Ihre Eindrücke sind uns wichtig

Liebe Netzgemeinde,

 

nach der Ankündigung haben Sie vielleicht sehr lange auf ein Lebenszeichen von mir hier im Netz gewartet. Da ist es nun! Warum hat es bis zu diesem Blog-Eintrag so lange gedauert? Meine Kolleginnen, Kollegen und ich haben eine große Mammutaufgabe gestemmt: mehr als acht Stunden Live-Berichterstattung zum Papst im MDR FERNSEHEN und im Ersten. Das bedeutete an den vergangenen beiden Tagen: recherchieren, organisieren – und dann rückte die Sendezeit ran und die Moderationen mussten fertig werden. Vergangene Nacht saß ich mit den Kollegen bis 22 Uhr an der Vorbereitung der Sendung. Da war ans Bloggen kaum zu denken, obwohl es wichtig ist. Denn Ihre Meinung zählt. Sagen Sie uns doch, wie Sie den Papstbesuch hier in Thüringen fanden. Kommentieren Sie unten oder schicken Sie Ihre Eindrücke vom Papstbesuch als Fotos oder Videos an papstbesuch2011@mdr.de. Ich würde mich über Ihre Meinung freuen. Und wir werden von Ihren Eindrücken auch in den kommenden Tagen berichten.

 

Wir haben immer wieder die Kommentare in die Sendung eingebunden, die uns via Twitter und Facebook erreicht haben – Danke dafür. Ich konnte den Papst hier einmal aus nächster Nähe sehen. Chapeau vor diesem Reiseprogramm!

 

Grüße

 

Ihr Wolfgang Kenntemich

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Der Papst in Erfurt: Seine Anhänger, seine Kritiker und dazwischen nicht viel

Und schon ist er wieder weg. Der Papst. Weiter nach Freiburg. Immerhin: Thüringen hat er fast zwei ganze Tage geschenkt. – Oder aufgedrückt? Zwei Tage lang war ich in der Stadt unterwegs. Immer abseits der heiligen Veranstaltungen. Und hätte ich ihn nicht mit eigenen Augen an mir vorbeifahren sehen – ich hätte womöglich gar nicht mitbekommen, dass Benedikt der XVI. in der Stadt war. 

Kaum spürbare Demonstration am 24. September um 7:30 Uhr auf dem Erfurter Anger

Kaum spürbare Demonstration am 24. September um 7:30 Uhr auf dem Erfurter Anger

Hier und dort sind mir in den Seitenstraßen ein paar seiner Schäfchen mit weiß-gelben Fahnen begegnet. – Das muss ja nichts bedeuten. Und klar, diese Sicherheitsabsperrungen haben mich auch genervt. Aber sonst war das Erfurt das ich gesehen habe so wie immer: kein großer Trubel, keine Aufgeregtheit und ein mäßig zuverlässiger Stadtbahn-Verkehr. Die ersten beiden Dinge kann ich per Foto beweisen. Letzteres haben sicher Viele selber bemerkt. Vor allem die Anwohner.

Erfurter Bahnhofsstraße am Tag der Papstmesse um 7 Uhr

Erfurter Bahnhofsstraße am Tag der Papstmesse um 7 Uhr

Zwei Großereignisse bleiben mir in Erinnerung: Die papstkritische Demonstration am Freitagabend, bei der ich etwa 500 Teilnehmer gezählt habe. Und natürlich das Bild vom prall gefüllten Domplatz zur Heiligen Messe. Tausende Anhänger und Fans des Papstes auf der einen Seite und eine (im Vergleich zu Berlin) stattliche Gruppe von Kritikern auf der anderen. Dazwischen hat das Großereignis „Papst Benedikt“ in der Landeshauptstadt offenbar nur wenige berührt. Der Glaube an das katholische Weltbild ist zum Nischenbekenntnis geworden. Das hat mir Erfurt deutlicher vor Augen geführt als jede bisher dagewesene Statistik.

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Volunteer Ab in den Wäschekorb

Gegen 9 Uhr 30 wird Kontrollstelle 3 wieder zur Ecke Wagnergasse, Moritzstraße. Wir werden “abgezogen” – Auftrag erfüllt. Tschüß kleines Bistro, das in den letzten Stunden mehr als heißen Cafe geboten hat, tschüß Leipziger Löwen, tschüß Herr Bauer aus Leinefelde und Thomas aus Würzburg! Auf dem Domplatz verliert sich die Crew. Zum inneren Ankommen auf dem Domplatz ist die Zeit zu kurz. Beim Kommunion-Austeilen gibt´s noch zu tun, Wasser und Müsliriegel großzügig zu verteilen an die  Abreisenden und dann braucht`s noch Hände beim Gewänder-Falten. Domsporthalle. Über 70 Gewänder warten darauf, zusammengelegt zu werden. Leihgaben aus Würzburg und Köln. Vor wenigen Tagen erst frisch gebügelt, sie landen wieder im Wäschekorb. Finger weg vom schweren Bischofs-Tuch. Hier haben bis vor wenigen Stunden nur Männer der Erfurter Dom-Gemeinde gearbeitet. Den Frauen blieb der Zugang in die Groß-Gardarobe verwehrt. ”Wenn Männer sich umziehen.” Wenn solche Männer sich umziehen… Der Mann, der da mit faltet, hat in seinem Alltag mehr mit Zahlen und Wahlen zu tun. Eine unerwartete Begegnung zum Ende des Einsatzes. Hier fällt Spannung ab. Die Tüte Gummibärchen ist fast leer. Der Reisemarschall des Papstes hat die Organisation gelobt, heißt es.

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Volunteer Einlassstopp um 8 Uhr 17

Kontrollpunkt 13 verwaist. Seit einer Stunde kommen nur noch die ganz Mutigen. Seit gut einer Viertelstunde ist endgültig Schluss. Einlassstopp. Bis dahin weitgehend ruhiges Durchlassen. Einige hundert, ein Bruchteil dessen, was am Fischmarkt in Bewegung war. Aufregung nur dann, wenn Küchen-Hocker und Campingstühle im Gepäck sind. Pilgerstühlchen haben keine Lehne zu haben. Die Security aus Leipzig ist relaxed, obwohl einige von ihnen seit gestern Morgen im Dienst. Das hier sei geschmeidig. Dabei wird hier jemand festgenommen. Anfang 30, angetrunken und mutig. “Kinderf…”ist noch das Harmloseste. Von dem bekommt das Ehepaar aus Bamberg nichts mehr mit. Gestern Etzelsbach, in der Nacht nach Erfurt. Der überraschende Zugang zum Domplatz bedeutet für sie pure Freude. Das Danke tut gut.

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Volunteer Guten Morgen Erfurt

Eine Nacht, die keine ist. Fremde Menschen im Schlafsack in unmittelbarer Nähe, im Schulhof Malteser und Sicherheitsleute, die auch keinen Schlaf finden.  Auf dem Weg zum Kontrollpunkt aggressive “Nachtschwärmer”. “Euer Gott ist ein Kinderschänder!”, Ausspucken und der Versuch zu provozieren. Dafür ist die Crew viel zu müde. Kurz vor 4 Uhr die ersten erwartungsfrohen Pilger – aus der Nachbarschaft und aus Salzgitter. Diese Menschen haben eine Nachtfahrt hinter sich und stehen sich jetzt die Beine in den Bauch. Die Stimmung kippt – warten, immer noch warten. Die ersten wandern ab. Der Einlass war für 4 Uhr angekündigt. “Getränke bleiben draußen.” – Das bringt die Erfurterin mit ihrer Enkelin endgültig aus der Fassung. Selbst Plasteflaschen dürfen nicht mit rein. Neue Order, heißt es aus dem Koordinierungsbüro. Das kommt von oben und dann wird das so gemacht. Die Vermutung der ersten Pilger ist eine andere: da geht es wohl um Umsatz.

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Warten auf den Papst

Pünktlich 16:20 Uhr sind sie dicht – die Zäune rund um den “Giro”.! Das ist die asphaltierte Straße, die sich durch das freie Feld neben der Wallfahrtskapelle in Etzelsbach schlängelt, auf der Benedikt XVI. gut 90 Minuten später mit seinem Papamobil die Nähe zu den 90.000 Pilgern suchen wird. Keiner kommt mehr rein in den Block, keiner kommt mehr raus. Doch Langeweile kommt nicht auf. Schnell knüpft man Kontakte zu den freiwilligen Helfern, zu den Sicherheitsleuten, zu den PIlgern. Doch nicht jeder Pilger ist ein Pilger. Ein junger Mann, der sich mit mir direkt an die Absperrung gestellt hat, sagte mir: “Sowas erlebt man nicht noch einmal. Das muss man doch mitmachen, einfach nur dabei sein!”

Als ich auf den Absperrzaun klettere, um ein Foto vom einfliegenden Hubschrauber des Papstes zu machen, kommt ein Sicherheitsmann auf mich zu. Doch er will mich nicht davon abhalten, er will mich festhalten. Die Zäune seien wackelig und damit bestünde die Gefahr, ich könnte umfallen. Ich bin begeistert, die Stimmung ist gut. Alles sind gut gelaunt und entspannt. Der Sicherheitsmann mit der leuchtend gelben Weste war schon um zwei Uhr morgens aus Nürnberg angereist. Ursprünglich aber kommt er aus Danzig. Er erzählt mir, dass es ein seltsames Gefühl sei, nie “seinen” Papst, den polnischen Papst Johannes Paul II. gesehen zu haben – den deutschen aber jetzt schon.

Mehrere Zehntausend Menschen beten Rosenkränze. Als die Hubschrauber mit Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, Bundespräsident Christian Wulff und schließlich mit dem Papst an Bord auf der Anhöhe hinter der Altarbühne landen. Spontane Chorgesänge unterbrechen die Stille, die unauffällig auf dem PIlgerfeld eingekehrt war. Plötzlich wird es eng an der Absperrung, alle wollen an den Zaun und den Papst im Papamobil vorbeifahren sehen. Als sich das weiße Gefährt schließlich nähert, ist die Aufregung groß. Doch der Papst samt Mobil ist schneller vorbeigefahren, als man Papamobil aussprechen kann. Aber der Sicherheitsmann hat es geschafft, auch er hat mit seinem Handy ein Bild vom Papst gemacht. Und ich auch. Das Warten hat sich gelohnt.

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Volunteer Die Letzte macht das Licht aus

Begrüßen, Orientierung geben, notfalls Umlenken. An 13 Kontrollstellen, noch vor den Schleusen. Damit rechnen, dass Menschen zu spät kommen, keine Karten haben, Enttäuschung und Ärger los werden wollen. Freundlich bleiben, Ruhe bewahren. Bis dahin Ruhe suchen. Am Anger Gegendemo – mit vielleicht 100 Teilnehmern? Aufgeregte Kritik an Kosten und Sicherheitsaufwand. Tatsächlich haben an diesem Abend selbst leere Kneipen mindestens zwei Gäste. An manchen Vorkontrollstellen grelles Scheinwerfer-Licht und Security. Fragen nach dem Weg sind überflüssig. “Ich komme nicht von hier.” Am östlichen Altstadtrand zeigen die Schilder zum Domplatz in die falsche Richtung.

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Nichtmal der Papst kann sie erschüttern

Stell dir vor: Es ist Papst und keiner geht hin. – Dieser Ausspruch geisterte mir an diesem 23. September häufig durch den Kopf. Da reist das Oberhaupt der katholischen Kirche nach Deutschland, nach Ostdeutschland, nach Thüringen – und die Erfurter lässt es kalt. Wahrscheinlich haben sie genau wie ich lieber das ganze Tamtam vorab genossen, vor Verwandten und Freunden geprahlt und sich mit Billig-Devotionalien eingedeckt, von Postkarten bis zum “Ratzefummel”.

Kaum Schaulustige entlang der Protokollstrecke durch die Innenstadt

Kaum Schaulustige entlang der Protokollstrecke durch die Innenstadt

“Nun ist er da. Und nun ist gut.” – Das denkt womöglich der Erfurter. Denn anders kann ich es mir nicht erklären, wieso bei einem Public Viewing nicht einmal hundert Leute zusammenkommen. Da schafft ja jedes Spiel einer Fußballwelt- und europameisterschaft mehr. Und wie es entlang der Protokollstrecke abseits des Domplatzes aussah, das spricht Bände. Und während der Heilige Vater im Eichsfeld weilte, fühlte sich das Treiben in der Innenstadt an wie an jedem Freitagnachmittag. Erfurt, ich hätte nicht gedacht, dass du so cool sein kannst. Bei der Heiligen Messe will ich dich aber feiern sehen!

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Sie haben es sich verdient

Sie haben bekommen, was viele von ihnen sich sicher erhofft hatten. Beim Gottesdienst auf dem Pilgerfeld an der Wallfahrtskapelle Etzelsbach hat Papst Benedikt XVI. die Glaubenstreue der Eichsfelder gerühmt. Und so wurde der Besuch des Kirchenoberhaupts das, was man im Vorfeld erwartet hatte: eine Belobigung von allerhöchster Stelle für die Katholiken im Eichsfeld, die ihren Glauben gegen atheistische Bedrängnis verteidigt haben. Es war schon eine schöne Feier auf dem Feld. Stundenlang hatten die Gläubigen ausgeharrt, um Benedikt zu sehen. Sie begüßten ihn mit Jubel und Beifall, und es schien, als genösse der alte Mann das Bad in der Menge. Jedenfalls lächelte er sein verschmitztes Lächeln, als er da im Papamobil durch die Menschenmenge rollte. Nur Babys mochte er diesmal nicht segnen, so wie er es am Donnerstag in Berlin getan hatte. Bei der Vesper wurde gesungen und gebetet, und Benedikt sprach in seiner Predigt über die Heilige Mutter Maria und darüber, was sie den Menschen heute noch geben kann. Für das Eichsfeld und seine gläubigen Bewohner war dieser Tag sicher das Ereignis des Jahrhunderts. So oft kommen Päpste ja auch nicht hierher. Davon wird man wohl in vielen Familien noch über Generationen erzählen. Und seinen Glauben noch entschlossener bewahren und verteidigen.

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Volunteer Schlafplatz bei Herrn Müller

Die Trommsdorfstrasse füllt sich. Vor dem Koordinierungsbüro steht jetzt eine Schlange. 500 bis 600 Helfer sollen kommen, ein Bruchteil von ihnen wird hier übernachten. Im zweiten Stock die Frauen, im dritten die Männer. Klasse 6 c von Herrn Müller hat die Tische beiseite gerückt. Für Jugendherbergs-Stimmung ist in diesem Raum der Altersdurchschnitt zu hoch. Ausweis bekommen, T-Shirt, Basecap und Regenjacke und einen Verpflegungsplastenbeutel mit O-Saft, Müsliriegel, Keksrolle und zwei Pfefferbeißern. Den selbstgebackenen Kuchen gibt´s von einer Endfünfzigerin. Sie kommt aus Baden-Württemberg und ist schon den ganzen Tag im Einsatz. Wieso Erfurt? Freiburg liegt doch um die Ecke? Sie hat keine Lust auf Fußballstadion. Morgen sitzt sie in Block F. Pilgerstühlchen dürfen mitgebracht werden.

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