So viele kleine, junge Opfer – kümmert sich Amerika diesmal um seine Schußwaffen?

Olivier ist mein neuer (französischer) Nachbar. Er hatte das Haus zu einem geselligen Kennenlernen geladen, und völlig klar: alle redeten zunächst über Newtown.  Wir waren uns einig, dass auch diese Tat unfaßbar ist. Und wir waren uns einig, wenn auch leicht betreten, dass uns solche Nachrichten kaum noch nachhaltig schockieren.  Ja, sagten Erin und Adam, Eltern eines Zwei- und einer Sechsjährigen. Es habe sich eine gruselige Routine eingeschlichen. In jeder Hinsicht.

Bei der Berichterstattung über Hergang und Motiv der Tat. Beim Spekulieren über psychologische Ferndiagnosen. Beim Umgang mit Schock und Trauer betroffener  Familien und Kommunen.  Doch besonders routiniert, geradezu vorhersehbar funktioniert die Diskussion darüber, ob die Schusswaffen das Hauptproblem sind oder “nur” der zu einfache Zugang mental gestörter, gar kranker Menschen zu den Waffen.    

CNN-Moderator: “Wenn wir den Opfern unseren Respekt zollen wollen, müssen wir JETZT über Schußwaffen reden.”

Im Fernsehen, im Internet, im Radio: überall ein Deja-vu.  Bis hoch hinauf im Weißen Haus. Ein sichtlich angegriffener Präsident Obama  sagte absolut glaubwürdig, er finde, dass Amerika viel zu oft durch derlei Tragödien gegangen sei. Es sei Zeit für das Land, ”Politik beiseite zu lassen”.  Man solle ”zusammenfinden und wirksame Maßnahmen ergreifen, um solche Tragödien zu verhindern”.  Doch das hat er schon oft gesagt. Vor allem nach der Massenschießerei im Januar 2011 in Tuscon (Arizona) mit 6 Toten und unter anderem einer schwerverletzten Kongressabgeordneten hatten viele Amerikaner gehofft, dass dieser Präsident nun doch den Mut aufbringt, sich gegen die vielschichtige Waffenlobby zu stellen. Sie wurden enttäuscht.  Obama hat das Thema fortan öffentlich gemieden wie die Pest. Er weiß, dass es keine einfachen Antworten und Maßnahmen gibt. Nicht in Amerika,  in dem die Mehrheit – auch viele Demokraten, auch Pastoren, auch Lehrer - zutiefst an ihr Quasi-Naturrecht glauben,  sich im Zweifel selbst mit eigenen (Schuss-)waffen verteidigen zu dürfen statt auf die staatliche Autorität zu warten.  

Sandy Hook Grundschule Newton im Medienfokus

Ähnlich wie Sabrina hege auch ich keine Illusionen über den Ausgang der Post-Newtown-Debatten.  Obamas Regierungssprecher sagte am Freitag, “heute ist nicht die Zeit, um über Waffen zu reden”. Wann ist die Zeit? Vertreter der National Rifle Association wiederholen in Interviews ihr Argument, dass nicht die Waffen das Problem seien, sondern gewalttätige, womöglich kranke Leute, die zu leicht Zugang dazu hätten.  Pastoren erklären im Fernsehen, auch sie besäßen Schusswaffen, seien doch deshalb aber nicht gewalttätig – genau wie die überwiegende Mehrheit der anderen legalen Waffeneigentümer nicht.  Die Ursache für Massenschießereien lägen woanders, und oft – wie hier in Newtown, wo sich der Schütze selbst gerichtet hat – werden wir womöglich nie zu 100% das Motiv erfahren. 

Flaggen auf Halbmast – eine Trauergeste für Newtown

 Und doch: diesmal sind so sehr viele sehr kleine, junge Kinder mit zwei Handfeuerwaffen undeinem halbautomatischen Gewehr massakriert worden - nicht mit Baseballschlägern, nicht mit Messern, Steinen oder Molotowcocktails.  Die meisten Amerikaner lieben Kinder über alles.  Werden sie jetzt mehr tun als trauern, beten und die Sicherheitssysteme der Schulen aufrüsten? Werden sie sich wenigstens darauf einigen können, dass kein Mensch zu Hause Militärwaffen, halbautomatische Gewehre braucht, um zu jagen, zu fischen oder mögliche Einbrecher zu vertreiben?

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