Vor 25 Jahren : Der mysteriöse Tod Barschels
Brisant | 11.10.2012 | 17:15 Uhr
Der Fall Uwe Barschel - eine Saga um Macht, Intrigen und den Tod. Auch ein Vierteljahrhundert später wirft sie mehr Fragen auf als sie beantwortet, stehen sich die Anhänger der Mord- und der Selbstmordtheorie unversöhnlich gegenüber.
Bespitzelungen, Lügen, Rücktritte - und ein Tod in einer Hotelbadewanne: Am 11. Oktober 1987 fand ein Reporter Uwe Barschel tot im Zimmer 317 des "Beau Rivage"-Hotels in Genf. Schnell wurde klar: Barschel war vollgepumpt mit einem tödlichen Medikamenten-Cocktail. Es war der tragische Höhepunkt eines der größten Politskandale der alten Bundesrepublik. Mord oder Selbstmord - bis heute ist diese Frage ungeklärt, stehen sich Anhänger der Mord- und der Selbstmordtheorie unversöhnlich gegenüber und sorgen für Diskussionen und Spekulationen.
Ex-Oberstaatsanwalt: "Eindeutig Mord"
Einer der wohl besten Kenner des Falles ist der ehemalige Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille. Jahrelang leitete er die Ermittlungen zum Fall Barschel. An Selbstmord glaubt er bis heute nicht. Laut Wille sprechen drei Beweismittel vom Tatort "eindeutig für Mord": "Das ist einmal dieses kleine Whiskey-Fläschchen, das ausgespült wurde. Das Ausspülen eines solchen kleinen Whiskey-Fläschchens macht keinen Sinn im Zusammenhang mit Suizid. In diesem Whiskey-Fläschchen haben wir noch sieben Jahre später eines der Mittel nachgewiesen, die nachgewiesenermaßen zum Tod Uwe Barschels geführt haben." Das zweite sei der von oben abgerissene zweite Knopf des Oberhemdes. "Dieser Knopf war so fest angenäht, dass ein Stück des Hemdstoffes mit abgegangen ist dabei. Das ist 'diskrete Gewalt' einer dritten Person", sagte Wille.
Tragische Eskalation einer politischen Affäre
Uwe Barschel war ein Vollblutpolitiker auf dem Weg nach ganz oben. Er war Hoffnungsträger der CDU, hatte schon mit 38 Jahren den Ministerpräsidentenposten in Schleswig-Holstein inne. Privat gab sich der gläubige Christ gern bodenständig, familiär und bürgernah. Doch Barschel hatte auch dunkle Seiten. Er galt als machtbewusst und skrupellos. Das zeigte sich im Landtagswahlkampf 1987. Einen Monat vor Barschels Tod, kurz vor einer brisanten Landtagswahl, ließ "Der Spiegel" eine Bombe platzen: Barschel habe seinen Medienreferenten Reiner Pfeiffer beauftragt, den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm systematisch zu diffamieren - als schwul, als HIV-positiv und als Steuerhintererzieher. Die Quelle: Pfeiffer selbst. Ein politisches Erdbeben ging durchs Land. Deutschland hatte sein "Waterkantgate". Prompt verlor die CDU ihre Mehrheit.
Gestützt auf Pfeiffers Aussagen entstand in der Öffentlichkeit das Bild, Barschel sei Mitwisser und gar Auftraggeber für die Aktionen gewesen. Barschel beteuerte per "Ehrenwort" seine Unschuld. Aber selbst die eigene Partei glaubte ihm nicht. Barschel blieb nur der Rücktritt. Intern drohte Uwe Barschel "auszupacken". Doch worüber? Er flog nach Gran Canaria und wollte mit angeblichen Entlastungsaussagen eines mysteriösen Unbekannten zurückkehren. Dann folgte, überraschend, die Todesmeldung. Barschel habe sich auf dem Rückflug vom Urlaub erschossen, berichtete "Bild" unter Berufung auf seine engste Umgebung. Das Landeskriminalamt bestätigte dies sogar, bevor die Regierung einen Tod durch Erschießen dementierte.
Steckten Geheimdienste hinter seinem Tod?
Lange glaubte das politische Deutschland an Selbstmord - auch, weil Uwe Barschel medikamentenabhängig war. Doch hartnäckig halten sich Gerüchte, er sei in Waffengeschäfte verwickelt gewesen und musste deshalb sterben. Mehrmals fuhr er inoffiziell in die DDR - Mission unbekannt. Steckten etwa Geheimdienste hinter seinem Tod? Erst sieben Jahre nach Barschels Tod rollte die Lübecker Staatsanwaltschaft den Fall unter der Leitung von Heinrich Wille auf. Schwere Ermittlungspannen wurden publik. So warf die Polizei wohl Medikamentenpackungen weg. Weil ihre Kamera versagte gab es kein offizielles Tatortfoto. Merkwürdigkeiten wie eine aus dem Hotelzimmer verschwundene Rotweinflasche, ein abgerissener Hemdknopf, ein schmutziges Handtuch und ein Whiskeyfläschchen mit geringen Spuren eines Schlafmittels, das auch in Barschels Körper war, kamen auf den Tisch. Doch mit seinen Ergebnissen eckte Wille bei Vorgesetzten und Politikern an, wurde nach eigenen Angaben sogar behindert. Unterstützung der Bundesanwaltschaft? Fehlanzeige! Nach vier Jahren wurde das Verfahren mangels konkreter Täterhinweise eingestellt. Erst nach seiner Pensionierung durfte Heinrich Wille seine Erkenntnisse als Buch veröffentlichen. Er warf damit unbequeme Fragen nach den Grenzen unseres Rechtsstaates auf.
Barschel-Witwe: Nicht alles zur Aufklärung getan
Auch Barschels Witwe hält die Theorie vom Selbstmord für abwegig. "Für mich besteht kein Zweifel, dass es Mord war", sagt Freya Barschel. "Mein Mann hatte am Kopf und im Mageninneren Verletzungen, die nicht von ihm stammen konnten. Das todbringende Medikament wurde ihm zugeführt, als er bewusstlos war. Es gibt ein Dutzend Ungereimtheiten aus dem Hotelzimmer und dem Hotel." Doch was geschah wirklich auf Zimmer 317? Der Fall bleibt mysteriös.
Dritte Theorie: Gab es einen Sterbehelfer?
Im Sommer 2012 kam noch einmal Bewegung in den Fall: Dank neuer Methoden wurden an Barschels Kleidung fremde DNA-Spuren gefunden. Gab es vielleicht sogar einen Sterbehelfer als dritte Möglichkeit? Für einen Abgleich mit Datenbanken waren die Genspuren zu schwach. Die Staatsanwaltschaft entschied: Die Akte Barschel bleibt geschlossen.

