Montag, 17. Dezember 2012 – ein Schultag auch in Connecticut. Doch in der Kleinstadt Newtown findet heute kein Unterricht statt, denn Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen sollen noch ein wenig mehr Zeit bekommen, die Tragödie zu erfassen und zu überstehen. Zudem finden heute die ersten Beerdigungen statt, vor allem in Familien, deren religiöse Überzeugung ihnen eine rasche Beerdigung der Leichen gebietet. Ein wenig Trost mag ihnen die inter-religiöse Nachtwache gestern Abend geboten haben, wo unter anderem Katholiken, Protestanten, Juden, Methodisten und Muslime für die 20 erschossenen Erstklässler und sechs Schulangestellten beteten und sangen und wo Präsident Obama gesagt hat: “Seit meinem Amtsantritt sind wir zum vierten Mal zusammengekommen, um einer trauernden Gemeinschaft Trost zu spenden, die durch eine Massenschießerei auseinandergerissen worden ist…Diese Tragödien müssen ein Ende haben. Und dafür müssen wir uns ändern.” Ich dachte: Gut so, gleich sagt er es.
Obama fuhr crescendogleich mit dem Aufbau seines Hauptthemas fort: Es stimme, dass die Ursachen für derartige Gewalt komplex seien und dass kein Gesetz garantieren werde, dass nichts Böses mehr geschieht. “Doch das darf keine Entschuldigung dafür sein, nicht zu handeln!” Jetzt spricht er es aus, endlich – dachte ich. Doch Doch das Wort „guns“ (Schusswaffen) ist dem Präsidenten kein einziges Mal über die Lippen gekommen. Warum nicht? Musste eine andere alte Entschuldigung herhalten, nämlich dass an einem solchen Tag der Trauer nicht die Zeit sei, über Waffen(gesetze), also über Politik zu reden? Viele finden, dass er es klug angestellt hat, denn er sei doch „tough“ und deutlich wie nie zuvor gewesen. Jeder wisse doch, was er gemeint hat. Ich fand es feige. Wer zynisch geworden ist, mag sogar eine offene Hintertür sehen: Wenn es nicht klappt mit einer wirksamen Änderung von Waffengesetzen – ok. So genau hatte Obama es ja auch nicht versprochen.
Dabei hoffen viele Amerikaner auf Taten – so viele kleine Kinder, das muss der Wendepunkt sein. Oder? Andere fürchten Taten und es würde mich überraschen, wenn in diesen Tagen die Zahl der Waffenverkäufe nicht wieder deutlich stiege. Das passiert immer nach Massenschießereien in der Hoffnung, sich bewaffnet besser bei derlei Tragödien verteidigen zu können. Und es geschieht immer, wenn die Leute Angst haben, die Regierung wolle ihnen bald die Waffen wegnehmen.
Dass Präsident Obama Sonntagabend in Newtown zum Gedenken an die 20 ermordeten Kinder ihre Vornamen aufgezählt hatte, hinterließ einen tiefen Eindruck; die Liste schien nicht zu enden. Schon wollen die ersten Politiker das vor Jahren außer Kraft gesetzte Verkaufsverbot für halbautomatische Angriffswaffen endlich wieder aufleben lassen. (Etwas, das Obama in seinem ersten Wahlkampf vor 5 Jahren versprochen und dann trotz dreier Massenschießereien nie angefasst hatte.) Erste Senatoren wie Joe Lieberman rufen dazu auf, eine Kommission zur Untersuchung von Massenschießereien einzuberufen. Du liebe Güte – wieder eine Kommission? Dabei ist alles schon unzählige Male analysiert, bedacht, besprochen worden. Die Washington Post berichtet, dass sich der US-Justizminister nach der Schießerei in Tuscon (Arizona) vor knapp zwei Jahren wohlbedachte Vorschläge für eine bessere Waffenkontrolle hatte ausarbeiten lassen. Nach rund 1 ½ Jahren intensiver Arbeit lagen die Ergebnisse auf Eric Holders Tisch. Dann verschwanden sie im Schreibtisch und blieben dort liegen. Denn das Zeichen aus dem Weißen Haus lautete: In Sachen Waffen Füße stillhalten und vor der Wahl nichts unternehmen! Holder können die Vorschläge wenigstens jetzt herausholen und seinem wieder einmal nach Aktion rufenden Chef übermitteln. Die Wahl ist vorbei und gewonnen. Barack Obama wird sich nie wieder einer politischen Wahl stellen und sollte daher freier und mutiger sein, sich mit der Waffenlobby und das heißt mit sehr vielen Landsleuten anzulegen. DAS ist meine Hoffnung und viel wichtiger: die Hoffnung vieler Amerikaner.

