Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna.
Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Tonna ist Thüringens Hochsicherheitsgefängnis für Schwerverbrecher. Bildrechte: dpa

Drogenschmuggel in Thüringer Gefängnis Das Knast-Kartell von Tonna

BRISANT | 11.11.2017 | 17:10 Uhr

Über Jahre wurden Drogen in die Thüringer Justizvollzugsanstalt Tonna geschmuggelt. Beteiligt daran waren offenbar Rocker, Mitglieder einer Knastgang und der armenischen Mafia. Recherchen zeigen den Weg der Drogen und wer alles daran verdient hat.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Ein Transporter fährt in die Justizvollzugsanstalt Tonna.
Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Tonna ist Thüringens Hochsicherheitsgefängnis für Schwerverbrecher. Bildrechte: dpa

Über der Liste stand ein Bibelspruch: "Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat, als Sühnung für unsere Sünden." Darunter war notiert, wer noch Schulden hatte - für Crystal, für Marihuana, für Spice oder für Handys. In der Wochenübersicht dieses kleinen unscheinbaren Bibelkalenders hatte Baglan K. (*Name geändert) notiert, in welchem Hafthaus der JVA Tonna noch Gelder einzutreiben waren. Denn Baglan K. war der Boss eines Drogenrings in Tonna, der über fünf Jahre aktiv gewesen sein soll. Zwischen 2011 und 2015 sollen so Drogen im Wert von mehr als einer Million Euro in der Haftanstalt verkauft worden sein. Das legen Ermittlungsunterlagen, Zeugenaussagen und interne Justizvollzugsakten nahe.

Für jedes Hafthaus einen Dealer

Demnach soll alle zwei Wochen eine Drogenlieferung in das Gefängnis gebracht worden sein. Dabei hatte es scheinbar zwei Drogenrouten gegeben. Die eine lief über die Gärtnerei in Tonna. Dort, so sagen es Zeugen, sollen die Drogen in Tennisbällen über die Mauer geschossen worden sein. Häftlinge, die dort arbeiteten, haben diese dann eingesammelt und in die Hafthäuser geschmuggelt. Die andere Route ging über die Freigänger - Häftlinge, die durch gelockerte Haft rausdurften. Ihre Art, die Drogen in den Knast zu schmuggeln, war weitaus gefährlicher. Denn sie schluckten die Drogenpäckchen oder steckten sie sich, in Kondomen verpackt, in Körperöffnungen.

In der Haftanstalt gab es, so ist es in den Akten zu lesen, für jedes Hafthaus einen Dealer. Darunter war auch einer mit Kontakten zur Führungsspitze der kriminellen Rockerbande Bandidos MC. Der jeweilige Dealer sammelte die Drogen von den Kurieren ein, die sein Hafthaus beliefern mussten. Dann soll er sie an Zwischenhändler weitergegeben haben. Die wiederum den Stoff bei den "Kunden" an den Mann brachten. Crystal, Spice oder Marihuana, diese Drogen waren lieferbar. Bei mindestens vier der sechs Hafthäuser in Tonna soll das so gelaufen sein. Das Ganze hatte System und wurde von innen und von außen gesteuert.

Drogen für eine Million Euro verkauft

Kristalle des Amphetamins Crystal
Crystal: Ein Gramm kostete in Tonna 300 Euro. Bildrechte: Daniel Peter/dapd

Über allem stand der aus Aserbaidschan stammende Baglan K. Er soll über ein eingeschmuggeltes Handy die Kundenwünsche in der Haftanstalt nach draußen kommuniziert haben. So wurden die Lieferungen bei den Dealern draußen vorbereitet. Die dann den Kurieren übergeben wurden und die diese dann in die JVA brachten. Fünf Jahre lang soll das so gelaufen sein. Dabei hat das Drogenkartell von Tonna richtig Kasse gemacht. Denn allein ein Gramm Crystal koste in Tonna 300 Euro, sagen Zeugen. Bei den vierzehntägigen Lieferungen waren immer 30 Gramm dabei. Machte bei einer einzigen Crystal-Lieferung 9.000 Euro Erlös. Für ein Gramm Spice oder Marihuana muss der Häftling 20 bis 50 Euro zahlen. So dürften im Laufe der Jahre mehr als eine Million Euro zusammengekommen sein.

Drogengelder flossen über Konten

Ein lukratives Geschäft für Baglan K. und seine Gruppe. Ein Geschäft, das er genau kontrollierte. Denn neben der Lieferung war auch die Bezahlung bestens organisiert. Entweder die Häftlinge selber oder Verwandte und Bekannte mussten das Geld auf Konten überweisen. Im Verwendungszweck wurden Codenamen eingetragen, die zum jeweiligen Hafthaus gehörten. So war klar, wer schon bezahlt hatte. Die Mütter von zwei Häftlingen, die beide zum Drogenring gehörten, sollen dann die Gelder abgehoben haben. Recherchen zufolge lieferten sie das Drogengeld bei der Freundin von Baglan K. ab, die in einem Erfurter Neubaugebiet wohnt. Wer nicht zahlte, bekam Stress. Denn Baglan K. vermerkte alles in seinem Bibelkalender. Diesen und andere Beweisstücke fanden Fahnder des Thüringer Landeskriminalamtes bei einer Razzia in der JVA Tonna 2015.

Das System flog auf, weil ein Häftling bei der Polizei geplaudert hatte. Mitglieder des Drogenrings wollten ihn als Drogenkurier rekrutieren. Doch er machte nicht mit. Als sie ihm drohten, vertraute er sich einem JVA-Beamten an und der alarmierte die Polizei. Monatelang observierten LKA-Ermittler die mutmaßlichen Helfer außerhalb der Haftanstalt, dann schlugen sie zu. Die Staatsanwaltschaft Gera, in Thüringen für Organisierte Kriminalität zuständig, übernahm den Fall. Inzwischen wird gegen rund 20 Beschuldigte ermittelt. Doch damit dürfte das Drogengeschäft in Thüringer Gefängnissen nicht vorbei sein. Denn es gibt viel Geld zu verdienen.

Spuren zur armenischen Mafia

Das zeigt sich auch an der kriminellen Karriere von Baglan K. Der Aserbaidschaner saß seit 2011 in Tonna wegen Körperverletzung. Im Frühjahr dieses Jahres ist er entlassen worden, obwohl das Drogenverfahren gegen ihn immer noch läuft. Inzwischen ist er offenbar untergetaucht. Das dürfte ihm auch nicht schwer fallen. Denn Baglan K. gehört mutmaßlich zu einem Aserbaidschaner-Clan in Thüringen, der bereits vom Bundeskriminalamt 2009 beobachtet wurde. Mehrere Mitglieder saßen bereits wegen schwerer Straftaten in Thüringer Gefängnissen. Darunter ein Onkel von Baglan K. Dieser war Soldat in der sowjetischen Armee, wurde dann Mitglied einer russischen Mafia-Gruppe und saß wegen Mordes in der JVA Tonna ein. Die Gruppe soll intensive Kontakte zu einem der armenischen Mafia-Clans in Erfurt haben. Darüber könnte auch der Drogenring in Tonna über Jahre beliefert worden sein. Nach der Zerschlagung des Drogenrings haben sich Recherchen zufolge inzwischen neue Dealerstrukturen gebildet, die für den Nachschub sorgen.

Hochsicherheitsgefängnis In jedem Bundesland befindet sich, je nach Masse der Häftlinge und Größe des Landes, ein solches Hochsicherheitsgefängnis. In diesen Justizvollzugsanstalten werden sogenannte Langstrafer untergebracht. Das sind i.d.R. Häftlinge, die mehr als fünf Jahre Haft zu verbüßen haben. In diesen Gefängnissen werden unter anderem Schwerkriminelle, Terroristen, schwere Sexualstraftäter oder Mehrfach-Mörder inhaftiert. Bei einigen Gefangenen, zum Beispiel aus dem Bereich Organisierte Kriminalität, gibt es ein Rotationssystem. Das bedeutet, sie werden alle paar Monate in ein anderes Hochsicherheitsgefängnis in Deutschland gebracht. Damit soll verhindert werden, dass sie in einem Gefängnis zu lange sitzen und dort kriminellen Strukturen aufbauen können. In Thüringen ist die Justizvollzugsanstalt Tonna das Gefängnis, in dem solche Häftlinge sitzen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. November 2017 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 05:00 Uhr