Ein Jahr lang kein Sex? Auch Schwule dürfen Blut spenden, aber …

BRISANT | 12.08.2017 | 17:10 Uhr

Blutspenden retten leben. Gerade in der Urlaubszeit bleiben die Spenderliegen aber leer. Umso sinnvoller ist der Vorstoß der Bundesärztekammer: Künftig sollen auch Schwule ihr Blut spenden dürfen - allerdings nur mit Einschränkungen. Ein einjähriges Sex-Verbot erhitzt die Gemüter.

Bislang sind Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen, aber auch Homosexuelle, Drogenkonsumenten, Prostituierte und Menschen mit häufig wechselnden Partnern lebenslang von Blutspenden ausgeschlossen. Begründet wurde dies mit der erhöhten Ansteckungsgefahr etwa durch HIV oder Hepatitis. Von den Betroffenen, vor allem von Homosexuellen, wurde dies als Diskriminierung empfunden. Nun hat die Bundesärztekammer eine neue Richtlinie für das Blutspenden veröffentlicht. Künftig dürfen auch schwule Männer Blut spenden - unter bestimmten Bedingungen. Für schwule Männer, Menschen mit häufigen Sexkontakten, Prostituierte und Transsexuelle mit "sexuellem Risikoverhalten" gilt demnach künftig eine Zwölfmonatsfrist. Die besagt, dass eine Zulassung zur Blutspende erst zwölf Monate nach Beendigung des sexuellen Risikoverhaltens (Sex eines Mannes mit einem anderen Mann) möglich ist. Erst dann komme es "nicht zu einer Erhöhung des Risikos für die Empfänger von Blut und Blutprodukten". Der Lebensstil wird, wie bisher, per Fragebogen geklärt.

Blutspende
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verbände laufen Sturm

Blutbank im Uniklinikum Halle. Ca. 300 Blutkonserven mit roten Blutkörperchen lagern hier bei 4 Grad Celsius.
"Rette Leben - spende Blut!" Viele Menschen wären bereit dazu, doch nicht alle dürfen. Bildrechte: Karsten Möbius/MDR WISSEN

Der Deutschen Aidshilfe geht die neue Richtlinie nicht weit genug. "Eine HIV-Infektion kann man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen", erklärte Vorstandsmitglied Björn Beck. Eine Frist von einem Jahr schließe hingegen die meisten schwulen und bisexuellen Männer weiterhin unnötig von der Blutspende aus.

Auch Axel Hochrein, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland, kritisierte die Richtlinie als "wissenschaftlich nicht haltbar". So werde nicht berücksichtigt, dass bei geschütztem Sex ein weitaus geringeres Übertragungsrisiko bestehe. Nicht zuletzt sei kaum davon auszugehen, "dass ein gesunder homosexueller Mann niemals ein Jahr lang zölibatär leben kann und wird, um dann endlich Blut spenden zu dürfen".

Das Bestreben, Männer, die Sex mit Männern haben, weiterhin dauerhaft von der Blutspende auszuschließen, hat über die Wissenschaft gesiegt.

Axel Hochrein, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland

Homosexuelle weiter "faktisch ausgeschlossen"

Tatsächlich betonten die Experten in ihrer Stellungnahme, dass sexuell aktive Homosexuelle sowohl durch ein komplettes Verbot einer Blutspende als auch durch eine zeitlich befristete Rückstellung "faktisch von der Blutspende ausgeschlossen sind".

Stichwort: Deutsche Blutkonserven Deutsche Blutkonserven sind sicher, sehr sicher sogar. Seit 1998 wird jede Blutspende auf HIV, Hepatitis und Syphilis untersucht. Seitdem infizierten sich nur sechs Menschen über diesen Weg mit HIV. In allen Fällen waren die Viren im Blut des Spenders noch nicht nachweisbar gewesen, denn das ist erst einige Wochen nach der Infektion überhaupt möglich.

Olivia Jones: "Kein Meilenstein, sondern ein Witz"

Auch die Hamburger Dragqueen Olivia Jones ist von der Neuregelung alles andere als begeistert. Die Forderung nach Enthaltsamkeit würde ja doch nur ein Vorurteil bestätigen, sagt sie. Nämlich, dass schwule Männer kein anderes Hobby hätten, als ungeschützten Sex mit wechselnden Partnern. In einem aber sind sich alle Beteiligten einig: Die Empfänger von Blutspenden müssen geschützt werden. Die Kontrolle von Konserven, ganz gleich von wem sie kommen, ist in Deutschland deshalb besonders streng geregelt. Das Sex-Verbot für schwule Männer ist zumindest fragwürdig.

Olivia Jones vor dem Magdeburger Dom.
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Die neue Regelung ist kein Meilenstein, sondern ein Witz! […] Setzen, sechs - und ab zur Nachprüfung liebe Bundesärztekammer! Vielleicht gut gemeint, aber schlecht gemacht!

Olivia Jones via Facebook

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2017, 09:20 Uhr