BRISANT

Pferdefleisch-Skandal : Arme sind nicht der Mülleimer der Nation

Brisant | 22.02.2013 | 17:15 Uhr

Der Vorschlag eines CDU-Politikers, das aus dem Handel genommene Fleisch an Bedürftige zu verteilen, sorgt für einen Aufschrei. Hilfsorganisationen wiesen diese Idee scharf zurück. Im Bundestag wird weiterhin über die Schuldfrage debattiert. Verbraucherschutzministerin Aigner macht den Handel für den Fleischskandal verantwortlich. Die Opposition meint dagegen, Aigner habe versagt.

An einer langen Tafel  werden kostenlose Menüs aus absolut verzehrfähigen Lebensmitteln mit kleinen Mängeln von Besuchern der Aktion "Zu gut für die Tonne" gegessen.

Kirchenvertreter, Hilfsorganisationen und Politiker haben den Vorschlag, falsch gekennzeichnetes Fleisch an Arme zu verteilen, scharf zurückgewiesen. Der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, nannte den Vorschlag respektlos gegenüber Bedürftigen. Die Abgeordnete der Linkspartei, Karin Binder, nannte das Ansinnen nicht hinnehmbar. Auch arme Menschen dürften nicht zum Müllschlucker der Nation gemacht werden.

"Wenn man nicht genug zu essen hat, bedeutet dies nicht, dass man isst, was andere nicht wollen".

Das Rote Kreuz

Die Tafeln äußerten sich ebenfalls ablehnend. Sachsen-Anhalts Sprecher Mathias Gröbner sagte MDR INFO, angeblich seien auch kranke Tiere verarbeitet worden. "Die Tafeln haben die Pflicht, ordnungsgemäße Lebensmittel auszugeben." Er habe nichts gegen Pferdefleisch. Aber es müsse klar sein, was man isst. Der Paritätische Wohlfahrtsverband in Thüringen erklärte, so lange nicht geklärt sei, wie belastet das Fleisch ist, könne es nicht ausgegeben werden. Ein Sprecher des Verbandes sagte, minderwertige Lebensmittel dürften nicht verteilt werden.

Was das Ministerium für Verrbaucherschutz dazu sagt

Auch das Ministerium für Verbraucherschutz sieht die Idee kritisch. Eine Sprecherin sagte dem MDR, Lebensmittel dürften nur verteilt und verschenkt werden, wenn die Ware gesundheitlich sicher sei. Außerdem müssten die Produkte richtig gekennzeichnet sein.

Das würde bedeuten, dass jede Packung eine neue Kennzeichnung erhalten müsste. Außerdem wäre abzusichern, dass das Pferdefleisch nicht mit Medikamenten belastet ist. CDU-Entwicklungspolitiker Hartwig Fischer hatte angeregt, aus den Regalen genommenes Fleisch an Bedürftige verteilen zu lassen. In Frankreich würde der Vorschlag Zustimmung finden. Dort hatten sich mehrere Organisationen dazu bereit erklärt, wenn sichergestellt werden könne, dass die Lebensmitttel unbedenklich seien.

Aigner sieht den Handel als Schuldigen am Skandal

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner
Aigner zeigt auf die Supermarktketten

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner macht unterdessen den Handel für den Etiketten-Schwindel beim Pferdefleisch verantwortlich. Der Handel sei für die Qualitätssicherung verantwortlich. "Dieses System hat offensichtlich versagt", sagte Aigner bei der Vorstellung des verbraucherpolitischen Berichts im Bundestag. Sie kündigte an, dass die Kontrollmechanismen der Supermarktketten nun überprüft würden. Gleichzeitig wolle sie sich in Brüssel dafür stark machen, dass auch die Herkunft verarbeiteter Lebensmittel gekennzeichnet werden müsse.

Die Opposition warf Aigner vor, selbst erst die Schleusen für Billig-Fleisch und Dumping in der Fleischindustrie geöffnet zu haben. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte, Aigner habe sich nicht ausreichend für Transparenz gesorgt und das "kranke System der langen internationalen Produktionsketten" unterbrochen.

Woher das Fleisch für die Lasagne kam
Woher das Fleisch für die Lasagne kam

Der Pferdefleischskandal hatte vor rund einem Monat auf den britischen Inseln begonnen. Stichproben wiesen in als Rindfleisch etikettierten Tiefkühlprodukten mehrerer Supermarktketten einen Pferdefleischanteil von bis zu 100 Prozent nach.

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2013, 15:32 Uhr

Warnung vor Phenylbutazon

Die Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker hat vor dem Medikament Phenylbutazon, das in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt wurde. "Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch", sagte die Expertin Petra Zagermann-Muncke.

Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen - Hautausschläge oder Asthma - und Blutbildschäden möglich, auch unabhängig von der Dosis. Phenylbutazon wird bei Pferden als Dopingmittel verwendet.