artour | MDR FERNSEHEN | 09.08.2012 | 22:05 Uhr : Zum Tod der Defa-Legende Kurt Maetzig
Kurt Maetzigs Filme sind wie ein Spiegel der politischen Kehrtwenden in der DEFA und der DDR. Das Spektrum reicht vom Auftragsfilm über "Ernst Thälmann" bis zum verbotenen Spielfilm "Das Kaninchen bin ich". Am 8. August starb Kurt Maetzig im Alter von 101 Jahren.
"Es war Mai, der Flieder blühte. Auf einer Anhöhe über unserem Labor gab es ein Lager mit gefangenen Russinnen. Sie stürmten den Weg herunter, rissen den Flieder ab und warfen ihn vor die einrückenden Panzer." Wie kann es anders sein, wenn ein Filmemacher erzählt: Es sind die Anekdoten, die kleinen Szenen, in denen Geschichte begreifbar wird. Für Kurt Maetzig war dieser Mai 1945 eine Befreiung. Eine Befreiung aus dem inneren Exil, in das Maetzig als Sohn einer jüdischen Mutter gedrängt worden war.
Der 1911 in Berlin geborene Maetzig wuchs als Sohn wohlhabender Kaufleute auf. Bei seinem Vater - Inhaber einer Filmkopierfabrik - sammelte er erste Erfahrungen. Nach seinem Studium arbeitete der junge Maetzig zunächst als Regie-Assistent, doch erteilten ihm die Nazis 1937 wegen seiner jüdischen Herkunft Berufsverbot.
DEFA-Mitgründer und Propagandist
Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Maetzig DDR-Filmgeschichte - im Guten wie im Schlechten. So gehörte er 1946 zu den Mitbegründern des DDR-Filmunternehmens DEFA mit Sitz in Potsdam-Babelsberg und war dort zunächst Direktor der Nachkriegswochenschau "Der Augenzeuge". Als der Einfluss der SED auf die Sendung immer stärker wurde, wechselte er ins fiktionale Fach und wurde Spielfilmregisseur. Seinen ersten Film "Ehe im Schatten", der von der Judenverfolgung handelte, sahen in Ost und West zwölf Millionen Zuschauer. Maetzig wurde dafür mit einem "Bambi" ausgezeichnet. Knapp sieben Jahre später drehte der Regisseur im Auftrag der Partei einen monumentalen Thälmann-Zweiteiler. Später sagte Maetzig über die Produktion, er bekäme "rote Ohren", wenn er nur an sie denke.
DDR-kritischer Film wurde verboten
Anfang der 60er-Jahre entstand die berühmte Liebesgeschichte "Das Kaninchen bin ich", mit der sich der Filmemacher mit systemergebenen Mitläufern in der DDR beschäftigte. Doch wurde der Film verboten. Der Streifen wurde am Vorabend des 11. Plenums des ZK der SED 1965 gezeigt – als Beispiel für die "Abweichungen" der Künstler von der offiziellen Parteilinie.
"Das, was wir da gestern gesehen haben, war doch der letzte Dreck!", wetterte Volksbildungsministerin Margot Honecker am nächsten Morgen. Sie eröffnete damit das sogenannte "Kahlschlagplenum", nach dem fast die gesamte Spielfilmproduktion des Jahrgangs 1965 verboten wurde. Unter dem enormen Parteidruck hielt es Maetzig für angemessen, nicht für seinen Film zu streiten – im Gegenteil. Er schrieb, getreu der stalinistischen Praxis, eine "Selbstkritik", die im "Neuen Deutschland" erschien. Erst zur Wende kam der Streifen in die Kinos.
Maetzig konnte weiter arbeiten - aber filmisch leistete er nichts Wesentliches mehr. Später bekannte er, das Verbot von 1965 habe ihm "das Rückgrat gebrochen". 1976, pünktlich an seinem 65. Geburtstag, zog er sich aus dem aktiven Berufsleben zurück mit der Formel: "Genug Kompromisse gemacht."
Insgesamt drehte Maetzig 23 Spielfilme und sechs Dokumentarfilme. Daneben war er zehn Jahre lang Direktor der Babelsberger Filmhochschule. Nach der Wende stellte er sich der Debatte zur DDR-Filmkunst und erklärte, es gehe ihm nicht darum, Vergangenheit nachträglich zu retuschieren.

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