Herzschmerz

Es ist Dienstag, das WGT 2011 ist Geschichte und der Schmerz ist noch einmal gewandert, vom Kopf zum Po zum Herzen. Was bleibt sind ein bisschen Wehmut und ein Ohrwurm von der Abschlussparty. Abschied ist ein solch bittersüßer Schmerz.

Da hat Shakespeare ja so recht. Es ist ein wenig wie das Gefühl, das man früher hatte, wenn nach den Weihnachtsferien die Schule wieder los ging. Der ganze Spaß ist vorbei, die schöne Dekoration wird weggeräumt, es ist wieder Alltag, man hat Pflichten und steht zeitig auf. Andererseits braucht man eine Pause von Braten und Lebkuchen.

Fünf Tage vollgepackt mit Verlockungen, so viele, dass es schon fast zu viele sind. Fünf Tage, auf die lange Nächte folgen, ebenfalls voller Verlockungen. Ganz ehrlich – das schlaucht. Normalerweise halte ich den Montag immer noch einigermaßen durch. Aber weil das WGT in diesem Jahr schon am Donnerstag begonnen hat, ist meine Schlappmach-Grenze am Montagmittag erreicht. Der Lack ist ab, nicht nur auf meinen Nägeln. Ich habe das Gefühl, bei einer Ü-50-Party besser reinzupassen. Ich schreibe gefühlte hundert Jahre am Blog, durch meinen Kopf wabern schwarz-pinke Wölkchen, aber keine zusammenhängenden Sätze. Als ich fertig bin, ist es zu spät für die Oper (wobei 18 Uhr auch kein so toller Termin für den Beginn einer Oper ist). Also nix mit Elektra. Es ist das bereits erwähnte WGT-Phänomen – 20 Termine auf dem Plan, wenn man die Hälfte schafft, ist man schon gut. Ständig versackt man irgendwo, kommt mit Leuten ins Gespräch, bleibt sitzen, wo’s schön ist. Der Tag beginnt mittags und endet am Morgen.

Dabei hat jeder ein anderes WGT 2011 erlebt. Der Eine war am Sonntag 20 Uhr auf einem Konzert, der Andere in einem Club, wieder ein anderer im Kino, der Nächste war gerade etwas essen.

Für mich ist ein Termin beim WGT Tradition – die Abschiedsparty in der Moritzbastei. Hier treffe ich meine Freunde noch einmal, wir lassen das Treffen ausklingen und genießen die besondere Stimmung. Schöne Musik, schöne Menschen, schöne Atmosphäre. Nancy hat ihre Mitternachtslesung ohne Nervenflattern überstanden, wir machen die Tanzfläche unsicher, und ich bekomme sogar noch meine Portion Clan of Xymox vom DJ, herrlich.

Die Leute sind unglaublich nett und höflich, auch am letzten Tag entschuldigen sie sich mit einem Lächeln, wenn sie dir auf die Füße treten oder dich im Gedränge anrempeln. Wenn an der Bar Gedränge herrscht, gibt es kein Gemecker. Eine Freundin von mir, die neben dem Studium in der Moritzbastei gekellnert hat, hat mir einmal erzählt, dass sich das Personal im Vorfeld geradezu darum reißt, zu Pfingsten arbeiten zu dürfen. Wegen des Flairs und der Kostüme, und weil die Leute so nett sind und auch freundlich bleiben, wenn es mal länger dauert. Sicher gibt es auch Ausnahmen, aber beim WGT herrscht durchaus immer eine Art Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung. Es ist schon traurig zu wissen, dass es jetzt wieder ein Jahr dauern wird, bis Leipzig wieder in schwarz gehüllt sein wird. Ein Jahr, bis man sich in der Straßenbahn wieder mit wildfremden Leuten aus aller Herren Länder anfreundet, ein Jahr, bis die Frauen statt Bluse und Jeans wieder Korsett und Reifrock tragen.

Die Zelte sind zusammengepackt, die Parkplätze rund um das Agra-Gelände leer. Der Cyberpunk steht wieder hinter der Ladentheke, die Gothic-Lolita liest in der Kita den Kleinen Märchen vor. Ich selbst muss morgen zu der Uhrzeit aufstehen, zu der ich gestern ins Bett gegangen bin.

Nun hatte ich in meinem ersten Eintrag geschrieben, beim WGT werde nicht geflennt – jetzt werde ich aber doch ein wenig sentimental und passenderweise fängt es draußen an zu regnen, während das Wetter in den letzten fünf Tagen fürs WGT besser nicht hätte sein können. 

Aber Weihnachten kommt ja auch immer viel schneller wieder als man denkt.

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6 Antworten auf Herzschmerz

  1. Thomas sagt:

    Hallo,

    ich hab jetzt den ganzen Blog gelesen und ich muß sagen es hatt wirklich Spaß gemacht. Leider habe ich es dieses Jahr nicht zum WGT geschafft. Und jetzt bin ich deswegen noch betrübter. Aber es ist schön wenigstens etwas zu lesen. Und das nächste WGT kommt.

    Bis zum nächsten Jahr im schönen Lepzig.

  2. Xenia sagt:

    Du hast es einfach auf den Punkt gebracht. Dieses Jahr war mein erstes WGT und ich fand es toll und traurig schön. Nun muss ich auch wieder im Büro sitzen und blöde Kundenanrufe entgegennehmen. Der Alltag will mich wieder gefangen nehmen, aber im Moment wehre ich mich noch ein wenig dagegen.
    Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn man wieder so viele tolle Menschen zu Gesicht bekommen kann.

  3. Stephan sagt:

    Hallo Anja,
    Du hast mir das WGT mit Deinem Blog näher gebracht, als es mir die ganzen Jahre, die ich in Leipzig gelebt habe, je war. Es war ein toller Einblick für einen eigentlich Nicht-Gothic-Fan und das Gefühl, aus der Ferne trotzdem mit dabei zu sein. Ich freue mich schon auf Deine Berichte im kommenden Jahr. Gegen den Herzschmerz empfehle ich ein paar knusprig-schwarze O…kekse ;-)

  4. Nicole sagt:

    Herrlich, und der Schmerz zergeht in einer Lachträne nach dem lesen Deines Blogs. Ich hab mich in zwei Outfits gehüllt, Mittelalter fürs heidnische Dorf und enger langer Rock mit Corsage für die Stadt. Ich wohne seit langem in Leipzig und freue mich jedes Jahr aufs WGT. Du hast die Stimmung topp beschrieben. So viele höfliche Menschen sieh man wohl nie auf einem Fleck. Nächstes Jahr ist Pfingsten schon Ende Mai, also gar nicht mehr sooo lange hin.

  5. Anja sagt:

    Also ich hab massive Entzugserscheinungen.

  6. Eike sagt:

    Auf meinem Iphone sieht dein Blog irgendwie komisch aus.