Arbeiten bei der Bundesversammlung: Im Ausnahmezustand

“Ach ja, richtig: die Gauck-Wahl!“ – meine Freundin Nina muss meinen verwirrten Blick bemerkt haben. Sie ist nicht die Einzige, die das so oder so ähnlich mit mir durchgespielt hat. Viele meiner, das muss ich schon hinzufügen: politikinteressierten, smarten Freunde, machen das gleiche, fragende Gesicht, als ich erkläre, dass ich Sonntag ja im Bundestag arbeiten muss.

Seit zwei Wochen dreht sich alles, aber auch alles, im ARD-Hauptstadtstudio um die Bundesversammlung. Für mich gibt es hier keinen Tag, der nicht ausklingt oder beginnt mit Gedanken an diesen Sonntag. Vorberichte der Hauptstadtkollegen, die Nachwehen von Christian Wulffs Rücktritt, eigene Recherchen, Telefonate, Beiträge – alles ist auf diesen Tag gepolt. Ich gucke Nina an und frage mich: Wie sehr dreht sich unser Medienkosmos manches Mal vorbei an unseren Freunden, Hörern und Zuschauern? Kann es sein, dass wir journalistisch Himmel und Hölle in Bewegung setzen, alles natürlich im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags, und am Ende senden wir an allen vorbei? Sind wir schon alle zu sehr gauckifiziert?

Die Spannung steigt schon vor der Wahl

Zwei Tage zuvor; ich bin auf wilder O-Ton-Jagd für ein Stück, da sehe ich ihn: Joachim Gauck. Immer denkt man doch, jemand ist dicker oder dünner, älter oder hübscher, als man ihn sich vorgestellt hat. Aber dieses Mal ist es anders. Joachim Gauck sieht einfach aus wie Joachim Gauck, als er die Treppe erhaben hochschreitet. Wenige Tage vor der Wahl ist das einer seiner letzen Termine, hier im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Brandenburger Tor: Arbeiten wo andere Urlaub machen

Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Moment. Gauck sehen – und dann? Bin ich so Wulff verdrossen, dass es mich kalt lässt? Habe ich ihn vielleicht auch schon über? So wie ich mir Joghurt übergegessen, den Tatort überguckt und Clueso übergehört habe? Noch bevor ich mir selbst diese Frage beantworten kann, sitze ich wieder mit einem kühlen Getränk auf einer Steinstufe auf der Karli in Leipzig. Noch 36 Stunden denke ich – und spüre die Aufregung.

Der Wahlsonntag ist da. Endlich! Früh um 6.00 Uhr fahre ich die leere A9 von Leipzig aus in Richtung Berlin. Die ersten Livegespräche schallen aus den Lautsprechern meines Autoradios. Kitschig zieht der Hochnebel von der Elbe über die Felder. Selbst die 3-Millionen-Stadt Berlin, erinnert Sonntag-Morgen um 8.00 Uhr eher an eine Kleinstadt.

Auf der Suche nach der besten Randgeschichte

Ich werde Joachim Gauck an diesem Tag nicht sehen. Wenigstens nicht zum Anfassen nah. Vom Treppenhaus, auf die Besucherterrasse, von Vorplatz in die Westlobby, von der Pressetribüne in die Fraktionseben – “Rattatattrattata” – meine Budapester klackern über die Steintreppen. Während andere die große Politik machen oder über die große Politik berichten, versuche ich eine bunte Geschichte am Rand zu finden. Eine Geschichte abseits vom politischen Parkett. Es ist eben auch ein Versuch, diese Wahl für die Zuschauer – und Freunde – noch hörbarer zu machen.

Als Joachim Gauck die Wahl annimmt, bin ich gerade in den Räumen der CDU/CSU-Fraktion vor einer Leinwand. Vor meinem Mikro sitzt die 10-jährige Carla. Begeistert klatscht sie in die Hände: “Ich glaube, wir haben einen neuen Bundespräsidenten”, sagt sie lachend. In diesem Moment rattert ein Geschirrwagen elend laut am Saal vorbei. Gauck tritt ans Pult. “Was für ein schöner Sonntag”, sagt er. Und ich weiß bei aller Skepsis: Er ist auch mein Präsident.

Über Karoline Scheer

Karo wäre auch auf einer Schaffarm in Neuseeland glücklich. Sie redet gern und viel und lacht am liebsten laut- genau wie ihr Vorbild Ina Müller. Als Nordlicht ist Karo nicht verlegen genau nachzufragen, neugierig zu sein und mit jeder Antwort zu rechnen. Grund genug für sie lieber Journalistin zu sein - da sind die Antworten spannender als: MÄH! Mehr Informationen zu Karoline Scheer »
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