artour | MDR FERNSEHEN | 01.11.2012 | 22:05 Uhr : Geboren als Klassenfeind - Ein Leben im "Camp 14"
Dass es jenseits des Stacheldrahts eine andere Welt gibt, ahnt Shin Dong Huyk nicht: Als Kind von Klassenfeinden wird er im nordkoreanischen Arbeitslager 14 in die Gefangenschaft hineingeboren. Shin Dong Huyk überlebt eine grausame Kindheit und kann durch großes Glück fliehen. Sein Komplize stirbt beim Fluchtversuch. Shin Dong Huyk ist einer von wenigen Zeugen weltweit, die heute in Freiheit über das Leben in nordkoreanischen Straflagern erzählen können.
"Jeder Insasse, der Nahrungsmittel verbirgt, wird sofort erschossen", lautet eines Gesetze, die in Lager Nr. 14 gelten. Vermutlich zwischen 15.000 und 40.000 Menschen sind in diesem "Bezirk unter absoluter Kontrolle" weggesperrt, der mit Wachtürmen und Elektrozäunen gesichert ist.
Ingesamt, so schätzt Amnesty International, leben in Nordkorea etwa 200.000 Menschen in politischer Gefangenschaft - unter schlimmsten Bedingungen.
Ein Körper als "Landkarte der Leiden"
Shin Dong Huyk wuchs im Lager auf: Demütigung, Unterernährung, Folter und Zwangsarbeit waren für ihn seit seiner frühsten Kindheit Alltag. Eine Exekution ist seine früheste bewusste Erinnerung. Auch erlebt er mit, wie eine Schulkameradin zu Tode geprügelt wird, weil sie ein paar Reiskörner gestohlen hat. Als Teenager wird er Zeuge der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders. Der deutsche Filmemacher Marc Wiese hat diese extreme Lebensgeschichte im Dokumentarfilm "Camp 14" verfilmt. Er porträtiert einen Menschen, dessen versehrter Körper von Menschenrechtsorganisationen als "Landkarte der Leiden" bezeichnet worden ist und der bis heute nicht in der Freiheit angekommen ist. Die Schlüsselszenen seiner Erinnerungen werden in Animationen dargestellt und ergänzt mit Aussagen früherer Lagerwärter und Folterer, die Wiese für seinen Dokumentarfilm interviewen konnte.
Shin Dong Huyk, der heute fast 30 Jahre alt ist, lebt nach einem zeitweiligen Aufenthalt in den USA in Südkorea und arbeitet gelegentlich mit einer Menschenrechtsgruppe zusammen. Doch die Zeit in nordkoreanischer Gefangenschaft, die grausame Erfahrung der Entmenschlichung hat ihn für immer gezeichnet. "Und trotzdem sagte er am Ende unseres Interviews plötzlich, er sei in der Freiheit so verloren, dass er am liebsten in sein Lager zurückgehen würde", sagt Marc Wiese. "Als ich das hörte, wurde mir schlagartig klar, wie sehr das Lager sein Leben zerstört hat."
"artour"- Beitrag
von Joachim Gärtner
Filmtipp:
"Camp 14" läuft beim Internationalen Dokumentar- und Animationsfilmfestival in Leipzig und startet am 08.11.2012 auch in den deutschen Kinos.
