Leben mit dem Stoma Der Beutel als Lebensretter

BRISANT | 03.03.2017 | 17:15 Uhr

Wie gelingt es einer jungen Frau, sich mit einem Stoma normal und weiblich zu fühlen? Julia war krebskrank und musste sich an den Beutel gewöhnen und ihn akzeptieren. Ihre Familie hat sie unterstützt. Hilfe fand sie aber auch im Austausch mit anderen in der Facebook-Gruppe "Die Beuteltiere".

Leben mit dem Stoma
Bildrechte: WDR/Frau tv

Es war eine Routineuntersuchung vor zwei Jahren bei der Julia erfuhr, dass sie Darmkrebs hat und ab sofort mit einem Stoma, einem künstlichen Darmausgang leben muss. "Ich hatte noch nie so etwas gesehen. Ich hatte die Vorstellung, so etwas haben doch nur alte Leute", erinnert sie sich. "Ich dachte, danach bin ich kein normaler Mensch mehr. Ich fand es ganz, ganz furchtbar." Julia ist 40 Jahre alt, arbeitet als selbständige Friseurin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln. Die Diagnose war ein Schock. Aber sie hatte keine Wahl und wurde schon kurze Zeit später operiert.

Wir hatten vor der Operation extra noch Fotos von meinem Bauch gemacht. Dann guckst Du an Dir runter, hast einen Schnitt, da sind Schläuche drin. Der Bauch sah aus wie eine Landkarte. Man macht sich Gedanken, hoffentlich stirbst du nicht. Und dann noch dieser Beutel!

Julia

Rund 160.000 Menschen mit einem Stoma in Deutschland

Leben mit dem Stoma
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Mehr als eine Woche lang konnte Julia nicht wirklich hingucken und weigerte sich, den Beutel selbst zu wechseln. Wie soll es ihr als junger Frau gelingen, sich damit wohl zu fühlen? Wie sich herausstellte, war sie mit dieser Frage aber nicht allein. Rund 160.000 Menschen leben in Deutschland mit einem Stoma. Muss der Darm entfernt werden, ist der Beutel der Ersatz. Julia kann ihren Beutel überall wechseln. "Früher war es die Wickeltasche für die Kinder, heute ist es mein Stoma-Täschchen, was mich jetzt immer begleitet", sagt sie – mittlerweile ganz locker. Auch, dass ihre Kinder mit dem Thema ganz selbstverständlich umgehen, hilft ihr. Die Veränderungen im Alltag muss sie aber ganz alleine meistern. Ihre geliebten Jeans etwa kann sie nicht mehr tragen und hat sie gegen Leggins eingetauscht.

Leben mit dem Stoma
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Stichwort: Stoma Ein Stoma (griechisch für Mund, Öffnung) meint in der Medizin eine operativ geschaffene Verbindung zwischen einem Hohlorgan und der Haut mit einer Öffnung nach außen. Es wird dauerhaft oder vorübergehend (passager) angelegt.

"Ich kam mir vor wie ein Affe im Zoo"

Die Kleidung kaschiert den Beutel zum Glück. Ganz anders ist das natürlich im Bikini: Der erste Gang ins Freibad war für Julia eine riesige Überwindung: "Man sieht natürlich, irgendwas ist da. Man sieht ja auch die Narben. Es war schon so, dass ich mir im Schwimmbad vorkam wie ein Affe im Zoo", sagt sie. In solchen Fällen findet Julia Rat bei den "Beuteltieren". In der geschlossenen Facebook-Guppe trifft sie auf Menschen, die auch mit Stoma leben, gute Tipps geben können und Mut machen. Der Rückhalt der "Beuteltiere" hat ihr geholfen zu verstehen, dass das Stoma etwas ganz Normales ist.

Auch Julias Mann stand hinter ihr. Er hat es seiner Frau leicht gemacht, sich weiblich zu fühlen und wieder ganz am Leben teilzuhaben. An einem kinderfreien Abend konnte sich Julia auch hier wieder fallengelassen. "Ich weiß, dass es mir am Anfang schwergefallen ist und ich ganz schlimme Probleme hatte, den Kopf auszuschalten. Ich dachte immer: Den stört das nicht, den stört das nicht, den stört das nicht. Dann braucht's dich auch nicht zu stören. Und dann hat es auch 'gefluppt'", sagt sie. "Es war wie immer. Es war überhaupt kein Thema. Und danach, muss ich sagen, war ich auch total stolz auf mich, dass ich mich dazu durchgerungen habe."

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2017, 20:10 Uhr