Massenpanaik bei Loveparade
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Love-Parade-Mammutprozess begonnen Endlich Aufklärung für die Angehörigen?

BRISANT | 08.12.2017 | 17:15 Uhr

Sieben Jahre nach dem Unglück mit 21 Toten und 650 Verletzten hat die Aufarbeitung der Love Parade-Katastrophe vor Gericht. Wer ist angeklagt in dem Mammut-Prozess, warum beginnt er so spät und sind Schuldsprüche zu erwarten?

Massenpanaik bei Loveparade
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Es war eines der folgenschwersten Unglücke der vergangenen Jahrzehnte: 21 Menschen kamen am 24. Juli 2010 bei der Duisburger Love Parade ums Leben, mehr als 650 wurden verletzt. Viele von ihnen leiden bis heute körperlich und seelisch unter den Folgen. Sechs Überlebende begingen nach Angaben des Selbsthilfevereins "LoPa 2010" Suizid. Mehr als sieben Jahre nach der Katastrophe hat nun der Strafprozess begonnen, zu dem auch viele Angehörige von Opfern anwesend sind.

"Mir geht es um Aufklärung. Warum mussten Kinder sterben? Wer hat da versagt?", fragt Gabi Müller. Sie verlor bei der Katastrophe ihren Sohn Christian (25), "Ich möchte in die Gesichter der Angeklagten schauen und sehen, was sind das für Menschen?“ Sie sieht dem Prozess dennoch realistisch entgegen, hält es durchaus für möglich, dass es nicht zu klaren Verurteilungen kommt. Dann aber habe man Zeichen gesetzt, dass sich so etwas nie wiederholt.

Dass unsere Kinder tot sind, muss doch einen Sinn gehabt haben.

Gabi Müller

+++ Fragen und Antworten zum Love-Parade-Prozess +++

Wer ist angeklagt?

Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier des Love-Parade-Veranstalters müssen sich vor Gericht verantworten. Sie werden von insgesamt rund 30 Anwälten verteidigt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten fahrlässige Tötung beziehungsweise fahrlässige Körperverletzung vor. Höchststrafe wären fünf Jahre Haft.  

Was soll die Tragödie ausgelöst haben?

Nach Einschätzung der Ankläger war die Love Parade völlig falsch geplant und hätte niemals genehmigt werden dürfen: Das schmale Ein- und Ausgangsareal des eingezäunten Geländes am alten Duisburger Güterbahnhof sei viel zu eng für die hunderttausenden Raver gewesen. Dies hätten die Angeklagten erkennen müssen. 

Werden auch Opfer zum Prozess erwartet?

Ja, und zwar in großer Zahl. Alleine rund 60 Betroffene der Katastrophe sind in dem Verfahren als Nebenkläger zugelassen. Sie werden von etwa 40 Anwälten vertreten. Die Nebenkläger sollen während des Prozesses psychologisch und seelsorgerisch betreut werden.  

Wie lange wird der Prozess dauern?

Das ist völlig ungewiss. Die sechste Große Strafkammer des Duisburger  Landgerichts hat zunächst 111 Verhandlungstage bis Ende kommenden Jahres anberaumt. Klar ist dagegen, wie lange der Prozess höchstens dauern kann: Bis zum Sommer 2020 muss ein Urteil fallen. Denn nach zehn Jahren tritt die sogenannte absolute Verjährung ein.

Warum beginnt der Love-Parade-Prozess so spät?

Zunächst wegen der aufwändigen Ermittlungen. Erst im Februar 2014 legte die Staatsanwaltschaft ihre Anklage gegen die zehn Beschuldigten vor. Diese Anklage lehnte das Duisburger Landgericht aber im April 2016 ab. Dagegen legten Staatsanwaltschaft und Nebenkläger Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein. Mit Erfolg: Im vergangenen April entschied das OLG, dass die Hauptverhandlung eröffnet werden muss.

Wie wahrscheinlich sind Schuldsprüche?

Das kann niemand sagen. Dass der Ausgang großer Strafverfahren gegen eine Vielzahl von Angeklagten wegen Fahrlässigkeitsdelikten immer ungewiss ist, zeigte zuletzt der Prozess um den Düsseldorfer Flughafenbrand von 1996 mit 17 Toten. Das Verfahren war von Pannen überschattet und wurde nach knapp zwei Jahren im Oktober 2001 eingestellt - wegen geringer Schuld der Angeklagten.

Wie lautete damals die Begründung?

Der Richter des Düsseldorfer Landgerichts sagte seinerzeit, die "schrecklichen Folgen" des Brands dürften nicht den Blick dafür verstellen, dass jedem Angeklagten eine persönliche Schuld nachgewiesen werden müsse. Dies sei jedoch in dem Strafprozess "trotz der erheblichen Dauer und der Vielzahl erhobener Beweise" nicht möglich gewesen.

Fahnen, die die Nationalität der Opfer der Loveparade zeigen, wehen in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) an der Gedenkstätte für die Loveparadeopfer.
Drei Jahre nach der Katastrophe ist auf dem Gelände der Duisburger Love Parade eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die 21 Toten errichtet worden. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 08. Dezember 2017 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 19:07 Uhr