
"Liebe NRA, kleine Kinder verstehen noch keine Verfassungszusätze und -rechte. Sie haben gerade erst das Zählen gelernt."
Auf dem Weg zum Einkauf in meinem Stadtkiez Adams Morgan entdeckte ich diesen Aushang einer kleinen Kirchgemeinde. Am Freitag hatte sich die National Rifle Association erstmals seit dem Massaker in der Grundschule von Newtown zu Wort gemeldet und den inzwischen berühmt-berüchtigten Vorschlag unterbreitet, die Regierung solle nun endlich dafür sorgen, dass jede der über 130.000 amerikanischen Schulen von Wachleuten geschützt wird. Bewaffneten, versteht sich. “Das Einzige, was einen bösen Typen mit Waffe aufhalten kann, ist ein guter Typ mit Waffe.” hatte NRA-Vizepräsident Wayne LaPierre gesagt.
Auch Präsident Obama betont, wenn er denn einmal darüber spricht, dass das Verfassungsrecht auf privaten Waffenbesitz unantastbar sei. Doch haben die Gründungsväter und Schöpfer der Bill of Rights und der Constitution Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts damit wirklich auch die heute weitverbreiteten halbautomatischen Schnellfeuer- und Sturmgewehre meinen können? Für die NRA kommt nicht einmal deren Verbot für Zivilisten in Frage. “Bitte helft!” sagt der Pfarrer der Kirchgemeinde. Ich glaube nicht, dass er eine weitere Militarisierung des öffentlichen amerikanischen Raumes (Schulen) im Sinn hat. Mit einem anderen Hinweis hatte NRA-Funktionär LaPierre übrigens Recht, auch wenn er ihn als – pardon – Totschlagargument verwendet hat. Er fragte am Freitag in der Pressekonferenz (übrigens ohne Fragen zuzulassen) wie auch in den heutigen politischen Sonntags-TV-Talkshows, warum die US-amerikanische Gesellschaft so fasziniert von Todes- und Mordphantasien ist, die durch Videos, Songs, Computerspiele und Filme unter dem Deckmantel der Unterhaltung verbreitet und konsumiert werden. “Ist das nicht die perverseste Form von Pornographie?”
Ist es. In den Kinos stehen überlebensgroße Aufsteller wie jener für den am 25. Januar anlaufenden Film “Hansel and Gretel – eine Hexenjagd”. Superwummen, oder? Doch das unmittelbar nächste Kapitel wird hier am 25.12. aufgeschlagen, dem ersten (und in den USA einzigen) Weihnachtsfeiertag . Dann läuft der neueste Film von Quentin Tarantino in den US-Kinos an (“Django Unchained”). Hatte den Werbetrailer gesehen; wie üblich in den Tarantino-Werken wird extrem viel geschossen und gemordet, der Gebrauch der Waffen wird als ziemlich cool ästhetisiert. Übrigens: es ist nicht so, als würde die Jungs vom zuständigen Hollywood-Studio nicht in sich gehen. Aus Respekt vor den Opfern von Newtown hatte Weinstein Co. die für vorigen Dienstag geplante große Premierenvorführung samt After-Show-Party in eine private Vorstellung umgemodelt.
Hier die Begründung im Original: “Our thoughts and prayers go out to the families of the tragedy in Newtown, CT, and in this time of national mourning we have decided to forgo our scheduled event,” a spokesperson for the Weinstein Co. said in a statement.
