BRISANT

Ein Killerkeim schlägt zu : Leben nach EHEC - die Angst bleibt

Brisant | 09.11.2011 | 17:15 Uhr

Während der EHEC-Epidemie im Frühsommer dieses Jahres wurden tonnenweise Gurken, Tomaten und Salat vernichtet. Lange suchte man die Ursache für die heimtückische Erkrankung. Wochen später die Erkenntnis: Der Keim versteckte sich in Sprossen. Doch da waren europaweit schon 50 Menschen gestorben und mehr als 4.000 Erkrankungsfälle registriert. Die Hamburgerin Nilhan Salman ist eine von ihnen.

EHEC-Bakterium unter dem Mikroskop

Saubere und keimfreie Hände sind für Nilhan Salman ständig ein Thema. Die Studentin erkrankte als eine der ersten Deutschen an EHEC und kämpfte um ihr Leben. Dazu kam die Ungewissheit nach den ersten Symptomen. Denn damals wusste noch keiner, was EHEC eigentlich ist. Als Nilhan Salman in die Klinik eingeliefert wurde, hofften sie und ihr Freund noch darauf, dass es sich nur um eine Magen-Darm-Grippe handelt. Doch als die Schwester ein großes "Quarantäne"-Schild am Warteraum anbrachte, wussten sie, es ist ernst. Nilhan bekam Katheder und eine Blutwäsche. Die Angst wurde immer größer. Nilhans Nieren versagen. Durch Infusionen und Medikamente lagert die Studentin große Mengen Wasser ein, nimmt 30 Kilo zu. In der schweren Zeit immer an ihrer Seite ihr Freund Imran. Seine Freundin so krank und hilflos zu sehen, war für ihn sehr schwer.  

Sojasprossen
Sprossen waren die Träger der EHEC-Keime.

Vier Monate nach der Entlassung ist Nilhan Salman wieder ganz gesund. In die Klinik kommt sie nur noch zu Studienzwecken. Die ehemaligen EHEC-Patienten werden hier überwacht, um Langzeitschäden zu erkennen und im Falle einer erneuten Epidemie besser handeln zu können. Auch wenn in Nilhans Fall alles gut gegangen ist, an der EHEC-Epidemie sind in Deutschland  50 Menschen gestorben. Gerade deswegen ist für die Ärzte eine langfristige Beobachtung unverzichtbar.

"Ich möchte diese Erfahrung, die ich hier gemacht habe oder allgemein mit der Krankheit gemacht habe, den Leuten ersparen. Also es ist schon wichtig, dass die da irgendwie voran kommen in der Studie und auch wissen wie sie bei einem nächsten Epidemieanfall vorgehen können."

Nilhan Salman
Brisant | 09.11.2011

Ärzte hilflos?

Auch das Klinikpersonal hat damals nicht mit der Schwere der Infektion gerechnet. Dr. Jan Phillip Bremer hat Nilhan im Frühsommer 2011 behandelt. Der Keim war bei Ausbruch der Epidemie, die letzlich 70 Menschen in Europa das Leben kostete, weitgehend unbekannt. Deshalb war auch nicht klar, welche Therapie am besten anschlägt. Zudem seien auch die Mediziner von den Komplikationen überrascht worden, die der Keim auslöste, so Dr. Bremer.

Die Angst bleibt

Geblieben ist bei vielen ehemaligen EHEC Patienten die Angst, sich wieder mit einer Krankheit anzustecken. Nilhan hat heute immer Desinfektionsmittel dabei, denn die wenigsten Erkrankten wissen genau, wann und wie sie sich damals infiziert haben. Keime können überall lauern. Nilhan Salman achtet heute akribisch auf Sauberkeit. Sie ist überzeugt, sie habe keine Sprossen gegessen, sondern Verschmutzung sei schuld gewesen. Wie viele EHEC-Patienten leidet sie unter psychischen Folgen. Aus Angst, sich erneut anzustecken, berührt sie möglichst nichts, das verkeimt sein könnte. Nilhan lebt heute nicht mehr so unbeschwert wie vor der Erkrankung. Trotzdem genießt sie ihr Leben wieder und möchte auf nichts verzichten - selbst auf Sprossen nicht!

"Wo ich immer mein Augenmerk drauf hab, ist in den öffentlichen Verkehrsmitteln, dass ich ungern irgendwo einen Knopf drücke, Türen aufmache oder so. Das ist ein bisschen eklig und man weiß halt nicht, wer hat da schon alles angefasst? Was hat der vorher gemacht? Über solche Sachen hab ich mir vorher keine Gedanken gemacht."

Nilhan Salman
Brisant | 09.11.2011

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2011, 21:54 Uhr

Stichwort: EHEC

Enterohämorrhagische Escherichia coli sind eine gefährliche Form des eigentlich nützlichen Darmbakteriums Escherichia coli. Infektionen damit treten weltweit auf. Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Erkrankungen. Dem Berliner Robert-Koch-Institut zufolge wurden seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001 hierzulande jährlich zwischen 900 und 1.200 Erkrankungen registriert. Deren Verlauf war in der Vergangenheit aber häufig leicht.

In Japan hatten sich 1996 mehr als 10.000 Menschen mit einem anderen EHEC-Stamm infiziert. Damals starben acht Menschen. Die Quelle wurde damals nicht genau lokalisiert. Die Behörden nehmen an, dass die Krankheit über Rettichsprösslinge verbreitet worden war.


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