Erinnerungen an Chicago vor der NRA-Pressekonferenz

Safe Summer, Safe Haven für Ferienkinder in South East Chicago

Ich muss zur Zeit oft an eine Dienstreise im Juli 2010 denken, die mich nach Chicago (Illinois) führte.  Dort besuchte ich das kleine “Promise Center” im tiefsten Südosten der Stadt - dort, wo vor allem Schwarze und Arme leben und wo die Gewaltkriminalität unter anderem durch schießende Jugendbanden zur höchsten in Amerika zählt.  Damals hatten sich – genau wie diesen Sommer -  über 60 Kirchgemeinden zu der Aktion “Safe Summer, Safe Haven”  zusammengeschlossen.

Sie öffneten ihre Türen während der brutal heißen Ferientage für einige Stunden, die die kleinen Schulkinder nun nicht mehr zu Hause oder auf der Straße verbringen mussten, wo ihnen erfahrungsgemäß die größte Gefahr droht. 

Waffenladen mit Schießanlage in einem Vorort von Chicago

Auf dem Weg nach Chicago war ich durch den Vorort Elmwood Park gekommen und hatte Reporter”glück”, als ich diesen Waffenladen sah.

Der Oberste US-Gerichtshof in Washington hatte gerade erst ein langstehendes Gesetz verworfen, mit dem die Stadt Chicago ihren Bürgern den privaten Besitz von Schusswaffen verboten hatte. Nun erzählte mir Ladeninhaber Dan Mastroiani,  dass ihm die Chicagoer die Bude einrennen würden: Alt und Jung, Schwarz und Weiß, Männer und vor allem Frauen.  “Zu viele illegale Waffen bei zu vielen Verbrechern in dieser Stadt. Die Polizei kommt doch erst, wenn es zu spät ist.”  Da wusste ich noch nicht, dass ich einen Tag später in South East Chicago an einem gerade von der Polizei abgesperrten Schießerei-Tatort mit in einem Wohnviertel vorbeikommen würde.

Einsatz nach einer Schießerei in South East Chicago

Die meisten Kunden hätten sich nach Gewehren erkundigt, doch die könne er nicht zur Selbstverteidigung gegen Kriminelle empfehlen, so Mastroiani, zu dessen Waffenladen auch ein einen Übungsstand gehört: “Viel zu lang, wenn man sie einmal schnell bereithalten muss. Nehmen sie eine handliche Pistole!”  Maschinengewehre und halbautomatische Pistolen mit Hochleistungsmagazinen durften Waffenhändler im Staat Illinois damals nicht verkaufen, auch nicht Dan Matroianni von “Gun Works” in Elmwood Park.  Für ihn angeblich gar kein Problem:  ”Wer braucht zum Jagen, Fischen oder im Haus eine Pumpgun oder eine AR-15?”   

Klingt nach gesundem Menschenverstand und wird nun nach dem Massaker von Newtown wieder besonders häufig gefragt. Bis Freitagmittag dürfte sich auch die NRA eine Antwort auf diese Frage zurechtgelegt haben. Dann will Amerikas größter und politisch mächtigster Waffenbesitzerverein (4 Mio Mitglieder) eine Pressekonferenz geben. Ganz sicher die Funktionäre dann gefragt, ob sie wenigstens jetzt nicht mehr gegen die Neuauflage des Angriffswaffen-Verbotes zu Felde ziehen werden.  An einem entsprechenden Gesetz arbeitet sich Senatorin Dianne Feinstein seit einem Jahr ab. Nun will sie es am 3. Januar 2013 ins Parlament bringen.  900 (in Worten: neunhundert) Schusswaffentypen würden von diesem Verbot ausdrücklich ausgenommen, so die Demokratin in einem NBC-Interview. Doch Kriegswaffen und Magazine über 10 Schuss müssten gebannt werden.  

Waffenladen samt Schießstand in Elmwood Park bei Chicago

Kirchenaktion: "Rettet unsere Kinder vor Gewalt!"

 

Ich bin sehr gespannt auf die Antwort der NRA, die bislang noch jeden anfänglichen Aufschrei in nach einer Massenschießerei ausgesessen hat.  Falls Waffenladenchef Mastroiani ehrlich war,  kann ich nur hoffen, dass auch er NRA-Mitglied ist und der Verbandsführung nun Druck macht.   Und wer weiß: Vielleicht befinden sich unter den 8000 neuen Mitgliedern, die die National Rifle Association allein vorige Woche gewonnen hat,  auch ein paar Leute, die den Verein nicht länger den Waffen-Extremisten überlassen wollen?

Hier das Audio zum Thema

Hier das Audio über den Besuch in einem Waffenladen

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