Wir sind schon mehr als eine halbe Stunde unterwegs im dichten Stadtverkehr der afghanischen Hauptstadt, dann hält unser Fahrer plötzlich und zeigt auf ein unscheinbares Haus.
Wir fragen mehrfach nach, ungläubig, hier soll die bekannteste Fernsehserie Afghanistans gedreht werden ?
Wir steigen aus und kommen – hinter hohen Mauern – in eine andere Welt. Unten im Keller des Hauses treffen wir Abeda, sie ist die Mutter in der Serie “Geheimnisse des Hauses” und wird gerade geschminkt.
Von oben hören wir Gerumpel und Gelächter, Regisseur Siyar, gerade einmal 27 Jahre alt, bereitet die erste Szene vor. Die Stimmung ist gelöst, Männer und Frauen arbeiten ganz selbstverständlich zusammen, das haben wir bisher selten gesehen in Afghanistan.
„Action“, ruft der Regisseur, Serienmutter Abeda tritt auf und tröstet Seriensohn Manushir in dramatischer Lage. Manushir denkt an Selbstmord, seitdem seine Braut bei einem Autounfall starb, Serienmutter Abeda tröstet ihn, für den Moment mit Erfolg.
Zwei, drei Versuche braucht es, dann ist Regisseur Siyar zufrieden, die Szene im Kasten. Die Fernsehserie ist mit bis zu 30 % Marktanteil ein großer Erfolg im Land. Dabei ist die technische Ausrüstung einfach und Kulisse sind schlicht. Mehr brauchen Regisseur Siyar und sein Team nicht, um Geschichten zu erzählen, wie sie viele Afghanen jeden Tag erleben. Sie zeigen das komplizierte Innenleben der Großfamilie , normalerweise bleibt das in der konservativen Gesellschaft am Hindukusch eher hinter verschlossenen Türen
Wir behandeln viele Alltagsprobleme, aus der Familie, der Gesellschaft, die Polizei und natürlich auch die Korruption im Land.“ erklärt Regisseur Siyar.
Wir dürfen Abeda nach Hause begleiten, unterwegs erzählt sie uns, Schauspielerin in Afghanistan zu sein, ist alles andere als ein Traumjob. Sie habe oft Angst, sagt die 30jährige, denn viele Menschen vor allem die ungebildeten glaubten noch immer, dass eine Schauspielerin fast das gleiche wie eine Hure sei. Viele lieben die Fernsehserie, sind stolz, dass sie in Afghanistan produziert werden und verachten zugleich die Schauspielerinnen.
Zu Hause lernen wir die Kinder Abedas kennen. Abeda arbeitet nebenbei als Lehrerin, doch die Miete kann sie nur mit der Gage als Schauspielerin zahlen.
Die Kinder sind stolz auf ihre berühmte Mutter, doch sie wissen wie gefährlich ihr Beruf ist. Die Scheiben wurden eingeworfen. Drohbriefe, und sogar Morddrohungen aus der eigenen Verwandtschaft gibt es immer wieder.
„Als ich das erste Mal im Fernsehen zu sehen war, so berichtet sie uns, riefen mich meine Verwandten an und sagten, hör sofort auf damit sonst töten wir Dich.
Abeda hat sich nicht davon einschüchtern lassen, Abeda wurde mit 13 zwangsverheiratet, mit einem mehr als zwanzig Jahre älteren Mann, der ist kaum zu Hause , hat keinen festen Job. Sie muss als Schauspielerin arbeiten, trotz aller Drohungen, sie hat keine andere Wahl, Abeda will, dass ihre Kinder es einmal besser haben.
Beim Fernsehsender TOLO , der die Serie ausstrahlt, treffen wir Regisseur Siyar wieder, er schneidet die nächste Folge.
Eine Tochter der Serienfamilie stirbt bei einem Unfall, die Frauen trauern, auch Serienmutter Abeda ist außer sich vor Schmerz.
Für Regisseur Siyar beeinflussen die Probleme seiner Schauspielerinnen im wirklichen Leben die Handlung der Serie mehr als im lieb ist.
Auch dieser Todesfall wurde kurzfristig eingefügt, als sich eine Darstellerin zurückziehen musste – auf Druck der Familie.
„Die meisten unserer Schauspielerinnen haben große Probleme in ihren Familien. Wenn die Ehemänner die Frauen auf dem Bildschirm sehen, dann verlangen sie oft, dass sie aufhören. Wir müssen die Handlung entsprechend ändern, was sollen wir tuen, sagt er achselzuckend.
Wir kehren noch einmal an den Drehort zurück. Abeda und die anderen wollen weiter machen, die gemeinsame Bedrohung hat das Team eng zusammen rücken lassen, mancher fühlt sich hier wohler als in der eigenen Familie.
Viele Afghanen sind Fans der Serie, trotzdem werden die Schauspielerinnen bedroht, viele Frauen können das nicht verstehen. Sie verfolgen ängstlich die Diskussion um einen Friedenschluss mit den Taliban, denn sie erinnern sich noch gut an deren Schreckensherrschaft. Abeda und die anderen wollen sich nicht einschüchtern lassen, sie wollen weiter machen. Der Mut dieser Frauen beeindruckt das ganze Team Holger Ackermann, Frank Sauer und mich sehr.
Sie nutzen die Freiheit, die es derzeit (noch) gibt am Hindukusch – trotz aller Drohungen.








Lesenswerter Blogpost! Ich werde da noch mal genauer recherchieren!