Dr. Jens Baas
Dr. Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse Bildrechte: dpa

Millionen-Mehrkosten für Versicherte und Patienten Krankenkassen drängen Ärzte zu teuren Diagnosen

BRISANT | 12.10.2016 | 17:15 Uhr

Dr. Jens Baas
Dr. Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse Bildrechte: dpa

Krankenkassen blähen offenbar die Abrechnung von eigenen Leistungen im großen Stil auf. Der Chef der Krankenkasse "Die Techniker" (TK), Jens Baas, hat den Stein ins Rollen gebracht. "Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren", sagte er im Interview mit BRISANT. Dann gebe es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. Mit Geldern aus diesem Topf werden gesetzliche Krankenkassen gestützt, die verhältnismäßig viele "Risikopatienten" im Vergleich zu gesünderen Mitgliedern anderer Kassen haben.

Das bedeutet: Eine Kasse bekommt umso mehr Geld, je mehr und je schwerwiegendere Diagnosen ihr von den behandelnden Ärzten vorliegen. Patienten werden also auf dem Papier kränker geschrieben als sie tatsächlich sind. Dieses Verfahren heißt "Up-Coding". Denn Krankheiten werden - zum Beispiel - auf Krankschreibungen mit Codes kommuniziert. Dieses Up-Coding-Verfahren werde besonders häufig bei Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch psychischen Krankheiten angewandt, so Baas.

Baas: Kassen bezahlen Ärzte und kassieren Millionenbeträge

"Die Kassen bezahlen zum Beispiel Prämien von zehn Euro je Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen", sagte Baas in einem FAZ-Interview. Es gebe sogar Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel hätten. Die Kassen ließen sich auch von Unternehmensberatern zu dem Thema Empfehlungen geben. Dieses Geld werde ausgegeben, um viel höhere Gewinne einzustreichen. "Es geht um extrem hohe Beträge. Was man für diese Codier-Beeinflussung ausgibt, ist alleine mittlerweile eine Millarde Euro in den letzten zwei bis drei Jahren", so Baas in einem 3sat-Interview. Die Beträge, die das aber in Summe bei allen Krankenkassen auslöst, seien weit höher: "Für eine Krankenkasse unserer Größenordung macht das allein etwa 600 bis 700 Millionen Euro aus."

Für den Patienten kann das dramatische Konsequenzen haben. Wir stellen uns mal vor, ein naher Verwandter ist gestorben. Sie gehen zum Arzt, sie haben eine depressive Verstimmung - völlig klar, wenn ein naher Verwandter gestorben ist. Der Arzt diagnostiziert aber auf dem Papier eine Depression. Sie schließen eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, zehn Jahre später kriegen sie eine Depression, sie können nicht mehr arbeiten wegen der Depression. Die Berufsunfähigkeitsversicherung wird sagen: ,Wir zahlen nicht. Du hast doch schon eine Depression gehabt und hast sie uns verheimlicht.'

Dr. Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse ARD-Interview

Der Bundesregierung ist dieses Problem bekannt. Die verantwortlichen Behörden sehen aber keinen akuten Handlungsbedarf. Im konkreten Fall ist das Bundesversicherungsamt für die Kontrolle der Krankenkassen verantwortlich. Das Amt hat jetzt zumindest von der Techniker-Krankenkasse eine Stellungnahme gefordert. Das reicht Patientenschützern aber nicht aus.

Es geht nicht um kleine Mogeleien und so wie es aussieht, wird hier gewaltig in die Kasse der Versicherten und Patienten gegriffen - und zwar von den Ärzten und den Krankenkassen.

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz ARD-Interview

Eine Frau sitz zusammengekauert auf dem Boden
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Im Interview mit BRISANT sagte Eugen Brysch, die Staatsanwaltschaft müsse überprüfen, "ob hier Betrug vorliegt - schwerer Betrug". Das System vor Missbrauch zu schützen, fordert auch der Chef der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Ulrich Montgomery. Er jedoch sieht ausschließlich die Krankenkassen in der Verantwortung: „Der Gesetzgeber sollte nicht lange zögern und Konsequenzen ziehen. Was wir hier erleben, ist Betrug unter Krankenkassen."

Kritik an regionalen Kassen

Besonders intensiv betrieben die regionalen Kassen diese Schummelei, kritisiert Baas. Nach seiner Einschätzung kassieren sie in diesem Jahr voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr als sie für die Versorgung ihrer Versicherten eigentlich benötigten. Gemeint sind dem Bericht zufolge damit die regionalen Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Nach Recherchen des Handelsblatts nahm die in Sachsen und Thüringen ansässige AOK Plus als sechstgrößte Krankenkasse Deutschlands zum Beispiel durch Manipulationen bei Herz-Kreislauferkrankungen über 70 Millionen Euro im Jahr zusätzlich ein.

Deutlich niedrigere Beiträge ohne Manipulation

Ohne diese Manipulationen, so Baas, könnte allein der Beitragssatz der TK 0,3 Prozentpunkte niedriger liegen. "Ich möchte, dass das System manipulationsresistent gemacht wird", begründete er das Öffentlichmachen der Schummeleien seiner und der anderen Kassen.

Was ist die Aufgabe einer Krankenkasse? Wir sollen die Interessen unserer Versicherten vertreten. Und es ist nicht im Interesse unserer Versicherten, dass ihr Geld ausgegeben wird um Diagnosen einzukaufen - sondern um sie zu behandeln.

Dr. Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse ARD-Interview

Reaktion des AOK-Bundesverbandes auf die Vorwürfe

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, reagierte auf Baas' Veröffentlichung mit den Worten: "Dieser Rundumschlag gegen Ärzte, Aufsichten und Krankenkassen vom Chef der größten gesetzlichen Krankenkasse erstaunt alle. Meint er wirklich, dass Ärzte für zehn Euro Zusatzhonorar massenhaft Diagnosen manipulieren und damit gegen den hippokratischen Eid verstoßen?" Offenbar passe es Baas nicht, so Litsch weiter, "dass sich für seine Krankenkasse die Risikoselektion zulasten von chronisch Kranken nicht mehr lohnt." Die AOK setze sich seit Jahren für ein diskriminierungsfreies Gesundheitswesen und faire Wettbewerbsbedingungen ein." Er beschließt seine Mitteilung mit den Worten:

Martin Litsch
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Wir fordern schon seit langem, den Risikostrukturausgleich manipulationsresistenter zu machen und einheitliche Kodierrichtlinien in der ambulanten Versorgung einzuführen. Wir laden Herrn Baas herzlich dazu ein, uns dabei tatkräftig zu unterstützen.

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands Pressemitteilung

Damit schließt Litsch nicht aus, dass es Manipulationen gegeben hat.

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2016, 13:12 Uhr