Abschied aus Südasien

Kabul, Dezember 2011

Eigentlich  gibt so schnell nichts, was Abdul Satar aus der Ruhe  bringt.  Seit 18 Jahren fährt er  Taxi in Afghanistan, genauer gesagt in Kabul. Er hat den Bürgerkrieg nach dem Abzug der Roten Armee erlebt, er hat die Herrschaft der Taliban überstanden und lebt jetzt seit 10 Jahren in einem Afghanistan, daß am wirtschaftlichen  Tropf der internationalen  Gemeinschaft hängt.

Abdul, Taxifahrer

Doch wenn er sich an die Versprechungen der  Regierung nach dem Fall der Taliban 2001 erinnert, dann  wird er ein wenig ungemütlich. Er hatte gehofft, dass der internationale Einsatz Frieden bringt für seine Heimat und für seine Frau und die inzwischen sieben Kinder.

Natürlich wurden seitdem überall neue Strassen gebaut, sagt er , das hat meine Arbeit leichter gemacht, aber  jetzt haben wir auch soviel  Korruption wie nie zuvor, überall wird  geschmiert.

Auf seinen Touren sieht Abdul jeden  Tag: In Kabul wird gebaut.  Militäreinsatz und internationale Hilfe haben   hunderte Milliarden Euro ins Land gespült,  und Abdul   sagt, dass   Teile dieses Geldes   – manchmal wohl auf dunklen Umwegen – den Boom in Kabul  finanziert haben könnten.

Mittagspause für Abdul

Der Taxifahrer blickt voller Sorge  in die Zukunft.  Er  fürchtet, dass sich der Westen  zu schnell zurückziehen werde.

Er glaubt, wenn die ausländischen Truppen  das Land verlassen, werden wir wieder einen Bürgerkrieg bekommen: ” Das kennen wir doch aus der Vergangenheit, wenn es beim Abzug 2014 bleibt, gehen die Kämpfe wieder los.”

Eine Sorge , die ich mit Abdul Satar teile. Im  Dezember 2001 habe ich in Kabul als Reporter erlebt,  wie groß die Hoffnungen der Menschen auf eine bessere Zukunft waren, in den letzten zehn Jahren habe ich Afghanistan  Dutzende Male bereist. Dabei habe ich mitverfolgt, wie aus  Freude Resignation wurde,  wie Aufbruchstimmung zu Angst wurde,  wie am Ende die Hoffnung bleibt, dass es schon nicht so schlimm kommen möge.

Auf allen Seiten;  bei den Afghanen, bei den Soldaten, den Entwicklungshelfern, den Politikern und auch uns Journalisten.

Florian Meesmann vor zehn Jahren in Kabul

In den vergangenen vier Jahren konnte ich aus dem  ARD Studio Südasien heraus Afghanistan viele Wochen im Jahr besuchen. Jetzt geht meine Korrespondentenzeit in Südasien mit einer  Bitte zu Ende:

Lasst die Afghanen nicht allein!

Ich wünsche meinem Nachfolger Jürgen Osterhage und der ganzen Crew viel Glück und allzeit gutes Gelingen. Vielen Dank für Ihr Interesse!

Florian Meesmann auf Dreh

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Aufbruch und Abschied

Zehn Jahre nach der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn findet am Montag die zweite Afghanistan- Konferenz statt. Hamid Karsai wird dort sein ebenso wie hochrangige Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft.

Während in Bonn an  Visionen für das gebeutelte Land gearbeitet wird, leiden am Hindukusch tagtäglich viele Menschen.

Besonders den Frauen und Mädchen geht nicht gut- im Gegenteil. Ihre Situation hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert. Nicht nur in den Regionen wie Kandahar oder Helmand weit entfernt von Kabul .Auch in der afghanischen Hauptstadt können viele Mädchen nicht mehr zur Schule gehen, sind Frauen wieder unter der Burka, dem Ganzkörperschleier gedrängt.

In Kabul haben wir eine Frau getroffen, die sich seit Jahren vehement für die Rechte der Frauen einsetzt und die von deutschen Spendengeldern unterstützt wird. Suraya Parlika ist schon deshalb eine bemerkenswerte Frau, weil Sie sich schon mit Ihrem Äußeren von allen anderen abhebt. Kurze Haare, ein sehr dünner Schleier, Lederjacke, aufrechter Gang. Und man tritt Ihr mit Respekt entgegen. Auch wenn Sie natürlich nicht weiß, was die Männer hinter Ihrem Rücken über sie sagen. Aber das ist Ihr egal.

Nur etwa 30 Kilometer von Kabul entfernt hat Sie eine kleine Schule für Frauen eingerichtet. Es ist Surayas Heimatdorf, Sie kommt von hier und daher betrübt es Sie besonders zu sehen, dass Frauen nur noch unter der Burka leben und der Einfluss der Taliban so nahe Kabuls so hoch ist.

Nur hinter den sicheren Mauern der Schule legen die Frauen den blauen Ganzkörperschleier ab und können sich frei bewegen. In Gewächshäusern werden Erdbeeren gezüchtet und die Frauen lernen, wie man mit kleinen Methoden großen Ertrag erreichen kann.

Drei Stunden am Tag bekommen Sie Unterricht. An Schaubildern wird Ihnen erklärt, welche Rechte Sie haben. Der Grund ist einfach. Kaum eine der Mädchen und Frauen kann lesen, nur anhand von Zeichnungen können sie verstehen, was sie Lehrerin Ihnen bedeuten will.

Immer mehr wurden die Frauen in Ihren Rechten in den vergangenen Jahren beschnitten. Dennoch kämpft Suraya Parlika weiter- die Hoffnung gibt Sie ebenso wenig auf wie den Kampf. Mehr noch. Am Montag wird Sie in Bonn mit am Tisch sitzen, den Sie traut den Politikern nicht mehr über den Weg. Sie will der Welt mit eigenen Worten erklären, wie schlecht die Lage in Afghanistan- und speziell der Frauen wirklich ist..

Markus Gürne

Für mich wird das die letzte Geschichte aus Afghanistan gewesen sein- meine Korrespondentenzeit endet heute. An dieser Stelle vielen Dank für Ihr Interesse und eine Bitte- bleiben Sie diesem Blog und vor allem den Menschen in Afghanistan gewogen. Sie brauchen unsere Unterstützung- in jedweder Form. Alles Gute Für Sie aus Südasien.

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Zeitgewinn für Karzai

Nach viertägigen Beratungen ging heute in Kabul die Loya Jirga, die große  Ratsversammlung, zu Ende und  für Hamid Karzai lief sie besser als erwartet. Keine großen Talibanangriffe, stattdessen ein greifbares politisches Ergebnis.

Die Delegierten stimmten zu, dass auch nach dem geplanten Abzug der internationalen Kampftruppen 2014 US-Militärstützpunkte im  Land verbleiben können. Die Bedingungen dafür sind strikt :

Keine nächtlichen Hausdurchsuchungen mehr,  Militäroperationen nur unter afghanischer Führung, Übergabe aller Gefängnisse und Gefangenen an die afghanischen Behörden.

Hamid Karzai bei seiner Rede vor der Loya Jirga

Die Verhandlungen  sind noch nicht abgeschlossen,  aber eines steht fest, auch nach 2014 wird es US- Soldaten  in Afghanistan geben.

Damit scheint Karzai vorerst ein politischer Balanceakt  zu glücken:

Er weiss, dass seine Herrschaft nach dem Abzug der US- Trupppen schnell zu Ende gehen könnte, zugleich ist  deren Stationierung alles andere als beliebt bei der Bevölkerung, insbesondere  bei den Paschtunen im Süden und Osten des Landes. Hier liegt zudem Karzais Machtbasis

Trotz aller Bedingungen, die die Delegierten heute stellten:

Mit der grundsätzlichen Zustimmung zur US-Präsenz bis 2024  haben sie Karzai  politisch den Rücken gestärkt und  zugleich seine innenpolitischen Gegner besänftigt.

Hamid Karzai hat Zeit gewonnen, wieder einmal.

Bei der Afghanistankonferenz am 5. Dezember in Bonn werden wir beobachten,  ob diese politische Rückendeckung neue Fortschritte im afghanischen Friedensprozess ermöglichen könnte.

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Die Zeit spielt für die Taliban.

Nur noch zwei Tage, dann soll sie beginnen die große Ratsversammlung, die Loya Jirga  in Kabul mit mehr als 2000 Stammesältesten  und anderen  Vertretern der afghanischen Gesellschaft.

Wie weiter im festgefahrenen  Gesprächsprozess mit den Taliban ? Wie könnte eine strategische  Partnerschaft mit den USA nach dem geplanten Abzug der internationalen Kampftruppen bis 2014 aussehen?

Darüber will Hamid Karzai diskutieren, er  hofft auf  Rückenwind für seine angeschlagene Regierung.   Auch deshalb wollen die Taliban die ganze Veranstaltung seit Monaten verhindern. Sie  boykottieren das Treffen und drohen  den Teilnehmern mit dem Tod, mindestens ein Delegierter fiel bereits einem Selbstmordanschlag zum Opfer.

Raketenangriff auf das Jirgagelände im Jahr 2010

Nun haben die selbsternannten Gotteskrieger – nach eigenen Angaben – die Sicherheitspläne der afghanischen Behörden für die viertägige Versammlung in die Hände bekommen und auch veröffentlicht.

Die Dementi von Internationaler Afghanistanschutztruppe und dem afghanischem Innenministerium klangen scharf, fabrizierte Propaganda, hieß es da. Der frühere Außenminister und Sicherheitsberater des Präsidenten, Rangan Spanta, ließ in Kabul hingegen offen, ob diese Dokumente nicht doch  echt sein könnten. Dies müsse untersucht werden, hieß es.

Karte aus dem angeblichen Sicherheitskonzept (Quelle: Talibanseite)

Für die Taliban  ist die Berichterstattung schon jetzt ein Propagandaerfolg. Sollte sich die Echtheit der Dokumente herausstellen, dann wäre das ein politisches Alarmsignal.

Wenn die Taliban sich tatsächlich Zugang zu diesen hoch sensiblen Dokumenten und Karten verschaffen konnten, dann würde dies darauf hindeuten, dass sie den Sicherheitsapparat weit stärker unterwandert hätten als  bisher angenommen.

Internetseite der Taliban

Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die  Aufständischen nur zusehen müssen,  wie die internationale Afghanistanschutztruppe – müde  von zehn Jahren Krieg- allmählich abzieht.

Und viele Afghanen fragen sich: Wie sollen  unsere Sicherheitsbehörden   unter diesen Umständen Verantwortung  für ganz Afghanistan übernehmen?

Die Zeit spielt für die Taliban.

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Karsai im Glück

Heute beginnt ein Termin, der dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sicherlich gefallen dürfte. Der SAARC-Gipfel beginnt auf den Malediven. SAARC,- das ist die südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation. Neben Indien, Bangladesh, Butan, Nepal, Pakistan, Sri Lanka und dem Gastgeber Malediven nimmt daran auch Afghanistan teil .

Und damit die Staats- und Regierungschefs es auch ein wenig nett haben, kommen die Gipfelteilnehmer dabei in einem sechs Sterne- Ressort unter, mit Wasserbungalow und Konferenzsaal mit Sonnenuntergangs-Garantie.

Ressort

Ein Thema auf dem Gipfel wird der Terrorismus in der Region sein. Selbst auf den Malediven gebe es viele religiös- konservative Extremisten, die zwar keine Anschläge auf den Inseln planten, sich aber mit Terroranschlägen in Afghanistan und Pakistan solidarisch erklärten, sagte Karsai im Vorfeld der Reise nach Male. Der afghanische Geheimdienst NDS könnte die maledivischen Behörden mit Informationen gegen Extremisten unterstützen.

Karsai

So oder so wird Hamid Karsai es genießen, auf den Malediven zu sein. Der Archipel im indischen Ozean bietet dem afghanischen Regierungschef die Möglichkeit, sich auch ein wenig zu entspannen. Denn kommende Woche steht in der afghanischen Hauptstadt Kabul schon wieder ein gefährlicher Termin an- die große Ratsversammlung der Stämme des Landes. Dabei soll wieder darüber beraten werden, wie es zu Frieden im Land kommen kann, ob und wie die Taliban eingebunden werden können.

Ressort im Nordatoll

Dann gibt es wieder staubige und vielleicht bleihaltige Luft in Kabul. Insofern- genießen Sie die zwei Tage auf den Malediven Herr Karsai.

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Die Strassenkehrer von Kabul

Die Strassenkehrer  von Kabul wissen viel – auch über Terroranschläge.  Heute Nachmittag hat unser Team die Männer von der Stadtreinigung wieder einmal getroffen,  wenige Stunden nach dem bisher schwersten Angriff der Taliban  auf die internationalen Truppen in Kabul.

Mit Wasser, Sand und  Besen reinigen sie die Strasse nach einem Anschlag, alles soll möglichst schnell wieder ganz normal aussehen.

Mohammad Jawad,Strassenkehrer

Mohammad Jawad ist einer der Strassenreiniger, er  hat sich längst an seine oft makabre Arbeit gewöhnt, doch, angesichts der jüngsten Anschläge in Kabul, macht er sich allmählich Sorgen:

Unsere Lage ist wirklich schwierig, klagt er,  so kann es doch mit Afghanistan nicht weitergehen, wann bringt uns die Regierung endlich Frieden.

Seine Kollegen  und er erleben schon seit Monaten, dass die Taliban scheinbar ungehindert mitten in der afghanischen Hauptstadt zuschlagen können:

Ende Juni das Interconti-Hotel, im August das britische Kulturinstitut, im September die US- Botschaft und das Hauptquartier der ISAF- Truppen, heute der Militärkonvoi.

Manchmal diskutieren sie bei der Arbeit, wie es wohl weitergehen wird, ob die  Taliban wieder an die Macht kommen, wenn die ausländischen Soldaten abgezogen sein werden, irgendwann in ein paar Jahren ?

Strassenkehrer nach dem Anschlag

Nach einer guten Stunde ist die Arbeit fast erledigt, doch Mohammad und seine Kollegen fürchten, dass sie auch weiterhin viel zu tun haben werden.

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Das erste Mal seit 44 Jahren…

…besucht ein deutsches Staatsoberhaupt wieder ganz offiziell Afghanistan. Zwar war Horst Köhler 2010 auch da, aber “nur” bei den deutschen Soldaten im Norden. Nun also Christian Wulff ganz offiziell. Und das unter besonderen Bedingungen. Denn diese Reise hätte eigentlich schon stattfinden sollen. Vor vier Wochen im September. Nur gab es da ein Problem. Einen Tag vor dem geplanten Abflug in Berlin starteten die Taliban jenen Angriff, den ich bereits in einem Blog “Schutzengel in Kabul” beschrieben habe und in den wir seinerzeit geraten waren. Nun also ein neuer Versuch und da ein Staatsbesuch kein gewöhnlicher Besuch ist, wird das große Besteck heraus geholt. Also militärische Ehren, ein Mittagessen und eine Pressekonferenz.

Wulff bei Karzai

Und natürlich Geschenke. Der Bundespräsident hatte ein kleines Fahrrad im Schlepptau mit Stützrädern für den Sohn des Präsidenten. Nett gemeint, aber schon gab es die ersten Stimmen, die diese Stützräder so interpretierten, als dass Deutschland noch über 2014 hinaus eine Stütze für Afghanistan sein würde,- was der Bundespräsident in seiner Rede betonte.

Ich bezweifle allerdings, dass das Fahrrad für Karsai Junior so gemeint war und vielleicht sollte man auch nicht immer alles unbedingt in ein passendes Bild quetschen wollen. Es war sicher einfach nur nett gemeint. Hamid Karsai übrigens hat im Gegenzug Christian Wulff ein afghanisches Schwert als Andenken überreicht,- als Zeichen des Friedens!

Bundespräsident Wulff in Kabul

Dieses Schwert wird nach der Rückkehr nach Berlin übrigens in die Geschenkkammer des Bundespräsidialamtes kommen. Dort lagern mittlerweile mehr als 3000 Waffen aller Art.

Im Anschluss an den offiziellen Teil in Kabul flog der Bundespräsident mit seiner Delegation weiter in das deutsche Feldlager in Masar-i-Sharif, um mit den Soldaten einen geselligen Grillabend zu verbringen und sich deren Sorge und Nöte anzuhören.

Dieser Besuch ist auf allen Ebenen offenbar gut angekommen,- vor allem bei den Afghanen. Denn obwohl der Bundespräsident kaum politische Macht hat, so ist er doch höchster Repräsentant Deutschlands. Und deshalb war dessen Besuch den Afghanen enorm wichtig.

Freundschaftlich verbunden, über den Abzug hinaus.

Echte Völkerverständigung also- mit Jugendrad und Schwert im Tausch!

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Humayun oder ein Krieg, der nicht zu Ende gehen will.

Humayun, der Gemüsehändler

Unser Team trifft Humayun  an seinem Gemüsestand im Stadtzentrum von Kabul. Er war noch jung,   als die Taliban auch in  der afghanischen Hauptstadt die Zivilbevölkerung terrorisierten. Er erzählt, wie schnell die selbsternannten Gotteskrieger  aus Kabul vertrieben wurden.

Alles begann heute vor zehn Jahren als US- Kampfflugzeuge Ziele in Afghanistan bombardierten „Das waren schlimme Zeiten, erinnert sich der Gemüsehändler,  bei den Luftangriffen starben Menschen, manche plünderten in der Stadt, verprügelten andere, das war furchtbar.“

Auch Humayun dachte damals, dass die Taliban für immer vertrieben wurden, der Jubel der Menschen, der plötzliche Zusammenbruch der Regierung. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg schien Frieden plötzlich möglich.

10 Jahre Krieg

Doch dann erlebten die Afghanen, dass der eigentliche Krieg im Süden und Osten des Landes erst beginnen sollte. Nie wieder sollte Terror aus Afghanistan die Welt bedrohen. Während der Westen davon träumte,  in der afghanischen Stammesgesellschaft einen demokratischen Musterstaat zu errichten, kämpften immer mehr ausländische Soldaten gegen die Aufständischen vor allem im paschtunisch geprägten Süden und Osten. Dort kam in vielen Regionen kaum Hilfe zum Wiederaufbau an, ein ideales Umfeld für die Taliban, immer neue Kämpfer zu rekrutieren.

Eigentlich sollte der sogenannte Stabilisierungseinsatz nur auf Kabul beschränkt bleiben, doch ab 2003 übernahmen die Deutschen die Verantwortung im Norden, die Amerikaner im Osten, die Italiener im Westen, Briten und Kanadier im Süden. Heute kämpfen mehr als 130 000 ausländischen Soldaten in Afghanistan, doch die Aufständischen sind noch immer nicht besiegt.

Proteste in Kabul

In Kabul haben hunderte Menschen gegen die Nato demonstriert, viele Afghanen haben längst das Vertrauen in die internationale Gemeinschaft verloren, dennoch fürchten sie die Rückkehr der Taliban.

Humayuns Hoffnung schwindet

Auch Gemüsehändler Humayun geht es so. Seine Hoffnung auf Frieden, so sagt er, schwinde von Tag zu Tag.

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Treffen mit einem (Ex)-Taliban

Mullah Salam Saeef zu treffen ist nicht einfach, viele Telefonate und mehrere vergebliche Anläufe, dann endlich werden wir eingeladen zu einem  Interview mit dem ehemaligen Talibanfunktionär, Mittwochmorgen kurz nach acht.

Mullah Salam Saeef im Gespräch mit Florian Meesmann

Vor seiner Tür stehen Bewaffnete in Uniform, es ist nicht klar, ob sie Saeef schützen oder bewachen, auch wir werden sorgfältig durchsucht, dann erst treffen wir einen Mann, dessen Lebensgeschichte die Entwicklung Afghanistans in den letzten 30 Jahren spiegelt.

Schon als junger Mann  kämpfte  Saeef auf Seiten der Gotteskrieger  und machte bald Karriere, hohe Posten in verschiedenen Ministerien der Talibanregierung.

Im Herbst 2001 war Mullah Abdul  Salam Saeef  die Stimme des Talibanregimes,  als Botschafter in Pakistan. Bis heute sollen seine Kontakte zur Führungsspitze der Taliban  hervorragend sein. Er spricht leise, fast schüchtern, als wir ihm Bilder aus dem September 2001 zeigen. Damals gab er fast täglich Pressekonferenzen in Islamabad.

Mullah Salam Saeef 2001 in Islamabad

Als die Taliban  die Auslieferung Bin Ladens ablehnten, rückte der Krieg immer näher.  Unsere Probleme  wurden  immer größer, erinnert er sich.

Und dann erleben wir den einstigen Hardliner überraschend nachdenklich:

Eigentlich soll man ja nicht zurückblicken das macht nur krank und traurig, sinniert der Anfangsvierziger, das bringt doch nichts. Und doch denke ich manchmal,  was war der Fehler, was haben wir  falsch gemacht, was hätten wir anders machen können.” Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde Salam Saeef mehr als drei Jahre lang in  Guantanamo gefoltert und verhört, sowie hunderte andere Talibananhänger, auch das   macht Verhandlungen bis heute so schwierig: Was sie mir angetan haben, sagt er im Interview, kann nur Gott ihnen vergeben.  Aber die Grausamkeiten,  die die Amerikaner vielen unschuldigen Afghanen  zugefügt haben, die wird  Gott ihnen nie verzeihen, er wird Rache  dafür  üben.”

Mullah Salam Saeef

Schon damals – bei diesem Treffen im Sommer – verurteilte er mit harten Worten das  Wiedereingliederungsprogramm der Regierung für Talibankämpfer, vom Westen finanziert: “Es ist doch einfach, die Taliban verlangen den Abzug der ausländischen Truppen,  die Regierung verlangt, dass die Taliban ihre Waffen niederlegen. Solange es da keinen Kompromiss gibt, wird der Krieg  weitergehen. ”

Die Entwicklung der letzten Wochen scheint Saeef recht zu geben. Mit dem Angriff auf die US- Botschaft(13.9) und dem Mord an Rabbani hat die Gewalt in Afghanistan eine neue Dimension erreicht.

Auch Mullah Saeef  kennt keinen Weg zum Frieden in Afghanistan.

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Rabbani – Ein Attentat und seine Folgen

Burhanuddin Rabbani

Rabbani ist tot. Als uns Dienstag spätabends die Nachricht erreichte, konnten wir es kaum glauben. Burhanuddin Rabbani spielt seit mehr als 20 Jahren eine wichtige Rolle in der afghanischen Politik. Der Tadschike war Präsident des Landes, politischer Führer der Nordallianz, die die Taliban 2001 besiegt hatten, zu letzt hatte er den Vorsitz des „Hohen Friedensrates“. Diese letzte, vielleicht schwierigste Aufgabe, hat er mit seinem Leben bezahlt.

Vom Präsidenten persönlich ins Leben gerufen, sollten unter seinem Vorsitz dutzende Mitglieder des „High Peace Council“ den innerafghanischen Versöhnungsprozess mit den Taliban vorantreiben.

Burhanuddin Rabbani während seiner Präsidentschaft

Wir haben das Hauptquartier des Rates in Kabul vor wenigen Wochen besucht, um Interviews zu führen. Dort trafen sich Politiker und Stammesführer, um die Chancen für eine politische Lösung des militärisch nicht lösbaren Konfliktes in Afghanistan auszuloten. Mitglieder des Rates haben uns bestätigt, sie haben Kontakte in alle Richtungen, natürlich auch zu den Taliban.

Auch der mutmaßliche Attentäter, er soll sich Esamtullah genannt haben, gab sich als ein Abgesandter der Taliban aus. Er hatte, so erzählen uns auch die afghanischen Kollegen, tagelang auf das Treffen gewartet, als Gast des Friedensrates. Bei der Begegnung mit Rabbani zündete er den Sprengsatz, der offenbar in seinem Turban versteckt war und tötete den ehemaligen Präsidenten.

Rabbani und Karzai

Der Schock sitzt tief im politischen Kabul. Eine weithin geachtete Persönlichkeit wie Rabbani ist nur schwer zu ersetzen. Sein Tod ist ein schwerer Schlag für jeden Ansatz eines innerafghanischen Friedensprozesses. Nicht wenige aus dem politischen Lager der ehemaligen Nordallianz, Vertreter der Tadschiken und Usbeken halten Verhandlungen mit den Taliban schon lange für Zeitverschwendung, sie könnten sich bestätigt sehen. Die Spannungen wachsen zwischen den Völkern Afghanistans. Zwischen den Paschtunen, die den Süden und Osten dominieren und den Tadschiken und Usbeken, die den Norden des Landes beherrschen.

Das ist Stoff für neue Alpträume westlicher Diplomaten: Bis 2014 zieht ein Großteil der Truppen ab, danach droht Afghanistan wieder in einem Bürgerkrieg der Völker und Stämme zu versinken. Sowie damals, 1989, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen  vom Hindukusch. Übrigens, aus dem Bürgerkrieg der 90er Jahre gingen die Taliban als Sieger hervor. Wiederholt sich Geschichte in Afghanistan?

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