Das Altpapier am 8. November 2017
Bildrechte: MEDIEN360G

Das Altpapier am 8. November 2017 History is not what happened

Sind die "Paradise Papers"-Veröffentlichungen datenschutzrechtlich fragwürdig? Übt YouTube, vor allem gegenüber Kindern, "infrastrukturelle Gewalt" aus? Außerdem: Axel Springers Heinz Strunk; eine Anwaltskanzlei, die für die New York Times gearbeitet und im Auftrag Harvey Weinsteins gleichzeitig gegen die Zeitung gearbeitet hat. Ein Altpapier von René Martens

Das Altpapier am 8. November 2017
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Der diffuse Begriff "presseähnlich" hat in den vergangenen Jahren eine beachtliche Karriere gemacht. Für den Begriff "fernsehähnlich" trifft das eher nicht zu. Anlass für diese schnippische Differenzierung ist ein Beitrag aus der Kategorie fernsehähnliche Presse, der in den letzten rund 24 Stunden viral gegangen ist. Verantwortlich für dieses Video ist Olaf Gersemann, den man Springers Heinz Strunk nennen könnte, wie es "Extra 3" nahe legt, wo der wahre Heinz Strunk seit vielen Jahren regelmäßig performt. Um das Thema der Stunde, also die Paradise Papers (Altpapier von Montag und Dienstag) geht's, und Gersemann, Ressortleiter für Wirtschaft und Finanzen bei der Welt, findet die Enthüllungen überhaupt nicht gut.

"Bankkonten in Steueroasen sind das Bargeld des reichen Mannes",

sagt Uns Olaf gleich zu Beginn. Man könnte natürlich auch sagen: Bankkonten in Steueroasen sind die Matratze des großen Mannes. Denn: Schließlich werden sie von Leuten genutzt, "die zu viel Geld haben, als dass es sich in Matratzen und Wandtresoren unterbringen ließe".

Selten hat man eine so groteske Karikatur eines Minnesängers des Kapitals gesehen. Ein anderer Minnesänger singt bei der NZZ, Peter A. Fischer heißt dieser Paradise-Papers-Kritiker:

"Offshore-Transaktionen sind meistens entweder simpler Ausdruck der globalen Natur eines Geschäfts oder aber Resultat von tatsächlichen Unzulänglichkeiten und Missständen in den betroffenen Ländern (…) Die Suche nach Schutz vor Rechtswillkür, überbordender Bürokratie, übermässiger Besteuerung oder auch nach Privatsphäre zu verteufeln, greift (…) zu kurz."

"Das geht in einem Rechtsstaat einfach nicht"

Wer eine Replik auf den NZZ-Kommentar lesen möchte: "Monitor"-Redaktionsleiter Georg Restle hat bei Facebook eine verfasst. Differenzierte Kritik an den Paradise Papers übt Michael Voss. Für MDR Aktuell, also ein Programm aus dem illustren Verwandtschaftskreis des Altpapiers, hat er einen Kommentar verfasst, den er auf seiner eigenen Website veröffentlicht hat:

"Ein Aspekt bei der Berichterstattung über die Paradise Papers (kommt mir) viel zu kurz: Um an diese Dokumente zu kommen, sind offensichtlich Gesetze gebrochen worden - entweder von den Journalisten oder von ihren Quellen. Ich bin kein Jurist, aber das Bankgeheimnis gilt in der gesamten Europäischen Union, wahrscheinlich weltweit. Datenschutzgesetze - wenn auch von Land zu Land auf sehr unterschiedlichem Niveau - gibt es europa- und weltweit. Deutschland hat dabei sogar eines der strengsten Datenschutz-Gesetze, wie Experten bestätigen. Und dann gilt in Rechtsstaaten ebenfalls der Grundsatz, dass jemand bis zu einem gegenteiligen Gerichts-Urteil als unschuldig gilt. All diese Regeln des demokratischen Miteinanders scheinen bei der Berichterstattung über die Paradise-Papers aufgehoben zu sein."

Außerdem kritisiert Voss:

"Klarnamen zu nennen, sowie die Grenzen zwischen möglichen - bislang juristisch nicht einmal bewiesenen - Straftaten und moralisch verwerflichen Verhalten zu verwischen, das geht in einem Rechtsstaat einfach nicht."

Mit zwei Beteiligten der Berichterstattung zu den Steueroasen hat Brigitte Baetz für @mediasres gesprochen: Benedikt Strunz und Philipp Eckstein, die für den NDR-Podcast zu Paradise Papers verantwortlich sind. Strunz tritt hier "dem Vorurteil" entgegen, "man könne lange und komplexe Recherchen nur schwer im Radio darstellen". Der erwähnte Philipp Eckstein ist auch Co-Autor eines tagesschau.de-Beitrags, der wiederum bei meedia.de auf Kritik stößt. Hintergrund: In dem Text über einen "Offshore-Automatenkönig" fehlt der Hinweis, dass "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer einmal eine Veranstaltung der Firma dieses Königs moderiert hat.

Für eine zumindest im Kontext der investigativen Berichterstattung ungewöhnliche Textform hat sich SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach entschieden: Er hat einen Offenen Brief an einen Bösewicht verfasst, und zwar an Tim Cook, den obersten Apfelmann:

"In den Paradise Papers haben wir Informationen gefunden, die das Bild von Apple trüben, das Sie gerne zeichnen. Auf Fragen, die wir als Süddeutsche Zeitung (…) gestellt haben, haben wir von Apple keine oder allenfalls schmallippige Auskünfte erhalten. Warum? (…) Was mich am meisten verstört, ist (…), wie Apple dazu kommt, eine Kanzlei damit zu beauftragen, sie solle von den Behörden oder der Regierung eines Landes eine Bestätigung dafür erwirken, dass man dort 'keinerlei Besteuerung unterworfen‘ werde. Warum wollen Sie das?"

"All the facts might be correct, but …"

Als Einstieg diente uns heute ein fernsehähnlicher Pressebeitrag aus dem Hause Springer. Zu den nur noch wenigen Druckerzeugnissen des Unternehmens gehört die deutsche Ausgabe des Rolling Stone. Die hiesige Version des Magazins legendär zu nennen, wäre wohl etwas verwegen - Offenlegung: Ich kaufe das Heft trotzdem ein- bis zweimal im Jahr -, aber fürs Original gilt das allemal. Rich Cohen erzählt für The Atlantic nun unter anderem die Geschichte des Magazins. Anlass: "Sticky Fingers", die gerade erschienene Biographie des Rolling-Stone-Gründers Jann Wenner, deren Autor, er, Cohen, beinahe selbst geworden wäre. Nun schreibt er:

"'Sticky fingers' reads like a Rolling Stone article - the story of a one-of-a-kind publication and the man who, for a time, was 'the most important magazine editor in America,‘ told in the magazine's own turbocharged voice (…) Rolling Stone was founded with $7,500, mostly borrowed, by Wenner, a 21-year-old Berkeley dropout with at least one great idea, that of 'shepherding the generational plotlines of the 1960s into a rambling biweekly serial of rock-and-roll news.‘ It started as a small hippie publication - John Lennon was on the first cover - but quickly caught the zeitgeist. Within half a decade, the magazine's cover had become the most sought-after real estate in rock and roll."

Cohens ambivalentes Fazit könnte auch Leser inspirieren, deren Interesse für die Geschichte des Rolling Stone nicht allzu stark ausgeprägt ist:

"No matter how good that history is, the writer can't help getting a crucial aspect wrong. All the facts might be correct, but the spirit is lost. The effect is like a body without a soul. Everything we read about the past is bound to be incomplete because, though we might know what unfolded, we can never really know how the experience felt. The story that gets pieced together takes the place of the memory, then becomes the memory. Because this book is so good, its portrait of Jann Wenner will stick in our heads. History is not what happened, but what remains when everything else is forgotten."

Weitere aktuelle Texte zum Buch "Sticky Fingers" finden sich bei der New York Times (Headline: "How Will Jann Wenner and Rolling Stone Be Remembered?") und im Guardian.

"… für viele Frauen sicher auch kontraproduktiv"

Am Donnerstag vergangener Woche bot es sich anlässlich eines in Barcelona spielenden Krimis an, an dieser Stelle zu bemerken, dass sich die langfristige Programmplanung der ARD kurzfristig als sehr geschickt herausgestellt hatte. Für den ARD-Themenabend "Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile"?" lässt sich das so pauschal eher nicht sagen. Hauptbestandteil des Programmschwerpunkts ist der Spielfilm "Meine fremde Freundin", inszeniert von Stefan Krohmer, danach wird bei Sandra Maischberger unter dem Titel "Sexuelle Nötigung - Männer unter Generalverdacht?" getalkt. Worum geht es in dem Film? Achtung, Spoiler: Man habe sich, so NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath gegenüber Kurt Sagatz (Tagesspiegel) für einen "Ansatz entschieden, in dem eine Hauptfigur in einem völlig normalen Milieu zu Unrecht wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt wird und an gebrochenem Herzen stirbt."

Heike Hupertz empfiehlt "Meine fremde Freundin" in der FAZ:

"Der Film ist eine sachliche, gleichwohl raffinierte Lektion über die Notwendigkeit, Fälle sexualisierter Gewalt, die sonnenklar auf der Hand zu liegen scheinen, genau zu prüfen. Vom Herrenwitz zur körperlichen Erniedrigung führt kein direkter Weg."

Christine Dössel, die Theaterredakteurin der SZ, lobt auf deren Medienseite den Film ebenfalls, benennt aber auch ein mögliches Problem auf der Rezeptionsebene:

"Der Film belässt (…) lange Zeit vieles in der Schwebe, was eine Qualität ist. Krohmer leuchtet subtil Situationen und Charaktere aus, betreibt ein tiefgründiges Spiel mit Stereotypen und scheinbaren Gewissheiten (…) Aber gerade das könnte diesem unter anderem vom Fall Kachelmann inspirierten Drama von einigen auch vorgeworfen werden. Beziehungsweise ihm Applaus von falscher Seite einbringen. Gedreht Anfang des Jahres, kommt der Film zu einem Zeitpunkt heraus, da ihn die Enthüllungen über den US-Produzenten Harvey Weinstein und die dadurch ausgelöste #MeToo-Debatte zwar hochaktuell machen, aber für viele Frauen sicher auch kontraproduktiv."

Um daran mit dem bereits zitieren Kurt Sagatz anzuschließen:

"So fällt Sandra Maischberger die Aufgabe zu, in ihrer Talksendung direkt im Anschluss an den Film die Debatten miteinander zu verknüpfen."

Der Fall Harvey Weinstein, den dann also Sandra Maischberger ins Spiel wird bringen müssen, gewinnt durch neue Recherchen Ronan Farrows, der mit seiner Berichterstattung die #MeToo-Kampagne erst möglich gemacht hat, neue Dimensionen. Das SZ-Feuilleton hebt aus Farrows Text für den New Yorker unter anderem hervor, dass eine Privatdetektei "Personen engagiert haben (soll), die sich als freiberufliche Journalisten ausgaben. In dieser Tarnfunktion sollten sie Kontakt zu Frauen aufnehmen, um herauszufinden, ob diese gegen Weinstein vorgehen wollten."

Belinda Grasnick ergänzt in der taz:

"Schon (2016) soll Weinstein private Sicherheitsagenturen damit beauftragt haben, Informationen über die Frauen und Journalisten zu sammeln, die die Vorwürfe öffentlich machen könnten. Ronan Farrow hat dutzende Dokumente ausgewertet und mit sieben Menschen gesprochen, die direkt in die Vertuschungsoffensive involviert waren."

Die New York Times stand bei dieser "Vertuschungsoffensive" sogar gewissermaßen unter friendly fire, denn im diesbezüglichen Einsatz für Weinstein war auch eine Anwaltskanzlei, die in den vergangenen zehn Jahren mehrmals für die Zeitung tätig gewesen war. Die Times schreibt dazu in eigener Sache:

"We learned today that the law firm of Boies Schiller and Flexner secretly worked to stop our reporting on Harvey Weinstein at the same time as the firm's lawyers were representing us in other matters. We consider this intolerable conduct, a grave betrayal of trust, and a breach of the basic professional standards that all lawyers are required to observe. It is inexcusable and we will be pursuing appropriate remedies.”

Problematische Ü-Ei-Videos

Englischsprachige Quellen sind heute nicht unterrepräsentiert in dieser Kolumne. Der Trend wird auch an dieser Stelle nicht gestoppt, und zwar, weil ich einen Artikel, den James Bridle für Medium über "the increasingly symbiotic relationship between younger children and YouTube" geschrieben hat, für sehr instruktiv halte. Bridle betont:

"We're not talking about the debatable but undoubtedly real effects of film or videogame violence on teenagers, or the effects of pornography or extreme images on young minds (…)"

Es geht vielmehr um auf den allerersten Blick harmlose Videos, etwa eines "kid-friendly channel entirely devoted to opening surprise eggs and unboxing toys":

"When some trend, such as Surprise Egg videos, reaches critical mass, content producers pile onto it, creating thousands and thousands more of these videos in every possible iteration. This is the origin of all the weird names (…): branded content and nursery rhyme titles and "surprise egg” all stuffed into the same word salad to capture search results, sidebar placement, and "up next” autoplay rankings (…) What we're talking about is very young children, effectively from birth, being deliberately targeted with content which will traumatise and disturb them, via networks which are extremely vulnerable to exactly this form of abuse. It's not about trolls, but about a kind of violence inherent in the combination of digital systems and capitalist incentives (…)"

Die konkret Verantwortlichen benennt er auch.

"YouTube and Google are complicit in that system. The architecture they have built to extract the maximum revenue from online video is being hacked by persons unknown to abuse children, perhaps not even deliberately, but at a massive scale."

Bridles Fazit:

"What concerns me is not just the violence being done to children here, although that concerns me deeply. What concerns me is that this is just one aspect of a kind of infrastructural violence being done to all of us, all of the time, and we're still struggling to find a way to even talk about it, to describe its mechanisms and its actions and its effects."

Achtung: Die Leserdauer des zitierten Textes beträgt laut Medium 21 Minuten. Um die von Bridle ausdrücklich nicht behandelten Gefahren, die für Kinder u.a. bei YouTube "lauern" könnten, berichtet derweil Felix Hackenbruch für den Tagesspiegel:

"Rund 90 Prozent aller Erziehungsberechtigten würden es (…) begrüßen, wenn der Zugriff auf Online-Angebote generell erschwert wird. Diese Zahlen gehen aus dem sogenannten Jugendmedienschutzindex hervor, der am Dienstag auf einer Pressekonferenz von Wissenschaftlern und den Herausgebern der Untersuchung, der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM), vorgestellt wurde."

Altpapierkorb (Disney, Ambient News, Hörzu Wissen)

+++ Das derzeit heißeste "Verkaufs-Szenario" aus der Medienwirtschaft: "Teile des Murdoch-Unternehmens 21st Century Fox könnten den Eigentümer wechseln und an Disney verkauft werden", berichtet die SZ. Siehe auch New York Times und Handelsblatt.

+++ Neues von der Zukunft des Journalismus: Die niedersächsisch-schleswig-holsteinische NOZ-Mediengruppe will laut meedia.de Ambient News anbieten, und zwar mit Hilfe "neuer Abspielflächen für digitale journalistische Inhalte. Dazu zählen LED-Glühbirnen, Lautsprecher wie Alexa, Google Home oder Magische Spiegel, die eine Art Bildschirm sind, der beispielsweise im Badezimmer eingebaut werden könnte".

+++ Der Blog Überschaubare Relevanz verarztet den SZ-Feuilletonisten Hilmar Klute, einen dieser Vertreter der Anti-PC-Fraktion, die sich für besonders provokant und auch noch witzig halten.

+++ Wie "Mit Rechten reden", eine Straßenaktion des Magazins Titanic in Frankfurt, verlief, berichtet die dort ansässige Rundschau.

+++ Für die Medienkorrespondenz habe ich zwei Dokumentationen des noch bis zum 22. November laufenden Arte-Schwerpunkts "Russland - Revolutionen und Revolten" (siehe Altpapier) besprochen. Was läuft im Rahmen des Schwerpunkts heute? Siehe unter anderem dazu Fritz Wolf in seinem Dokumentarfilm-Blog.

+++ Michalis Pantelouris hat für Übermedien (€) Hörzu Wissen gelesen: "Das Heft hat keine von mir erkennbare Persönlichkeit. Mir fehlt das." Das Fazit fällt dennoch halbwegs positiv aus: "Dieses Heft (…) ist wie eine Neubauwohnung: Vielleicht hat sie nicht den Charakter des von Efeu umrankten Altbau. aber dafür funktioniert alles. Die Fenster sind super isoliert. Und im Bad ist Fußbodenheizung."

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.