Bizarre Obsessionen

So, genug Spannung aufgebaut, nun wollen wir mal aufklären, wie das mit der S/M- und Fetischparty war und ob ich überhaupt den „strikten Gewandungskodex“ erfüllt habe.

Nach dem Konzert zu den „Festtagen der Musik des Mittelalters und der Renaissance“ in der Lutherkirche ist es noch früh am Abend. Im Pantheon sollen 22 Uhr die Türen zur „Obsession Bizarr“-Party aufgehen. Ich mache einen Zwischenstopp im Darkflower, wo Gast-DJs auflegen. Laut Programm ist einer von ihnen Ronny Moorings von Clan of Xymox, den ich persönlich für ein Genie halte und gern auflegen hören und sehen möchte. 

Natürlich könnte man sagen, Tanzengehen geht jede Woche, auch, wenn nicht gerade WGT ist. Aber zu Pfingsten herrscht in den Clubs noch einmal eine ganz andere und besondere Atmosphäre.

Das Darkflower ist voll, die Stimmung gut

Gegen 22 Uhr ist es schon voll, von Ronny Moorings allerdings keine Spur. Aber die Musik ist gut, die Stimmung auch und ich beschließe, die Burlesque-Show und die Gummi-Show zu knicken und erst zur Korsett-Schau im Pantheon anzutanzen. So läuft das eigentlich dauernd beim WGT, man nimmt sich was vor und verwirft es wieder. Aber was soll’s, Fakt ist, man verpasst sowieso immer gerade irgend etwas Gutes.

Kurz vor halb 12 ist es dann so voll, dass auch in den Sitzecken getanzt wird. Der Club platzt aus allen Nähten. Von Ronny Moorings noch immer nichts zu sehen. Plötzlich geht er an mir vorbei, ich frohlocke innerlich und denke, gleich wird es losgehen und dann schaffe ich es immer noch zur Korsett-Schau halb eins.

Aber Pustekuchen. Nach einer Weile kommt mir die Idee, Ronny könnte schon die ganze Zeit auf der zweiten Tanzfläche zu Gange sein und ich habe alles verpasst. Aber er steht in dem Raum zwischen den Tanzflächen und unterhält sich mit jemandem. Ich unterdrücke den Drang, Teenie-mäßig zu ihm hinzurennen und etwas Dämliches wie „I love your music!“ zu sagen. Die Zeit vergeht, nix mit DJ Ronny. Ich drängele mich in den Zwischenraum zurück und sehe, der quatscht immer noch.

Jetzt wird’s dann aber doch hohe Zeit, seufzend trete ich den Rückzug an, nun hab ich mal gesagt, dass es Korsetts und S/M gibt, nun muss ich auch hin!

Da die nächste Straßenbahn erst in einer halben Stunde kommt, fahre ich mit dem Auto Richtung Alte Messe. Im Wagen liegt übrigens auch mein langer Rock, dessen ich mich nach der Kirche entledigt habe. Ich hoffe, im knappen Kleidchen eine Chance zu haben. Ich ziehe meinen (Kunst-)Ledermantel über, einerseits ist es kalt geworden, andererseits steht schließlich „Leder“ auf dem Dresscode. Man kann’s ja mal versuchen. Überhaupt denke ich, dass ich in meinem Outfit und mit dem Nietenhalsband aussehe wie jemand, der sein Geld auf dem Rücken liegend beziehungsweise Peitsche schwingend verdient, zumindest abseits der Szene und des Gotiktreffens. Dort ist das ja völlig normal.

Kurz vorm Messegelände steht eine junge Frau mitten auf der Straße und stürzt sich fast auf meine Motorhaube. Sie will gerade einsteigen, fragt in gebrochenem Deutsch, ob ich nach Lindenau fahre. Ich sage nein, erspare ihr aber mein genaues Ziel, und bin sie los. Komische Art, Taxi-Geld zu sparen.

Am Pantheon sieht man schon Massen von Autos, aber da ich ziemlich spät dran bin, finde ich halbwegs schnell einen Parkplatz und flitze los. Auf dem Weg steht ein Mann um die 40 in Jeans und T-Shirt, Typ Buchhalter (und wie wir alle wissen, sind das die Schlimmsten!). Er tritt an mich heran und sagt leise „Ich suche eine dominante Frau. Interesse?“ Äh, nö.

Das Angebot bestärkt mich aber in der Hoffnung, luderig genug auszusehen, um durch die Kontrolle zu kommen.

Vorm Pantheon eine lange Schlange. Brav reihe ich mich hinten ein. Die junge Frau neben mir erzählt, dass sie im letzten Jahr eine Stunde angestanden hat. Erst zehn Minuten später fällt mir auf, dass sie unter dem Strickjäckchen nur Unterwäsche, ein Mieder und Strumpfhalter trägt. Aber sieht schick aus. Ähnliches Erlebnis kurz danach. Am Bierstand, der clevererweise neben der Schlange aufgebaut wurde, steht ein junger Mann in Lederjacke, der aussieht wie ein Bekannter von mir. Ich will gerade etwas zu ihm hinüberplärren, da tritt er hinterm Stand hervor – und hat untenrum nur ’nen Schlüpper an. Mein Bekannter ist er glücklicherweise nicht.

Hinter mir war die Schlange noch einmal mindestens genau so lang

In der Schlange sehe ich viele Leute, die ähnlich unspektakulär aufgemacht sind wie ich. Andere wiederum tragen eine Latexmaske, die nur die Augen freilässt oder lustige Wäscheklammern an den Brustwarzen. Eine junge Frau ist obenrum mit je zwei über Kreuz geklebten Pflasterstreifen bekleidet. Ein älterer Mann mit weißem Haar, Smoking und Fliege trägt eine enge Latexhose. Ein anderer das Modell Ganzkörperkondom. Mehrere Frauen haben ihre Männer an der Kette. Haben wohl schon mal fremdgeknutscht, die Früchtchen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich vorn. An den Säulen am Eingang ist ein großes Schild mit einem sehr langen Text angeklebt. Es sind die Verhaltensregeln. Die erste davon lautet, man soll niemanden ungefragt anfassen. Oha. Die zweite lautet, man soll nicht ungefragt das Schlaginstrument eines anderen benutzen. Okay….

Weiter komme ich nicht, meine Aufmerksamkeit gilt dem Paar vor mir, es wird nämlich gerade ausgesiebt. Oh weia. Mir schwant Schlimmes.

Das Pärchen neben mir und ich stehen jetzt zur Debatte. Der Türsteher mustert uns von oben bis unten und will mich eben mit durchwinken, da heißt es: „Moment – hast du unter dem Mantel was an?“ Mist, ertappt. Ich, kleinlaut: „Äh, ’n Kleid?“

Große Enttäuschung. Ich muss das Kleid herzeigen. Unbarmherzig heißt es „Das ist einfach nur ein Kleid, kein Fetisch!“ (Zwischen den Zeilen: „Hau ab, du biederes Ding, belästige uns nicht mit deiner Prüderie!“) Meine Pressekarte nützt mir auch nichts. Und im Regelwerk steht sowieso, dass man auf der Party keine Fotos machen darf. Ich stehe da wie der Depp vom Dienst. Peinlich, peinlich, welche Schmach. Die letzte Möglichkeit wäre, das Kleid an Ort und Stelle auszuziehen. Nee, lasst mal, bei aller Liebe.

Am Dresscode gescheitert und Ronny Moorings als DJ verpasst, tolle Bilanz! Auf dem Rückweg zum Auto sehe ich den Buchhalter-Typen, er ist auf der Suche nach einer dominanten Frau noch nicht fündig geworden. 

Zwei Dinge trösten mich:

  1. Für ihn sah ich schlampig genug aus
  2. Ihn hätten sie auch ausgesiebt.
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6 Antworten auf Bizarre Obsessionen

  1. Aldhissla sagt:

    Evtl. hättest du eher kommen sollen. Zu beginn der Party wurde bei weitem nicht so krass aussortiert. Später war es dann extrem voll und natürlich wurde da auch genauer hingeschaut.
    (Ja man verpasst so einiges, wenn man 21 Uhr da ist und eine Stunde wartet bis es rein geht und eine weitere Stunde bis man drin ist…aber man ist drin:))

  2. Azurite sagt:

    Versucht mal, euch nicht hinten anzustellen sondern einfach vorne von der Seite reinzudrängeln. Interessiert keinen Menschen… wir sind mit dem Taxi vorgefahren und direkt rein. Frechheit siegt.

    • tanja sagt:

      “Versucht mal, euch nicht hinten anzustellen sondern einfach vorne von der Seite reinzudrängeln.”
      Stimmt, solche Assis gab´s auch

  3. Holger sagt:

    Gefaellt mir gut der Blog. Gute Themenwahl.

  4. Kopfhoerer Wesc sagt:

    Hundert Jahre und kein bisschen weise.