Unsichtbare Armut

Bevor der Wahlkampftrubel mich nach einer kurzen Urlaubs-Auszeit wieder so richtig einfängt, will ich noch rasch Eindrücke blogmäßig verarbeiten, die ich im Zuge einer längeren Recherche gesammelt habe.  Ich hatte nämlich den Auftrag, ein 10-Minuten Kurzfeature zum Thema “Neue Armut in Frankreich” zu machen.  Und die Eindrücke, die ich dabei gesammelt habe, waren doch erstaunlich. Dass es Armut in Frankreich gibt, kann einem nicht entgehen, zumal wenn man in Paris lebt.  Die vielen Obdachlosen, die Siedlungen aus Bretterbuden entlang der Regionalbahnstrecke zum Flughafen, die vielen Bettler – das fällt einem schon sehr ins Auge.

Aber es gibt offenbar eine noch viel größere, verborgene Armut!  Ich habe mich nämlich mit einer 50jährigen, arbeitslosen Innenarchitektin bei ihr zuhause getroffen.  Seit mehr als 2 Jahren hat die alleinerziehende Mutter einer 12jährigen Tochter keine Arbeit mehr und lebt deshalb wirklich in bitterer Armut.  Sie bekommt nämlich knapp 800 Euro an Unterstützung und für die Miete ihrer 2-Raum Wohnung muss sie allein 850 Euro zahlen.  Das heißt, sie kann sich und ihre Tochter nur mit Hilfe von Lebensmittelgutscheinen ernähren, die sie von Hilfsorganisationen bekommt.

Als Patricia mir von dieser Situation erzählt hat, standen dieser gepflegten, stilbewussten Frau die Tränen in den Augen.  Erst durch diesen Besuch  bei Patricia habe ich begriffen, wieviele Gesichter die Armut hier in Frankreich offenbar hat.  Denn die Wohnung von Patricia ist liebevoll und bunt eingerichtet, ihre Kleidung geschmackvoll.  Überreste von anderen Umständen, in denen Patricia noch vor kurzem gelebt hat.  Und doch hat Patricia manchmal nicht genug zu essen.  Und das in Frankreich!

Da die Zahl der Arbeitslosen in Frankreich kontinuierlich steigt, geht es immer mehr Franzosen so wie Patricia.  Mehr als jeder zehnte Franzose lebt in Armut, bei den Jugendlichen sind es sogar 20 bis 40 Prozent (je nach Wohnviertel).   In Frankreich findet also gerade ein stiller, sozialer Wandel statt.  Doch irgendwie sind alle Beteiligten, und meistens auch die Betroffenen, angesichts dieser Situation erstaunlich still.

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Eine Antwort auf Unsichtbare Armut

  1. Sabine sagt:

    Das sollte man wirklich mal publik machen und nicht zu knapp. Gerade vor der Wahl in Frankreich. Schon sehr traurig ,auf der einen Seite das Wohlstandsfrankreich mit den super vielen Essensgeschäften – und was für welchen- und auf der anderen Seite diese Armut. Wohin wird das noch alles führen????????