artour | MDR FERNSEHEN | 05.01.2012 | 22:05 Uhr : "Hass und Begeisterung bilden Spalier" - Horst Wessel zwischen Fakten und Selbstinszenierung
Horst Wessel war ein eingefleischter SA-Mann, der 1930 durch ein KPD-Mitglied ermordet wurde - und zum Märtyrer der Nationalsozialisten stilisiert wurde. Nun ist seine Autobiografie in einer von den Historikern Manfred Gailus und Daniel Siemens kommentierten Fassung erschienen. Ein bestürzend aktuelles Dokument.
Das berüchtigte "Horst-Wessel-Lied" galt während des Dritten Reiches als zweite Nationalhymne. Getextet hatte es der junge SA-Mann Horst Wessel. Auch heute noch findet man im Netz genügend Belege, wie die Neonazis seinem Lied huldigen. Doch wer war dieser Mann, der von den Nazis zum Märtyrer stilisiert wurde? Eine Antwort darauf gibt seine Autobiografie, die jetzt erstmalig in einer kommentierten Ausgabe veröffentlicht wird. Wessel schrieb sie mit nur 21 Jahren.
Horst Wessels Autobiografie verspricht Aufschlüsse darüber, wie unauffällige junge Leute zu Nazis werden: Sie ist ausgestattet mit viel aggressivem Selbstbewusstsein. Seine Schrift nennt er hochtrabend "Politika" und bezeichnet sich darin als "politischen Soldaten". Aufschluss bietet die Zeit, in der er aufwächst. Dem verlorenen Ersten Weltkrieg folgt das Chaos der jungen Weimarer Republik. Erst gibt es eine Revolution, dann eine Inflation und die Demokratie steht auf schwankendem Boden. Horst Wessel wechselt oft die Schule und findet Orientierung außerhalb: Zuerst im nationalkonservativen Bismarckbund, einem - scheinbar - harmlosen Wandervogel-Idyll. Später offensichtlich politisch bei der paramilitärischen Wiking-Jugend und ab 1926 unter der Nazi-Fahne. Das ist, wie er selbst schreibt, sein "politisches Erwachen". Bald schon ist Wessel SA-Sturmführer. Sein Talent entgeht auch dem Propaganda-Genie Joseph Goebbels nicht.
Als Wessel 1930 durch ein KPD-Mitglied erschossen wird, wird er zum Märtyrer stilisiert. Goebbels spricht an seinem Grab, Plätze und Straßen bekommen seinen Namen. Doch seine Autobiografie wird nicht veröffentlicht. Über die Gründe kann man nur mutmaßen. Sie könnte Goebbels für seine Propaganda nicht perfekt genug gewesen sein. Eventuell waren die Forderungen der Hinterbliebenen für die Rechte zu hoch. 1938 kauft die Preußische Staatsbibliothek das Manuskript und Wessels Fahrtenbuch für 9.000 Reichsmark. Über Umwege landet es schließlich in einem Archiv in Krakau. Dort liegt es noch heute.
Die kommentierte Fassung seines Textes, der nun unter dem Titel "Hass und Begeisterung bilden Spalier" erscheint, offenbart eine moralisch verwahrloste Durchschnittsexistenz. Wessels Sprache ist oft frühreif, dafür voller Selbstlob. Das Buch beschreibt Wessels getriebenen, unruhigen Charakter. Doch die Demokratieverachtung, der Extremismus, die Gewaltgläubigkeit eines Horst Wessel ist bestürzend aktuell.
artour-Beitrag
von Andreas Lueg
Angaben zum Buch
Manfred Gailus und Daniel Siemens (Herausgeber):
"Hass und Begeisterung bilden Spalier" - Die politische Autobiographie von Horst Wessel
200 Seiten,
Berlin: Be.bra-Verlag 2011,
ISBN: 978-3-89809-092-6
