Vorsicht, Frau im Shopping-Wahn! oder: Kann mich mal einer schnüren?

Wenn Ottonormalleipziger an den Pfingsttagen durch die Straßen läuft und die WGT-Besucher in ihren spektakulären Outfits sieht, fragt er sich sicher: “Wo kaufen die das?” Ich kann’s Ihnen sagen.

Ja ja, die Agra. Wo sich sonst Schweinchen, Kälbchen und keine-Ahnung-was-noch tummeln (ich war abseits des WGTs noch nie auf dem Gelände), ist zu Pfingsten ein anderes Programm angesagt. Auf den Wiesen stehen Tausende Zelte, in den Hallen gibt es Konzerte, Partys und ein Café.

Und dann gibt es da noch diese andere Messehalle. Die mit den Verkaufsständen.

Hier gibt es alles, was das “schwarze” Herz begehrt: Kleidung, Accessoires, Schuhe, Dekoration, Make-up, CDs. Gruselige Kontaktlinsen, kiloweise Kunsthaar, Masken, Engelsflügel, Babysachen, Plüschfledermäuse, Sonnenschirme mit Spitzenbezug, Teufelshörnchen.

Auch für die Kleinen ist das Angebot groß

Die Halle ist groß, die Zahl der verschiedenen Stände auch, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinsehen soll. Als ich die Halle am Sonntagabend betrete, schlägt mein Herz gleich höher. Das ist schon was anderes als H&M!

Ich stürze mich ins Getümmel. Ein langer Satinrock mit Spitze hat es mir angetan, ich probiere ihn an, passt super, will ich haben, kauf’ ich! Ich schaue auf’s Preisschild: 269 Euro. Wer weiß, wie Spongebob aussieht, wenn er keine Krabbenburger brutzeln darf, kann sich mein Gesicht vorstellen.

Ich verbringe Stunden in der Halle. Eigentlich wollte ich 21 Uhr zum Konzert von Love is Colder Than Death im Centraltheater, leider habe ich aber jeden Sinn für Zeit und Raum verloren. Ich liebäugele mit einem Unterbrustkorsett, herrlich, toll, schön. Allein kann man das nicht anprobieren. Eine Mitarbeiterin bietet an, mich zu schnüren. Nun heißt es, das Ding um meine Corsage legen, vorne Häkchen zumachen und stillhalten.

Korsett-Stand in der Agra-Messehalle

 

Dann geht das Geschnüre los. Ich gebe zu, ich lasse mich immer in der Variante für Weicheier schnüren, nämlich so, dass ich noch halbwegs atmen, essen und sitzen kann. Aber von nix kommt nix und als Weichei kriegt man keine Wespentaille. Wer schön sein will, muss leiden usw. usw. usw. Die Verkäuferin hat den wirklichen Sinn eines Korsetts, nämlich den Körper zu formen, richtig erkannt. Sie zieht mit mehreren kräftigen Rucks an den Schnüren, sodass ich fast umfalle. Sie legt ihr ganzes Gewicht hinein, vermutlich ist sie kurz davor, mir den Fuß ins Kreuz zu rammen und sich an meinen Rücken zu hängen. Mein Magen wird an die Wirbelsäule gequetscht, mir wird schlecht, sämtliche Farbe verlässt mein Gesicht. Ich denke: Vergiss es, das Ding bleibt hier.

Mit Müh’ und Not bewege ich meinen steifen Körper zum Spiegel. 

“Nehmt Ihr auch EC-Karte?”

Offensichtlich mit zitternden Händen fotografiert

 

Zum Glück geht mir irgendwann an diesem Abend das Geld aus und ich schaffe es rechtzeitig zur Lesung meiner Freundin in die Sixtina…

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4 Antworten auf Vorsicht, Frau im Shopping-Wahn! oder: Kann mich mal einer schnüren?

  1. Kristian sagt:

    ich freue mich schon, dich demnächst im Korsett in der Redaktion zu sehen,
    ich helf dir auch mit den Schnürchen (wenn’s zu eng wird) :-)

  2. Stilechte Familie sagt:

    Liebe Anja,

    um wirklich ordentlich auszusehen und Spaß am Outfit zu haben, solltest Du Dein Korsett nicht auf die Schnelle auf der agra kaufen; dazu gehört eine ordentliche Beratung (z.B. im “reizend” in L.E.). Korsetts sind nicht prinzipiell unbequem, es muß Dir erstens passen (hier hängts schon oft) und Du solltest Dich daran gewöhnen. Viel Spass

    • Anja sagt:

      Liebe stilechte Familie, das ist durchaus wahr, aber dafür sind die Korsetts in der Agra auch um ein vielfaches billiger… Vielleicht sollte ich mir mal ein paar richtig tolle teure Korsetts kaufen und versuchen, sie bei der Steuererklärung als Werbungskosten abzusetzen… Arbeitskleidung und so…

      Lieber Kristian…. vergiss es!