artour | MDR FERNSEHEN | 01.12.2011 | Mit Video : "Der ultimative Kick?"
Die Propaganda der Tat, gesellschaftliche Verdrängungsmanöver und die Rolle der Kultur
Wie entsteht eine rechte Gesinnung, die vor Gewalt und Terror nicht zurückschreckt? Was gibt es für Gegenmittel? Kann Kultur aufklärend wirken? "artour" sprach mit dem Psychologen Hans-Joachim Maaz, mit dem Autor und Filmemacher Andres Veiel sowie mit dem Theaterintendanten André Bücker. Ein Beitrag zur Ursachenforschung, jenseits von Verbotsdebatten und politischer Schuldzuweisung.
Für Hans-Joachim Maaz, den Psychologen und Autor aus Halle, ist die aktuelle Debatte um Verfassungsschutzskandal und Polizeiversagen ein Nebenschauplatz. Für ihn ist es entscheidend, nach den konkreten Biografien der Täter zu fragen: Nach Verletzungen in der Kindheit, kollektiven Demütigungen und den Entwertungen der Nachwendezeit war der Rechtsradikalismus - sein Kult um Gewalt und Hass - eine Waffe, um zurückzuschlagen. Maaz vertritt die Ansicht, dass die Gesellschaft deshalb nichts aus der Vergangenheit lerne und ihre "Aufklärung" begrenzt bleibe, weil sie sich den Ursachen des Hasses nicht stelle.
Auch für den Autor Andres Veiel, der den Film und das Theaterstück "Der Kick" über rechtsradikale Gewalt realisierte, sind die Täterbiografien der Schlüssel, um das "Unfassbare" zu verstehen. Geht man ihnen auf den Grund, finden sich die "Weichenstellungen" bei Eltern, Lehrern und Freunden.
Das Fehlen von Autoritäten Anfang der 90er-Jahre hat vermutlich die Radikalisierung der damaligen Teenager aus Jena beschleunigt. Morde und Anschläge hätten verhindert werden können, wenn Einzelne ihre Verantwortung wahrgenommen und Grenzen gezogen hätten, so Veiel.
Wäre die Kultur nicht der Ort, um den offenen Fragen nachzugehen und ein Forum zu bieten - jenseits der Medien und Politikerrituale? André Bücker, der Intendant des Landestheaters Dessau versucht dies seit Jahren. Doch immer wieder erlebt er, der als Theaterchef in Halberstadt selbst Opfer von Naziattacken war, dass Politik und Sicherheitsorgane den Terror von Rechts bagatellisieren. Für ihn beginnt die Gewalt nicht erst mit Kopfschüssen, sondern mit der Angst bestimmte Orte, Straßen oder Plätze zu betreten. Ein "artour"- Beitrag zur Ursachenforschung, jenseits von Verbotsdebatten und politischer Schuldzuweisung.
