Der Schwarzromantische Stricknachmittag

Ich gebe es ganz ehrlich zu: Wenn ich nicht gedacht hätte, das könnte ganz witzig werden im Blog, wäre ich nicht zum schwarzromantischen Stricknachmittag gegangen. Zu meiner Schulzeit hieß es „Nadelarbeit: fakultativ“, und ich war eins von zwei Mädchen in meiner Klasse, die lieber zwei Stunden frei hatten.

Dementsprechend sorgenvoll mache ich mich auf den Weg in die Gerberstraße, wo der Verein Nächstenliebe sein Stricken veranstaltet. Die Straße ist nicht schwer zu finden, sie liegt direkt an der Westseite des Hauptbahnhofs. Laut Karte auf dem WGT-Programm hat der Verein seinen Sitz da, wo das Hotel Westin steht. Kann ja irgendwie nicht hinhauen. Also trabe ich erst mal am Westin vorbei und gucke, ob da noch ein Haus daneben steht. Da sind aber nur von Unkraut zugewucherte Ruinen. Ich laufe zurück, gucke die Straße hinunter. Wo soll denn hier noch was sein? Ich latsche die gesamte Gerberstraße bis zur Kreuzung runter, nichts. Meine Füße tun immer noch weh, wenigstens habe ich heute flache Boots an. Ich bin kurz vorm Verzweifeln, in einer halben Stunde ist das Stricken doch schon vorbei! Ich rufe auf Arbeit an (ich bin nämlich einer der letzten Menschen ohne Smartphone und kann das nicht vor Ort recherchieren). Meine Kollegin guckt auf die Bing-Map auf MDR.DE, auf der die Veranstaltungsorte eingezeichnet sind, und erklärt mir, dass ich auf der falschen Straßenseite bin. Typisch. Ist aber tatsächlich falsch auf dem Programm eingezeichnet. Lieber MDR fragen!

Die Gerberstraße Nummer 20 ist ein riesiger gelber Block. Die Tür ist abgeschlossen. Am Schild an der Seite steht „Verein Nächstenliebe“ und dass ich klingeln muss. Es summt. Ich fahre mit dem Fahrstuhl ins Zwischengeschoss, hier liegt ein ewig langer, niedriger Korridor vor mir. Am Ende begrüßt mich ein Herr mit Handschlag und „herzlich Willkommen“! Offenbar bin ich richtig und auch nicht zu spät. Der Herr, Presse-Chef des Vereins, eröffnet mir allerdings, dass ich gerade nicht rein kann. Das Fernsehen dreht. Oha.

Ich stehe in der Tür, im Zimmer sitzen Gothics und ältere Damen bei Käffchen und Keksen gemeinsam um einen Tisch und häkeln (oder stricken? Ich kann es nicht mal auseinanderhalten), vor ihnen das Kamerateam. Der Pressechef möchte wissen, von welcher Medienanstalt ich komme und guckt auf meine Pressekarte. „MDR.DE -  Sind Sie das mit dem Blog? Die Jungfrauenversteigerung?“ Na holla! Er ist mir gleich noch sympathischer.

Während die Konkurrenz vom Privatfernsehen dreht, werde ich in den Nebenraum geführt. Eigentlich ist das das Lager. Eine ältere Dame, wie sich herausstellt die Vorsitzende des Vereins, erzählt, dass hier alle zwei Wochen ein Stricknachmittag für Seniorinnen stattfindet. Was dabei entsteht, zum Beispiel Kleidung und kleine Plüschtiere, geht an ein Kinderheim in der Ukraine. Das mit dem Stricken war mehr so eine verrückte Idee, die beim Wave-Gotik-Treffen vor zwei Jahren entstand. Der Veranstalter fand sie gut und die Besucher offensichtlich auch – Mehr als 40 Leute waren 2011 an einem Tag da. Auch heute sind so viele da, dass das Lager als zusätzliches Nähzimmer genutzt wird. An den Seiten stehen große Beutel mit Spenden für die Ukraine.

Eine der Besucherinnen ist vom Saarländischen Rundfunk, allerdings privat hier. Drei Medienanstalten gleichzeitig beim Stricknachmittag, keine schlechte Bilanz. Da kommen auch schon die Herren von RTL ins Zimmer und wollen hier auch noch filmen. Es ist nach 6, inzwischen sitzen nur noch zwei Gothics im Lager, RTL will, dass ich mich dazusetze. Ja, ich kann mir wirklich nichts Schöneres vorstellen, als mich vom Konkurrenzsender dabei filmen zu lassen, wie ich auf der Couch sitze und so tue, als würde ich häkeln – oder stricken – was auch immer! Ich kann einen Knopf annähen, mehr nicht, ich nehme an, der Unterschied würde auffallen! Außerdem bin ich ziemlich kamerascheu. Ich fliehe also zurück ins eigentliche Nähzimmer. Hier sitzen zwei junge Herren in schwarz und versuchen sich an Freundschaftsbändchen – natürlich auch in schwarz. Ihnen sitzen zwei Seniorinnen zur Seite, die ab und zu die Maschen reparieren müssen. Aber immerhin, die Männer zeigen guten Willen! Beide hatten vorher noch nie ge…nähdingst und immerhin ist in zwei Tagen ein Bändchen dabei rumgekommen. Einer von ihnen will der Näharbeit sogar treu bleiben, das sei so entspannend. Ich finde, schaden kann’s auf keinen Fall. Ich würde es ja auch gern können, gerade für’s WGT wäre das unheimlich praktisch.

RTL ist fertig mit Drehen. Die Herren haben alle schwarze T-Shirts an. Niedlich, wie sie Anpassungswillen zeigen, aber, nun ja, man sieht, dass sie sonst nicht in der Szene unterwegs sind. Der Reporter ist allerdings sogar geschminkt. Er hat so eine „Goth für einen Tag“-Geschichte gemacht. Er meint, er findet vor allem die Boots toll. Ich wundere mich und frage, ob er die extra für den Dreh kaufen musste. Die Antwort: Ja, das ganze Outfit, aber das zahlt RTL.

An dieser Stelle sende ich einen vielsagenden Blick in die MDR-Chefetage.

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7 Antworten auf Der Schwarzromantische Stricknachmittag

  1. Jea sagt:

    Verlangst du jetzt gesponserte Arbeitskleidung? Schwarze Federboa inklusive? :D

  2. Nicole sagt:

    Anja, jetzt drann bleiben. Du hast schon den Fuß in der Tür. Vielleicht springt was schönes fürs nächste Picknick raus =).

    • Anja sagt:

      Ich habe die leise Befürchtung, der Gebührenzahler würde es nicht einsehen, wenn seine Gelder in meine Garderobe fließen…

  3. Cloudi sagt:

    Hat der MDR nicht irgendwie nen Kostümfundus, bei dem man sich leihweise bedienen könnte? Dann wäre die Sache mit “wie verkauf ich das dem Gebührenzahler” gegessen :D
    Witzig, was die Privatsender so alles veranstalten, ich bin echt froh, dass mir auf 70000 Tons kein Kamerateam in Armweite über den Weg gelaufen ist…

    • Anja sagt:

      Vielleicht sollte ich mal bei “Geschichte Mitteldeutschlands” anfragen….