Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier"
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 5. Dezember 2017 Größer als der Eiffelturm

Heute mit 100 Informations-Helden, "Harmonie und Ordnung", einem vor dreißigeinhalb Jahren in Bielefeld gegründetem Verein, dem Adventskalender zur digitalen Selbstverteidigung, der inzwischen womöglich prekären Öffentlich-Rechtlichen-Zukunft in der Schweiz sowie der schärfsten Uli-Wickert-Analyse des Jahrzehnts. Außerdem: Hitler unterm Tisch, und kommt die nächste "richtig sehenswerte" deutsche Serie statt von Netflix von der Bundeswahr? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier"
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"Too many stories remain untold every day", heißt es weiter unten auf der Internetseite forbiddenstories.org. Das bezieht sich auf die zu vielen Journalisten, die daran gehindert werden, ihre Geschichten weiter zu schreiben – schlimmstenfalls, aber viel zu oft durch Mord.

Das ziemlich neue Projekt will "die Recherchen getöteter und inhaftierter Journalisten fortsetzen", informierte der Tagesspiegel gerade. "Wir möchten die Geschichten am Leben erhalten und sicherstellen, dass so viele Menschen wie möglich Zugang zu unabhängigen Information haben", zitiert er den Franzosen Laurent Richard, dessen Plattform "Freedom Voices" die Plattform gemeinsam mit den Reportern ohne Grenzen betreibt. Und Bastian Obermayer von der Süddeutschen sagt auch etwas ("... keine Lebensgarantie, aber als Sicherheitsnetz gedacht").

Auf der von den internationalen ROG eingerichteten englischsprachigen Seite "100 Information heroes" kommen Obermayer und Co aber nicht vor, sondern Journalisten aus prekären Staaten zwischen Aserbaidschan und dem Jemen (auf englisch: Yemen), die ihre Reportagen wirklich nicht beenden können oder sogar konnten. Wobei sich Glenn Greenwald und Laura Poitras aus den USA auch darunter befinden. Die Übersicht anzuschauen lohnt sich.

Der Tagesspiegel-Bericht stieg aktuell mit der kürzlich (Altpapier) in Malta ermordeten Daphne Caruana Galizia ein. Dazu wird gerade Neues vermeldet: die Verhaftung Verdächtiger. Die Süddeutsche mit Obermayer bzw. der SZ-/ NDR-/ WDR-Rechercheverbund weiß aktuell überdies zu berichten, dass maltesische Ermittler im Zuge ungefähr derselben Ermittlungen sich in Wiesbaden "rund 800 Dateien" aus dem Datensatz abgeholt haben, der "offenbar ähnlich oder identisch mit dem Panama Papers-Datensatz ist, den internen Daten der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca, die zuvor der Süddeutschen Zeitung zugespielt worden waren", und den das Bundeskriminalamt später aus weiterhin "ungenannter Quelle angekauft" hat. Schließlich ist Malta außer EU-Mitglied auch ein Paradies im Sinne der Paradise Papers. Jetzt müssten die Malteser weiter recherchieren, meint die SZ. Wie sie es tun, gehört zu den vielen derzeit spannenden Fragen.

"Harmonie" vs. "Digitalcourage" (Glückwunsch, FoeBuD)

Hülfen "Harmonie und Ordnung"? Höchstens theoretisch, in der Praxis jein bis nein.

Über eine Konferenz mit "1.500 Teilnehmern aus 80 Ländern", die "'Harmonie und Ordnung' im Internet sichern" soll, berichtet der Standard. Datenjournalistisch interessant wäre, diese 80 Staaten mit denen abzugleichen, aus denen die o.g. "Information heroes" kommen bzw. nicht mehr herauskommen. Was die Veranstaltung im chinesischen Wuzhen brisant macht: Die USA, aus denen das meiste kommt, was das Internet infrastrukturell bestimmt, sind sehr prominent vertreten:

"Erstmals sind Apple-Chef Tim Cook, Google-CEO Sundar Pichai, Cisco-Chef Chuck Robbins sowie Facebook-Vizepräsident Vaughan Smith dabei. Chinas Spitzenpolitiker Wang Huning, der im Ständigen Ausschuss des Politbüros für Ideologie zuständig ist, sagte bei einem Treffen mit Cook, die USA und China sollten zusammenarbeiten, 'um eine Gemeinschaft für eine gemeinsame Zukunft in der Cyberwelt zu schaffen'" ...

Kann wer in Europa etwas dazu sagen? Wäre Günther Oettinger zuständig, oder muss der ohnehin erst abwarten, ob die nächste Groko 2018 nicht einen anderen Kommissar nach Brüssel abschieben wird? Spaß beiseite: dass in der EU weit und breit niemand eigene Positionen zu solchen Initiativen zu formulieren, geschweige denn zu vertreten in der Lage ist, ist auch ein großes Problem.

Außerdem aufschlussreich ist, dass der österreichische Standard aus dem "Harmonie und Ordnung"-Blickwinkel berichtet (hier ausführlicher als in der eben verlinkten Meldung), während große deutsche Medien, die noch jedes neue Apple-Geräte-Gerücht prominent featuren, eher am Rande eigene Spins verfolgen: Sie heben auf das "Dilemma" ab, in dem Apple und sein Chef steckten: "Für das an der Börse wertvollste Unternehmen der Welt ist China mittlerweile der nach Nordamerika wichtigste Markt", zerfloss das FAZ-Wirtschaftsressort vor Verständnis (SZ-Wirtschaftsressort ähnlich). Es lässt sich von Tim Cook ja auch selbst gerne auf die deutsche Wirtschaft zugeschnittene Geschichten erzählen, wenn er gerade Zeit hat ...

Umso schöner und sinnvoller, wenn in Nischen Fahnen hochgehalten werden, zum Beispiel die der Digitalcourage. Der Verein mit diesem Namen trug früher den interessanteren FoeBuD, wobei das damit Abgekürzte ("Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs") in der Tat überholt erscheint. Jedenfalls wurde der Verein "am 30. Mai 1987 gegründet, doch erst in diesen Tagen feierte man ... in Bielefeld den 30. Geburtstag", schreibt Detlef Borchers in seiner Gratulation auf heise.de, die mit der Peter-Glaser-Formulierung vom "kühlen, belebenden Wind der Selbstverantwortung" und einem schönen "Möge die Puste weiter mit euch sein" endet – sowie mit dem Hinweis auf den "lustigen Adventskalender zur digitalen Selbstverteidigung".

Am heutigen 5. Dezember geht's nach dem pfiffigen "Türchen öffnen, ganzen Artikel lesen"-Prinzip um "Alternativen zu WhatsApp".

In der Schweiz wird's spannender als es schien

Zumindest aus Außensicht mag in der Schweiz vieles harmonisch in Ordnung erscheinen. Rasante Veränderungen gehen aber auch dort vor sich.

Die No-Billag-Initiative, also die bevorstehende Volksabstimmung über die Abschaffung der Rundfunkgebühren, war im Altpapier schon öfter Thema, z.B. hier. Die ausführlichste deutsche Analyse, die der Medienkorrespondenz, endete Mitte November (online später erschienen) mit dem Satz:

"Wobei man sich eigentlich kaum vorstellen kann, dass die Schweizer mehrheitlich dafür stimmen würden, die SRG aufzulösen und so die Medienvielfalt massiv zu beschneiden."

Jetzt ist Dezember, und auf der Medienseite der Süddeutschen heißt's:

"Doch jüngste Umfragen weisen in eine andere Richtung. Mehr als 50 Prozent der Befragten sind für 'No Billag'".

Da käme, berichtet Charlotte Theile aus Zürich,

" ... vieles zusammen. Die Unzufriedenheit mancher Bürger, die das Angebot von SRF nicht nutzen und dennoch zahlen müssen. Die Debatte um Fake News und zu große Staatsnähe. Der Vorwurf von rechts, man werde nicht fair behandelt. Und auf der anderen Seite: ein Apparat von Journalisten, die mit einer solch geballten Kritik kaum umgehen können und zunehmend nervös auf die Sendungen verweisen, die einst zur DNA der Schweiz gehören."

Das klingt nicht so, als handelte es sich um eine völlig andere Gemengelage als nördlich der Alpen. Die Abstimmung im kommenden März und der, äh, Wahlkampf zuvor werden ebenfalls spannend.

Glückwunsch noch mal, Uli Wickert

Wo Harmonie und Ordnung jedenfalls intakt sind: in der Vergangenheit, zumindest, wenn man sich die richtigen Abschnitte auswählt. Zum Beispiel den Zeitraum, in dem heutige 75-jährige Medien-Persönlichkeiten zu dem wurden, als was sie heute gefeiert werden, etwa "von 1991 bis 2006, vom Zerfall der Sowjetunion bis zum deutschen Sommermärchen".

Gestern ging's im Altpapierkorb kurz um die 75. Geburtstage Alice Schwarzers und Ulrich Wickerts. Solche Würdigungen sind natürlich das, was im schnellen Alltag, in dem laufend gegenwarts- oder sogar zukunftsrelevante Beiträge reinkommen, kaum jemand liest. Aber die Uli-Wickert-Würdigung, die bei epd medien nun online ging, sollten Sie lesen.

Denn Thomas Gehringer hat nicht nur die Überleitungen zum Wetterbericht im Hinterkopf, sondern auch gelesen, was Wickert seit seinem Ruhestand so schrieb. Z.B. das Buch "Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen", auf dessen Cover "im Vordergrund der 1,96 Meter große Ulrich Wickert zu sehen [ist], neben ihm, kleiner, der 325 Meter große Eiffelturm":

"Im Deutschlandfunk lobte er jüngst zwar die deutsche Presselandschaft als 'die beste der Welt', bescheinigte den Medien zugleich aber, in der Flüchtlingskrise nicht genug Distanz gewahrt zu haben und mit Angela Merkel im Bundestagswahlkampf 'sehr unkritisch' umgegangen zu sein. 'Wir machen einen guten Job, könnten aber einen noch besseren Job machen', sagte Wickert. Von ihm würde man sich zum Geburtstag ähnliches wünschen, solange er es mehrfach im Jahr versteht, mit neuen Büchern von seiner Popularität als ehemaliger 'Mr. Tagesthemen' zu profitieren",

schließt Gehringer aus fundierter Kenntnis.

Viele Menschen äußern sich in den vielen Medien, die es inzwischen gibt, sehr, sehr oft. Das ist ja auch schön. Aber Medienbeobachter, die möglichst viele dieser oft an die unterschiedlichen Kontexte angepassten Äußerungen überblicken und zusammendenken, sollte es mehr geben.

Altpapierkorb (Hitler unterm Tisch, Bundeswehr-Lob, schlechte deutsche Fernsehfilme)

+++ Immer gern gelesen: was Silke Burmester über Zeitschriften-Journalismus schreibt. Heute auf der SZ-Medienseite über solchen für "die moderne Frau". Dabei sind metaphorisch Hans aus "Hans im Glück" und Hitler ("... ein Frauenbild, als säße Adolf Hitler unterm Tisch ..."), aber auch prägnante Beobachtungen (z.B., "dass selbst eine so erfolgreiche Zeitschrift wie Gruner + Jahrs Flow mit einer starken hauseigenen Vermarktungsagentur im Rücken bei einem Umfang von 140 Seiten nur 13 Seiten Werbung enthält, die keine Eigenanzeigen sind").

+++ Die nächste deutsche Serie, die "sogar richtig sehenswert" ist, läuft nicht bei Netflix, sondern auf Youtube, und heißt "Mali". Zumindest finden das die taz bzw. ihr Inlands-Redakteur Tobias Schulze nach Sicht aller 29 Episoden der Bundeswehr-Produktion.

+++ Spannender als es schien lief die Wahl des rheinland-pfälzischen Medienwächters gewonnen. Zwar hat Em Jay Eumann (NRW-SPD) gewonnen. Doch entfährt Michael Hanfeld in seinem faz.net-Bericht (gleich nach den Überschriften "Medienklüngel Rheinland-Pfalz" und "Die roten Würfel sind gefallen") ein "Das war knapp"! Weniger gefärbt: die Meldung bei medienkorrespondenz.de. +++ Ne offizielle LMK-Pressemitteilung inkl. Versammlungsvorsitzendem-Zitat ("... eine medienpolitisch ausgewiesene Persönlichkeit gewählt, der auf Grund seiner bisherigen Tätigkeiten sehr gut vernetzt und von großer Fachlichkeit ist ...") liegt auch schon vor.

+++ Die Überschrift des Tages lautet "Fernsehenden Auges in den Abgrund". Auf der FAZ-Medienseite schreibt Axel Weidemann übers Fernsehfilmfestival von Baden-Baden, das dieses Jahr nicht der übliche "besinnliche Vorweihnachtstreff der Branche" gewesen sei: Alle fanden die angeblich preiswürdigen deutschen Fernsehfilme ziemlich schlecht, Hauptjury-Jurorin Thea Dorn sah den "einzigen Film, der den Bildungsauftrag ernst nimmt", im einzigen Privatsender-Beitrag "Nackt. Das Netz vergisst nie" (Sat.1), und die Studenten-Jury vergab vor lauter Entäuschung gar keinen Preis. Wer sich für die Ex-"Köngsdisziplin" Fernsehfilm interessiert, sollte das lesen. Online kostet der Artikel bei Blendle 45 Cent.

+++ Die Frage, ob ARD und ZDF inzwischen zu wenig über die AfD berichten, beschäftigt Joachim Huber im Tagesspiegel-Kommentar.

+++ Einen neuen Trend aus den USA, der nur auf den ersten Blick schlecht scheint, hat mediadb.eu (der Netzauftritt des Kölner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik) entdeckt: Hinter Entlassungen u.a. bei buzzfeed.com stecke ein Rückgang auf dem "durch Risikokapital künstlich aufgeblähten Markt für Onlinenews, der bisher keinen Weg gefunden hat, eine nie dagewesene Fülle von (häufig repetitiven und austauschbaren) Inhalten durch Anzeigenverkäufe ausreichend zu monetarisieren". Andererseits würden immerhin "traditionelle, hochwertige journalistische Angebote wie Qualitätszeitungen und Magazine eine Mini-Renaissance" erleben.

+++ Dass die Medienkonzerne bis Verlagshäuser Axel Springer und Hubert Burda eisern schweigen, ereignet sich selten. Aber nun in der Bild-vs.-focus.de-Inhalteklau-Affäre (Pressemitteilung). +++ "Nach MEEDIA-Informationen ist die Lösung auf höchster Ebene angebahnt und ausgehandelt worden, ebenso auch die beiderseitige Schweigeverpflichtung. Denn nach außen will keine Seite als diejenige dastehen, die eingelenkt oder gar klein beigegeben hat", schreibt Georg Altrogge ebd..

+++ "Hauptsache absetzen, Hauptsache reagieren, irgendein Ersatz hat sich gefunden. Die einen wiederholen den 'Bergdoktor', die anderen rufen Peter Neururer an, es muss ja irgendwie weitergehen ..." (Cornelius Pollmer in der SZ u.a. über die letzte "Schulz & Böhmermann"-Show).

+++ Über den "Kulturhackathon" namens Coding da Vinci berichten die FAZ -Medienseite ("Ziel des Ganzen ist, mit positiven Beispielen sinnvoller Datenverarbeitung zu zeigen, dass Bürger über Daten, deren Erfassung sie mit ihren Steuergeldern finanzieren, auch frei verfügen und diese nutzen können sollten") und netzpolitik.org. Und irgendwie ist daraus auch eine App namens Altpapier ("bringt die spannendsten und skurrilsten Zeitungsmeldungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts auf eure Smartphones") hervorgegangen.

+++ Hopsala, "Rundfunkrat segnet geplanten Verlust des MDR ab"! Haben Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens Landtage ihn abgeschafft? Puh, nein. Es geht unter der dwdl.de-Überschrift bloß um die aktuellen Jahres-Haushaltspläne. Der MDR sei sogar "auf dem Weg zu einem modernen, schlanken Multimediahaus", sei der Rundfunkrat überzeugt.

+++ Und nachdem gefakte Haselnüsse-Aschenbrödel-Termine ja schon Klick-Furore gemacht hatten (Altpapier), enthüllt die Dumont-Mediengruppe in ihrem Kölner Outlet schon mal die echt aktuellen "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"-Sendetermine ...

Neues Altpapier erscheint am Mittwoch wieder.