Im Rahmen einer Typisierungsaktion nimmt eine Ärztin in einer Schule von einem potentiellen Knochenmarkspender eine Blutprobe
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Angst vor der Stammzellenspende? Das müssen Spender wissen

BRISANT | 11.11.2017 | 17:10 Uhr

Im Rahmen einer Typisierungsaktion nimmt eine Ärztin in einer Schule von einem potentiellen Knochenmarkspender eine Blutprobe
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Vor 25 Jahren ist in Ulm das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) gegründet worden. Von damals 100.000 Spendern ist das Register inzwischen auf 30 Millionen Spender weltweit gewachsen. Oft ist eine Stammzellenspende die einzige Chance, die Kranke retten kann. Doch so sehr öffentlich um Spender geworben wird, so groß sind die Hemmungen vieler. Sie wollen zwar helfen, fürchten sich aber vor einem schmerzhaften Eingriff. Wir erklären die Details.

Meist reicht Abstrich für Registrierung

Für alle, die sich eine spätere Stammzellspende vorstellen können, gibt es knapp 30 regionale Spenderdateien wie beispielsweise den Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden e.V. (VKS) und die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Wer sich bei den Spenderdateien meldet, erhält ein kleines Paket mit einem Wattestäbchen. Mit dem kann man selbst einen Abstrich der Wangenschleimhaut machen. Das Ganze geht dann wieder per Post zurück. Zudem finden in regelmäßigen Abständen in vielen Städten und Gemeinden Typisierungsaktionen statt, auf denen sich Spender ein paar Milliliter Blut abnehmen lassen können. Kostenlos registrieren lassen kann sich jeder zwischen 17 und 55, der gesund ist.

Spender in Deutschland, Empfänger in Australien

Im Labor werden dann die Blut- oder Speichelproben auf verschiedene Gewebemerkmale hin untersucht. Die Ergebnisse werden an das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland in Ulm gemeldet und dort gespeichert. In Ulm können deutsche Kliniken anfragen, wenn einer ihrer Patienten wegen einer bösartigen Bluterkrankung auf Stammzellen angewiesen ist. "Dazu gehören nicht nur Fälle von leukämieähnlichen Erkrankungen, die man umgangssprachlich auch als Blutkrebs bezeichnet", erklärt Sonja Schlegel vom ZKRD. Auch bei einigen Stoffwechsel- oder Immunerkrankungen seien die Patienten auf Stammzellen angewiesen. Das ZKRD sucht dann nach einem Spender mit weitgehend identischen Gewebemerkmalen. Zudem ist das Zentralregister weltweit mit zahlreichen weiteren Spenderdateien verknüpft. Das erhöht die Erfolgsquote immens. "Wir schauen immer erst in der Familie nach einem geeigneten Spender. Die besten Chancen hat man da bei den Geschwistern. Wenn das nicht klappt, suchen wir erst deutschland- und dann weltweit nach geeigneten Spendern", erklärt Sonja Schlegel. Für 70 bis 90 Prozent der Erkrankten finde man dank Suche und vieler Freiwilliger auch einen Spender. Dabei ist es wichtig, dass in den Registern die Daten von möglichst vielen Freiwilligen stehen. Die Chance, dass für Erkrankte ein Fremder mit fast den gleichen Gewebemerkmalen gefunden wird, reicht von eins zu 200.000 bis eins zu mehreren Millionen.

Nur jeder Dritte wird später noch einmal angeschrieben

Ein Typisierungsset der DKMS enthält unter anderem zwei Tupfer zur Speichelentnahme und eine Anleitung
Mit einem Typisierungsset, wie hier von der DKMS, kann jeder einen Abstrich machen und sich als möglicher Spender erfassen lassen. Bildrechte: IMAGO

Rund ein Drittel aller registrierten Spender wird im Laufe der Jahre angeschrieben und um eine Nachuntersuchung gebeten. "Bei dieser sogenannten Feintypisierung wird mit Hilfe einer weiteren kleinen Blutprobe noch etwas genauer geprüft, ob die Stammzellen für einen erkrankten Menschen passen könnten", erklärt Karin Grahnert vom Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden e.V.. Diese Nachuntersuchungen kosten deutlich mehr als die Erstregistrierung und werden daher auf den kleineren Spenderkreis beschränkt.

"Etwa jeder Hundertste in der Zentralen Spenderdatei in Ulm wird irgendwann einmal um Stammzellen gebeten", sagt Karin Grahnert. Aus ihrer Sicht ist das ein echter Vorteil für die Spender. Die bekommen kostenlos einen tiefgehenden Gesundheitscheck. So wird beispielsweise geprüft, ob alle Blutwerte in Ordnung sind. Zusätzlich werden die inneren Organe per Ultraschall gecheckt und Herzfrequenz und –rhythmus per EKG überprüft. Eventuell entstehende Kosten für Fahrten oder auch für Arbeitsausfall werden dabei komplett übernommen.

Rückenmark wird nicht benötigt

In den meisten Fällen werden die Stammzellen aus dem Blut des Spenders gewonnen. Der Großteil der Spender bekommt dafür fünf Tage lang ein Medikament, das dem Körper eine Erkältung vorgaukelt. Um die vermeintlichen Krankheitserreger zu bekämpfen, wandern Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut. Im schlimmsten Fall hat man dann, wie bei einer Grippe auch, Kopf- und Gliederschmerzen und fühlt sich etwas schlapp. "Nur bei knapp jedem fünften Stammzell-Spender wird überhaupt Knochenmark entnommen", sagt Sonja Schlegel vom ZKRD. Dafür werde aber niemals das Rückenmark punktiert. "Das ist ein Teil des Nervensystems und kann daher gar nicht transplantiert werden." Stattdessen werden Stammzellen mit einer Spritze aus dem Beckenknochen entnommen. Davon bekommt der Spender aber nichts mit. Das Ganze geschieht unter Vollnarkose.

Nur bei knapp jedem fünften Stammzell-Spender wird überhaupt Knochenmark entnommen.

Sonja Schlegel, Zentrales Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD)

Entnommene Stammzellen wachsen wieder nach

Bei der Gewinnung von Stammzellen aus dem Blut wird das Blut per Kanüle aus einer Armvene entnommen und in einem speziellen Apparat, dem Zellseparator, herausgefiltert. Anschließend wird es dem Spender über die Vene des anderen Arms zurückgegeben. Das Ganze dauert mehrere Stunden und damit deutlich länger als eine normale Blutspende. Wer die schafft, hält aber auch die Stammzellspende durch. Ob Stammzellen aus dem Knochenmark angefordert werden oder die verlängerte Blutspende reicht, das entscheidet der Arzt des kranken Empfängers. Die Entscheidung des Arztes hängt unter anderem davon ab, wie alt die erkrankte Person ist und in welcher körperlichen Verfassung sie ist. Einige Studien scheinen darauf hinzudeuten, dass Stammzellen aus dem Knochenmark eines Spenders besser anwachsen, als aus dem Blut entnommene. Für Spender habe das Ganze keine negativen Folgen, sagt Maren Friedrich vom VKS: "Die entnommenen Stammzellen wachsen innerhalb von zwei Wochen wieder nach."

Anonym spenden

Grafische Darstellung von Stammzellen
Stammzellen: Die Erfolgschancen, dass sie beim Empfänger anwachsen, liegen bei 60 Prozent. Bildrechte: IMAGO

Für wen man einen winzigen Teil seines Körpers hergibt, erfährt man erst einmal nicht. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass der Spender ein zu emotionales Verhältnis zum Empfänger der Stammzellen aufbaut. Denn das muss ehrlicherweise erwähnt werden: Nicht immer hat die Spende Erfolg. Es hängt unter anderem vom Gesundheitszustand und der Krankheit des Empfängers ab, ob die Stammzellen anwachsen und die Blutkörperchen bilden, die für die Immunabwehr wichtig sind. Vermittler der Stammzellen, wie die VKS, sprechen von Erfolgschancen um die 60 Prozent. Sonja Schlegel vom ZKRD will sich nicht so genau festlegen: "Die Erfolgschancen hängen immer davon ab, wie es dem Patienten geht, wie alt er ist und welche Krankheit er hat." Das ist aber auch Fakt: Ohne Spende würde ein großer Teil der Menschen sterben, die auf Stammzellen hoffen müssen. Nach drei Monaten darf man anfragen, ob die Spende Erfolg hatte. Wenn beide Seiten es wünschen, kann man nach zwei Jahren den Menschen kennenlernen, dem man mit den Stammzellen das Leben gerettet hat.

Krankenkassen zahlen den größten Teil

Für die meisten Kosten kommt übrigens die Krankenkasse des Patienten auf, der die Stammzellespende braucht. Dazu gehören etwa die Voruntersuchungen des potentiellen Spenders, seine Anreise, ein Ausgleich für den Verdienstausfall sowie der Check der Stammzellen auf HIV und Hepatitis. Der erste Schritt dagegen, die Typisierung, wird von den Kassen nicht übernommen. Dafür müssen die Spenderdateien aufkommen. Sie sind darum auch auf Geldspenden angewiesen. Es ist daher möglich, dass im Rahmen von Typisierungsaktionen auch um Spenden gebeten wird.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. November 2017 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2017, 15:42 Uhr