Kurze Pariser Nacht

Schilder müder Korrespondenten an einer Bürotür

Für uns alle ARD-Korrespondenten hier in Paris war das eine kurze, aber spannende Nacht.  Aber was will man mehr als Journalist, als Zeuge einer historischen Wahl zu sein?  Dafür nehme ich auch in Kauf, dass es diese Nacht nur für drei Stunden Schlaf gereicht hat.  Denn viel Zeit zwischen der ersten Stellungnahmen am Wahlabend und den ersten Lives am nächsten Morgen war eben nicht.

Und eigentlich hätte ich mich auch am liebsten durch Paris treiben lassen, wenn nicht die Vernunft gesagt hätte: schlaf wenigstens drei Stunden.  Es ist einfach Wahnsinn, in welcher Feierlaune die Franzosen und Pariser waren.  Autokorsos auf den Champs-Elysées, Hupkonzerte aller Orten und überall feiernde Menschen.  Da zeigt sich dann doch der Unterschied im Temperament zwischen Deutschen und Franzosen.

Übrigens auch in den Worten der Präsidenten.  Hat doch Sarkozy gestern abend voller Inbrunst gesagt: Ich liebe Frankreich, ich liebe euch!  Hätte sich das einer bei Gerhard Schröder vorstellen können – und könnte man es sich bei Angela Merkel vorstellen?

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Eine Antwort auf Kurze Pariser Nacht

  1. Didier SCHEIBE-BAUZIERE sagt:

    Der Präsident neben dir

    Im Prinzip schon, aber eigentlich ist er über uns. Ob er uns über ist? Gewiss, denn es gilt eine ungeschriebene Regel, und die hat ihren Sinn: Ein guter Franzose zieht es vor, der erste Präsident zu sein und nicht der zweite unter einem ersten.

    Egal, ob es der Typ aus dem Haus nebenan ist, der Präsident der Association der rien-de-toutistes, die gerade einmal acht Köpfe aus seiner engeren oder weiteren Familie zählt, oder der vom letzten Wochenende, der mehr ausländische auf der Place de Bastille als französische Fahnen um sich versammelte – ich sollte ihn mit «Monsieur le Président» ansprechen.

    Sie wenden jetzt ein, dass ein solcher Begegnungsfall nicht eintrete und man ergo solche Subtilitäten auch nicht beachten müsse? Soyez prudent, seien Sie vorsichtig. Gestern jedenfalls erschien er in seiner Pariser Bäckerei um die Ecke wo er eine Baguette kaufte. Ganz normal, so wie immer, als ganz normaler Monsieur le Président.

    Übermorgen wird die Strasse abgesperrt werden und sich einige Parlamentarier in Begleitung von ausgewählten gewôhnlichen Sterblichen von der Strasse – rein zufällig, was denken Sie wieder! – in der Bäckerei befinden, wenn die Leibwächter den Weg freimachen.

    Weil Politiker nichts so lieben wie die Wörter «travailler = arbeiten», «boîte à outils = Werkzeugkoffer» und «feuille de route = auf gut Deutsch: road map), wird der Präsident neben und über mir über-übermorgen keine Zeit mehr für seinen individuellen Baguette-Kauf haben, die holen ihm dann die «petites mains», die kleinen und emsigen Hände aus dem Elysée.

    Trotzdem gibt es in den fünf kommenden Jahre genügend Spielraum für Überraschungen. Giscard beispielsweise, das war der Monsieur le Président zwischen Mai 1974 und Mai 1981, verfiel auf die Idee, sich am Morgen einige Müllkutscher zum Frühstück holen zu lassen, um zu erfahren, was gerade vox populi war. Er lud sich auch bei ausgewählten Familien zum Essen ein, und Hand aufs Herz! – wer wollte damals schon den Präsidenten neben sich zurückweisen. Auch ein ganz normaler Präsident.

    MITTERRAND war pragmatischer – er legte sich eine Klempnerbrigade zu, die auch sofort hurtig ans Werk ging und die ihr verdächtigen Subjekte wie den damaligen Chefredakteur von «Le Monde», Edwy PLENEL, abhörte. Dass es bei solchem Treiben der Handwerkerei zu bedauerlichen Zwischenfällen kam wie im Falle der «Rainbow Warrior» mit einem Toten oder den Iren von Vincennes, bezeichnet man heute generös Kollateralschäden.

    Glücklicherweise bedecken Franzosen solche unangenehmen Dinge mit dem Schleier des kollektiven Vergessens. Sonst könnte man ja nicht mehr ruhig schlafen und müsste an Premierminister JOSPIN denken, der 2000 einen gewaltigen Steuerüberschuss entdeckte (den hatten die zuvor regierenden reaktionären Rechten konspirativ angehäufelt), und davon 18 Mrd Francs dafür ausgab, die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt zu senken statt damit die damals schon abyssalen Defizite der Sozialversicherung etwas zu verringern.

    Sicherheitshalber gehe ich jetzt das Brot im Supermarkt kaufen. Viel hilft das nicht, denn es gibt immer einen Präsidenten neben mir.