Eine Passantin betrachtet in Heidenheim-Schnaitheim (Baden-Württemberg) ein Flugblatt mit einem Hilfeaufruf der Polizeidirektion Heidenheim.
Vor fast sieben Jahren: Flugblatt der Polizeidirektion Heidenheim vor einer Sparkassen in Heidenheim-Schnaitheim in Baden-Württemberg. Bildrechte: dpa

Festgenommener Mann wieder frei Die jahrelange Suche nach dem Mörder von Maria Bögerl

BRISANT | 06.04.2017 | 17:10 Uhr

Der Fall Bögerl ist einer der bekanntesten ungeklärten Mordfälle in Deutschland: Im Mai 2010 war die Ehefrau eines Sparkassenchefs aus Heidenheim bei Ulm in Baden-Württemberg entführt und dann umgebracht worden. Die Polizei sicherte mehr als 10.000 Spuren, fand jedoch viele Jahre keine entscheidende. Dann aber erzählte ein Betrunkener, er habe die Frau erstochen. Er wurde festgenommen - bestritt aber, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Eine DNA-Probe ist negativ. Der Mann durfte gehen.

Eine Passantin betrachtet in Heidenheim-Schnaitheim (Baden-Württemberg) ein Flugblatt mit einem Hilfeaufruf der Polizeidirektion Heidenheim.
Vor fast sieben Jahren: Flugblatt der Polizeidirektion Heidenheim vor einer Sparkassen in Heidenheim-Schnaitheim in Baden-Württemberg. Bildrechte: dpa

Entführung und Mord

12. Mai 2010: Maria Bögerl, 54 Jahre alt, zweifache Mutter und die Ehefrau des Chefs der Sparkasse, wird aus ihrem Haus in Heidenheim an der Brenz in Baden-Württemberg offenbar in ihrem Auto entführt. Noch am Vormittag meldete sich ein Mann telefonisch beim Ehemann des Opfers und fordert insgesamt 300.000 Euro Lösegeld, laut Polizei "in komplizierter Stückelung". Ihr Ehemann Thomas Bögerl hinterlegt es an vereinbarter Stelle an der Autobahn 7.

13. Mai 2010: Das Geld wird nicht abgeholt, der Kontakt zum Entführer bricht ab. Von der Frau fehlt jede Spur. Erstmals wendet sich die Familie an den oder die Entführer. In dem "APPELL DER FAMILIE BÖGERL:" wird die "Inständige Bitte an die Entführer" ausgesprochen, die Frau freizugeben: "Wir haben alles getan, was Sie wollten. Bitte geben Sie uns unsere geliebte Mama, meine Frau wohlbehalten zurück. Sie hat Ihnen nichts getan."

14. Mai 2010: Das Mobiltelefon der Frau wird gefunden, ihr Auto entdeckt die Polizei nach Hinweisen im Hof des Klosters Neresheim im Ostalbkreis.

16. Mai 2010: Ein zunächst verdächtiger Mann wird kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen.

18. Mai 2010: Die Belohnung für Hinweise zur Aufklärung des Falls wird auf 100.000 Euro verdoppelt. Die Soko "Flagge" der Polizei wird gebildet.

19. Mai 2010: Mit einem weiteren Appell wendet sich die Familie in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" an die Täter.

3. Juni 2010: Ein Spaziergänger mit Hund findet am Waldrand bei Heidenheim-Nietheim die teils schon verweste Leiche von Maria Bögerl, wenige Kilometer vom Haus der Familie entfernt. Unweit dieser Stelle war am 12. Mai die Lösegeldübergabe gescheitert.

Jahrelange Ermittlungen

Eine Polizistin untersucht bei Heidenheim-Nietheim in einem Wald einen Holzstapel.
04. Juni 2010: Bei Heidenheim-Nietheim sucht die Polizei in einem Waldstück nach Spuren. In der Nähe war am Donnerstag, einen Tag zuvor die Leiche der Bankiersgattin gefunden worden. Bildrechte: dpa

9. Juni 2010: Unter großer Anteilnahme wird Maria Bögerl beigesetzt. In der Bonifatiuskirche in Heidenheim findet die Trauerfeier statt, auch Journalisten sind dabei.

24. Juni 2010: Die Polizei sucht nun auch mit Speichelproben nach dem Täter. DNA einer unbekannten Person hatte sie vor allem im Auto der Frau gefunden.

3. August 2010: Die Bundesbank widerspricht Berichten, wonach die Geldübergabe sich wegen einer Mittagspause ihrer Filiale in Ulm verzögert habe.

Oktober 2010: Bei der Polizei geht ein anonymes Schreiben ein, laut dem die Lösegeldbeschaffung sehr viel schneller hätte klappen können.

In der Bonifatiuskirche in Heidenheim (Baden-Württemberg) ist ein Porträt von Maria Bögerl mit einem Trauerflor geschmückt.
Trauerfeieser in Heidenheim Bildrechte: dpa

11. Juli 2011: Thomas Bögerl tötet sich selbst. Er war selbst in Verdacht geraten.

14. Juli 2011: Die Kinder der Bögerls kritisieren öffentlich die Polizei.

5. September 2012: Diese wendet sich in "Aktenzeichen XY" erneut an die Bevölkerung. Daraufhin führt ein Mann die Polizei monatelang mit falschen Hinweisen in die Irre und kassiert dafür mehrere tausend Euro als Belohnung - schließlich jedoch zwei Jahre Haft auf Bewährung. Kritik wird laut auch an der Fahndung und Ermittlung in aller Öffentlichkeit. Der Fall allerdings bleibt spektakulär.

Januar 2013: Die Soko wird von 16 auf zwölf Ermittler verkleinert. Mehr als 3.000 Speicheltests haben die Beamten bislang auf der Suche nach dem Täter oder den Tätern gemacht - eine "heiße" Spur ist nicht dabei.

8. Mai 2013: Erstmals ist nur noch die Rede von mehreren Tätern, sie werden im Spielhallen-Milieu in Baden-Württemberg und Bayern gesucht.

14. Februar 2014: In Neresheim soll ein DNA-Massentest entscheidende Hinweise bringen. Mehr als 3.000 Männer sollen zur Reihenuntersuchung antreten.

21. August 2014: Auch in Giengen an der Brenz werden rund 500 Männer zum DNA-Test aufgefordert.

Februar 2015: Ein dubioser Zeuge meldet sich bei der Polizei und sorgt über Wochen für Wirbel. Er nennt einen angeblichen Tatbeteiligten, doch die Durchsuchung von dessen Wohnung bringt keine Hinweise.

13. Februar 2015: Das Amtsgericht Ellwangen droht Verweigerern, zur Not zum DNA-Test gezwungen zu werden.

23. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Ellwangen verkündet, den angeblichen neuen Zeugen vorerst nicht mehr vernehmen zu wollen.

November 2015: Auf der Suche nach dem Täter werten die Ermittler mit einer neuen Software 600.000 alte Datensätze aus - darunter vor allem Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum.

Aufklärung vorerst gescheitert

April-Juli 2016: Knapp sechs Jahre nach dem Mord an der Bankiersgattin gehen die Ermittler noch einmal neuen Ansätzen nach. Unter anderem suchen sie einen Verdächtigen, der in Nordrhein-Westfalen gesehen worden sei. Im Laufe einer bundesweiten Fahndung wird ein Phantombild veröffentlicht. Zudem hat die Polizei eine Stimmprobe des Mannes, aufgezeichnet mit einem Handy. Doch der Gesuchte wird nicht gefunden.

Thomas Friedrich, Ermittler der Polizei im Mordfall Bögerl, zeigt im Doko-Raum der Kriminalpolizei Ulm (Baden-Württemberg) auf eine Straߟenkarte des Polizeipräsidiums Ulm.
Thomas Friedrich, einer der Ermittler im Mordfall Bögerl, vor einer Straߟenkarte im Polizeipräsidium Ulm. Bildrechte: dpa

5. April 2017: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" berichtet über den Fall. Gegen Ende der Sendung heißt es bereits, es habe "eine Reihe von Hinweisen" aus dem TV-Publikum gegeben. Erste Überprüfungen konkreter Personen seien am Abend angelaufen.

Wenig später sagt der leitende Ermittler der Polizei in Ulm, Michael Bauer, ein konkreter Verdächtiger habe im Juli 2016 im westfälischen Hagen in betrunkenem Zustand zwei Männer angesprochen, den Fall erwähnt und "tatrelevante Angaben" dazu gemacht: "Ganz konkret hat er gesagt, er habe Maria Bögerl erstochen" und den jungen Männern erzählt, dass er aus Ochsenberg in der Gemeinde Königsbronn nördlich von Ulm stamme, kaum zehn Kilometer vom Tatort entfernt.

Er sei nach eigenen Angaben früher bei der Bundeswehr gewesen und habe einen Speziallehrgang bei einer Kompanie für "Psychologische Verteidigung" absolviert, hieß es im Fahndungsaufruf des Bundeskriminalamts. Die beiden jungen Männer hatten das Gespräch mit einem Handy aufgezeichnet und die Polizei alarmiert. Als diese eintraf, war der Mann aber schon weg. In dem Mitschnitt war auch die Rede von einem besonderen Kampfmesser.

Die einst aufgelöste Sonderkommission "Flagge" nimmt ihre Arbeit wieder auf. Bis zu 30.000 Euro Belohnung werden erneut für Hinweise ausgesetzt, die dazu führen, dass der Täter ermittelt oder gefasst werden kann.

Webseite BKA
Bildrechte: Webseite BKA

6. April 2017: Das Bundeskriminalamt gibt am frühen Morgen bekannt, ein Verdächtiger sei festgenommen worden, den man mit einiger Sicherheit für den Täter halte. Später sagt Armin Burger von der Staatsanwaltschaft Ellwangen, der Mann habe zwar angegeben, Hass auf die Familie gehabt zu haben. Er bestreite aber, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Der Mann sei 47 Jahre alt und am Mittwochabend in seiner Wohnung in Königsbronn festgenommen worden. Seine DNA werde nun mit der verglichen, die im Auto der Frau gesichert worden sei.

Mittag: Die DNA-Probe ist negativ. Staatsanwalt Burger erklärt aber, es sei noch offen, ob der Tatverdächtige dem Haftrichter vorgeführt oder freigelassen werde. Die ein DNA-Probe des Verdächtigen habe "keine Übereinstimmung" mit Spuren ergeben. Man könne aber nicht darüber hinwegsehen, dass sich der Mann selbst "der Mordtat gerühmt" habe.

Kurz nach dem Mittag: Der festgenommene Mann ist wieder frei. Er sei nicht dringend tatverdächtig, sagte Staatsanwalt Burger.

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2017, 14:58 Uhr