern".

Interessant ist u.a., dass die genannten Lobbys natürlich längst wissen, dass ihre Positionen, wenn sie als die solcher Lobbys erscheinen, unsympathisch erscheinen, und Gegenstrategien ersonnen haben. Zum Beispiel

"... die Debatte um die Verordnung so zu verschieben, dass es nicht mehr um Privatsphäre geht, sondern um Medienvielfalt, Fake News oder gar die Zukunft des Internets. Eine tragende Rolle spielten dabei die Versuche von Presseverlagen, einen möglichen Gewinn an informationeller Selbstbestimmung für ihre Leser als Bedrohung für die finanzielle Stabilität ihrer Branche und damit für die Demokratie zu framen. Allen voran übrigens der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, die die Regulierungsbestrebungen ernsthaft als 'Angriff auf den freien Journalismus' geißelten."

Falls Sie noch was zum Thema lesen wollen: Der ebenfalls längere Kommentar auf mobilegeeks.de, der unter der Überschrift "Disruption ist geil. Ist es nicht!" ein bei Digital-Enthusiasten beliebtes Buzzword destruiert, verdient ebenfalls, gelesen zu werden:

"Schon heute wissen die allermeisten Menschen nicht mehr an welchen Stellen sie überall Daten erzeugen und was mit diesen Daten gemacht wird",

schreibt der Autor dort und stellt dann Forderungen zum Umgang mit Facebook, Google usw. auf wie "Wir sollten zugleich dafür sorgen, dass die Allgemeinkosten von jenen mitgetragen werden, die unter Ausnutzung bestehender öffentlicher Infrastrukturen ihre Gewinne einfahren", die auf dem Portal mobilegeeks.de (das im Regelfall seinem Namen Ehre macht) dann doch überraschen.

Der Autor Roland Panter ist übrigens ein Grüner, und das könnte fast ein bisschen Hoffnung machen, dass in den laufenden Sond... äh ... Annäherungsgesprächen zumindest netzpolitisch etwas Sinnvolles herauskommt. Zum Beispiel ein Digitalminister, der nicht im Hauptberuf Autobahnminister ist.


Altpapierkorb

+++ Leider geradezu eine Reihe: Anschläge auf Journalisten in Europa. Neuestes, zum Glück nicht ermordetes Opfer: die russische Radiojournalistin Tatjana Felgengauer vom regierungskritischen Sender Echo Moskwy (deren Name manchmal, z.B. auf Englisch, auch deutscher klingend Felgenhauer transkribiert wird; siehe welt.de, Guardian). +++

+++ Leider ebenfalls verlängert: die "lange Reihe der Prozesse gegen Journalisten in der Türkei". Heute beginnt "ein besonders heikles Verfahren", bei dem es um geleakte E-Mails des Erdogan-Schwiegersohns und -Energieministers Berat Albayrak geht. Welche Rolle der weiterhin nicht vor Gericht stehende, bloß eingekerkerte Deniz Yücel dabei spielt, steht in der taz und bei reporter-ohne-grenzen.de. +++

+++ Die deutschen Presseverlage als Teil vom "Rest der Online-Werbeindustrie"? Gruner+Jahr ist stolz auf eine "Ad-Tech-Company", die beim Bonuspunkte-Sammeln per Apps-Runterladen hilft (meedia.de). +++

+++ Deutsche Infrastrukturen nehmen zu bedenkenlos mit Hintergedanken gegebene Spenden an? Das befürchtet die taz am Beispiel einer gemeinnützigen GmbH und Googles, die Schulen Computer spendieren. +++

+++ Wer hat nicht schon die Rundfunkbeitragspflicht verflucht, weil die spannenden Partien der Fußballnationalmannschaft in Aserbeidschan beim voll werbefinanzierten Privatsender RTL liefen? Dazu RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt: "Sport ist definitiv die Kirsche auf der Torte eines Programmanbieters. Das macht Spaß, und Fußball hat eine Geling-Garantie, weil das Interesse bei fast allen Zuschauern eben sehr hoch ist." Außerdem fordert sie im Interview des SZ-Wirtschaftsressorts von den Politikern, dass "die großen amerikanischen Plattformen, mit denen wir konkurrieren", also Google und Facebook, mehr reguliert werden oder die deutschen Privatsender ebenfalls weniger. Grund fürs Interview: die Münchener Medienkonferenz namens "Medientage", die heute beginnt. +++ Auf der FAZ-Medienseite freut sich Michael Hanfeld schon auf die Diskussionen dort. +++

+++ Werden katalanische Sender zum "Spielball in den Auseinandersetzungen zwischen Madrid und Barcelona"? Das beleuchtet der Tagesspiegel, indem er Beiträge aus dem ZDF-"Morgenmagazin" und des privaten, nicht verlagsgebundenen Mediendiensts dwdl.de verknüpft. +++

+++ Neue Annäherungsgespräche zwischen Presseverlagen und dem Grosso-Verband, die im Geschäft mit gedruckten Medien zusammenarbeiten müssen, liefen nicht so erfolgreich (meedia.de). +++

+++ Zum gestern hier erwähnten NDR-kritischen Film "Der Preis der Anna-Lena Schnabel" hat sich der NDR geäußert (ebenfalls meedia.de). +++

+++ Um "Software, die auf offenen Daten basiert", sowie die Schwierigkeit, auf die deren Entwicklung im deutschen Verwaltungsalltag stoßen, geht's noch auf der FAZ-Medienseite. +++

+++ Und Horst Stern, der in einer Zeit, als das Fernsehen "nicht zum Betäuben ..., sondern zum Bereichern und Verstören" da war, Bewusstsein für Naturschutz weckte, gratuliert die SZ in Gestalt von Holger Gertz zum 95. Geburtstag. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.