artour | MDR FERNSEHEN | 11.08.2011 | Mit Videos : Mauergeschichte(n)
In der jüngsten Ausgabe von "artour" drehte sich alles um den 50. Jahrestag des Mauerbaus. Fünf Autoren näherten sich dem Thema aus unterschiedlicher Perspektive. Sie beleuchteten politische Hintergründe, betrachteten die Mauer aber auch als Objekt von Kunst und DDR-Berichterstattung sowie als Naturraum.
Protokoll: Fotografien von der Berliner Mauer
Anfang der 1990er-Jahre fanden Annett Gröschner und Arwed Messmer geheimes Bildmaterial, das 1966 den schlechten Zustand der Mauer dokumentieren sollte. Anders als gerade aus westdeutscher Sicht in Erinnerung, bestand die Berliner Mauer zunächst nur aus Ruinen, Hausmauern und Stacheldraht. Die Dokumente waren bis zum Ende der DDR streng geheim und verschwanden im Militärarchiv, wo sie Gröschner und Messmer schließlich fanden. Simone Unger trifft die beiden Journalisten, die nun zum 50. Jahrestag die Bildprotokolle in einer Ausstellung und einem Buch veröffentlichen.
Kunstaktion: Ein weißer Strich als Zeichen
Im November 1986 ziehen fünf junge, mit Masken ausgestattete Künstler in Westberlin einen dicken weißen Strich auf der Mauer entlang. Dass die Westberliner sich anscheinend mit der Mauer als einer bunten Kulisse ihres Lebens eingerichtet haben, empört die jungen Weimarer - freigekauft, abgeschoben oder ausgereist - zutiefst. Sie wollen die Idylle stören, der weiße Strich soll ein Zeichen setzen: Hier handelt es sich um eine Grenze.
Fieberhaft rätseln Grenztruppen und Staatssicherheit derweil in der DDR, was es mit der "Kunstaktion" auf sich hat und kommen zu dem Schluss, dass es sich um eine Provokation handelt mit dem Ziel, den Verlauf der Mauer zu korrigieren. Wolfram Hasch, Mitglied der Künstlergruppe, wird von Grenzsoldaten verschleppt und ins Stasi-Gefängnis gesteckt. Gabriele Denecke spricht mit den Journalisten Anne Hahn und Frank Willmann, der einer der damaligen Akteure war, und macht deutlich, welche faszinierenden oder dramatischen Geschichten um die Mauer noch immer auf ihre Entdeckung warten.
Medien: Die Mauer im DDR-Fernsehen
"Antifaschistischer Schutzwall" - so bezeichnete das DDR-Fernsehen in seinen Sendungen die Berliner Mauer. Zunächst brachte die Abriegelung von Westberlin noch das Morgenprogramm des Deutschen Fernsehfunks (DFF) etwas durcheinander. Doch noch am selben Tag sendete das DFF Propaganda. Umfragen unter DDR-Bürger und Prominenten sollten eine allgemeine Zustimmung zur Grenzbefestigung suggerieren. Die große Herausforderung für das DDR-Fernsehen bestand bald darin, das Tabu-Thema "Mauer" nicht zu überreizen und sie doch möglichst positiv darzustellen. Tilman Jens spricht mit dem ehemaligen DFF-Nachrichtensprecher Klaus Feldmann und dem Historiker Stefan Wolle, Leiter des DDR-Museums.
Natur: Bedrohte Arten überleben im Grenzstreifen
Heinz Sielman (1917-2006) war ein deutscher Naturfilmer und hatte sich 1988 bei einer seiner Moderationen demonstrativ vor den Grenzzaun gestellt. Dem Protest der Grenzsoldaten begegnete er mit einer interessanten Erkenntnis: "Wie wir gesehen haben, gibt es im Schatten der Grenze noch intakte Lebensräume, Refugien der Natur mit einer reichen Tier- und Pflanzenwelt." Nur Grenzsoldaten patrouillierten gelegentlich im engeren Grenzbereich, sodass sich in dieser Abgeschiedenheit die Natur frei entfalten konnte. So blühten dort Orchideen, Nelken oder Enziane - eine unbeabsichtigte Idylle. Um die seltenen Pflanzen, Tiere und Landschaften zu erhalten, plant die Heinz-Sielmann-Stfitung entlang der früheren Grenze den Biotop-Verbund "Harz-Hainich-Werratal". Tom Fugmann hat sich das näher angesehen.
1961 - ein bedeutendes Jahr
1961, der Höhepunkt der sogenannten Berlin-Krise, die Welt befindet sich am Rande eines Atomkriegs. Frederick Kempe, Präsident des Atlantic Council in Washington und Journalist, erzählt auf der Basis neu zugänglicher Dokumente die atemberaubende Geschichte dieses Jahres, in dem Berlin der "gefährlichste Ort der Welt" war, wie Chruschtschow meinte. Andreas Lueg wirft in seinem Beitrag einen Blick hinter die Kulissen der treibenden Mächte - eine faszinierende Darstellung der wichtigsten Protagonisten jener Zeit.
artour-Beiträge
von
Simone Unger
Gabriele Denecke
Tilman Jens
Tom Fugmann
Andreas Lueg
Im Kulturkalender sehen Sie:
* Kino Royal ("Westwind")
* Helge Schneider - Filmnächte am Elbufer Dresden
* "Leonce und Lena" auf der Wasserburg Rosslau
Autorin: Constanze Schneider
"Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer"
Ausstellung bis 3. Oktober täglich von 10:00 bis 20:00 Uhr
10117 Berlin,
Unter den Linden 40, 2. OG
Das Begleitbuch (Hatje Cantz Verlag) kostet in der Ausstellung 35 Euro.
Buchtipps:
"Aus anderer Sicht - Die frühe Berliner Mauer"
Hrsg. Annett Gröschner, Arwed Messmer mit Beiträgen von Greg Bond, Olaf Briese, Florian Ebner, Matthias Flügge, Annett Gröschner, Arwed Messmer
Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 2011
ISBN: 978-3-7757-3207-9
Anne Hahn und Frank Willmann: "Der Weiße Strich. Vorgeschichte und Folgen einer Kunstaktion an der Berliner Mauer" Berlin: Christoph Links Verlag 2011 ISBN: 978-3-86153-651-2
Frederick Kempe: "Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt"
München: Siedler Verlag 2011
ISBN: 978-3-88680-994-3
