BRISANT

Zwei Jahre Lager für 30 Sekunden Punk : Neues Pussy-Riot-Lied - weltweite Proteste gegen das Urteil

Brisant | 18.08.2012 | 17:30 Uhr

Unter weltweitem Protest sind drei Mitglieder der russischen Punkband "Pussy Riot" wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu je zwei Jahren Haft verurteilt worden. Doch die Band lässt sich nicht einschüchtern.

Die Punkband Pussy Riot, Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alyokhina, Yekaterina Samutsevich
Die Angeklagten mussten mehr als drei Stunden, zumeist stehend, in einem gut bewachten Glaskasten ausharren.

Kurz nach dem harten Urteil gegen drei ihrer Mitglieder hat die russische Punkband "Pussy Riot" in einem neuen Lied Kremlchef Wladimir Putin erneut angegriffen. "Das Land geht auf die Straße mit Mut, das Land sagt dem Regime Auf Wiedersehen", heißt es in dem Song. Und weiter: "Putin entzündet das Feuer der Revolution". Den Text der "Single zum Urteil" sowie ein Video veröffentlichte die Gruppe im Internet. "Wir werden weiterkämpfen", heißt es in einem Kommentar. Die Zeitung "Kommersant" schrieb, zur Veröffentlichung habe eine maskierte Aktivistin vor dem Gerichtsgebäude das Lied abgespielt und CDs in die Menge der Anhänger von "Pussy Riot" geworfen.

Internationale Empörung

Ein Moskauer Bezirksgericht hatte die drei "Pussy Riot"-Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wegen "Rowdytums aus Motiven des religiösen Hasses" zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Sie hatten im Februar mit einem "Punkgebet" in der russisch-orthodoxen Hauptkirche in Moskau gegen Wladimir Putin demonstriert, der damals für das Präsidentenamt kandidierte. Das Urteil ist international auf deutliche Kritik gestoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einer "unverhältnismäßig harten" Gerichtsentscheidung. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "tief enttäuscht". Sie erwarte, dass das Urteil aufgehoben werde. Eine Sprecherin des US-Außenministeriums erklärte: "Die USA sind besorgt über das Urteil und das unverhältnismäßige Strafmaß." Sie appellierte an die Regierung in Moskau, die Meinungsfreiheit in Russland zu gewährleisten.


In Russland bezeichnete der Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin die verhängte Gefängnisstrafe als ungerecht. "Ich glaube, diese Gruppe hat kein Verbrechen begangen, sondern ein schweres Vergehen", sagte er. Deshalb hätte in dem Fall nicht das Strafrecht angewendet werden dürfen. Er sprach sich dafür aus, das Urteil anzufechten. Michail Fedotow, Leiter des Präsidentenrats für Menschenrechte, rechnet damit, dass die Strafe abgemildert wird. Ein Freispruch wäre in dem Fall angemessen gewesen, sagte er.

"Ein politisches System, das drei Mädchen, die für 30 Sekunden in einer Kirche auftreten, für Jahre ins Gefängnis steckt, zeigt, dass es Angst vor der Wahrheit hat."

Nadeschda Tolokonnikowa, Mitglied der "Pussy Riot"

Ex-Schachweltmeister Kasparow droht Gefängnis

Vor dem Gebäude des Moskauer Chamowniki-Gerichts, wo das Urteil gegen "Pussy Riot" bekannt gegeben wurde, hatten Hunderte Anhänger der Punk-Rockerinnen gegen den Prozess protestiert. Die Polizei nahm mehrere Dutzend Demonstranten fest, darunter den linken Oppositionsführer Sergej Udalzow und den früheren Schachweltmeister Garri Kasparow. Der Putin-Kritiker Kasparow warf der Polizei vor, ihn geschlagen zu haben. Die Polizei hingegen beschuldigte ihn, einen Beamten in den Finger gebissen zu haben. Nach seiner Freilassung schrieb Kasparow über Twitter, er sei auf dem Weg in die Notaufnahme, "um meine Verletzungen zu untersuchen und zu beweisen, dass ich nicht betrunken bin und niemanden gebissen habe". Kasparow drohen nun bis zu fünf Jahre Haft.

Allein Putins Partei jubelt

Genugtuung und Zufriedenheit hingegen bei der Regierungspartei "Geeintes Russland". Das Strafmaß sei absolut angemessen und eine Warnung an "Liebhaber von provokanten Aktionen und Happenings". Dies dürfte Kritiker darin bestätigen, dass an "Pussy Riot" ein Exempel statuiert werden sollte, um so Oppositionelle und Regierungskritiker einzuschüchtern.

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2012, 15:41 Uhr

Pussy Riot

Die Gruppe Pussy Riot besteht eigentlich aus etwa zehn weiblichen Mitgliedern Mitte 20. Eine feste Band-Konstellation gibt es nicht. Bei den jetzt verurteilten Mitgliedern handelt es sich um Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30). Zwei von ihnen sind Mütter.

Die Auftritte von Pussy Riot sind oft mehr politisch motivierte Performance als Musikkonzert. 'Riot' ist Englisch und bedeutet 'Aufruhr'. Der Begriff weist außerdem, genau wie 'Pussy', auf die feministische Subkultur der "Riot Grrls" hin. Diese entstand in den 1990ern in den USA. Die Musikerinnern, die sich als "Riot Grrrl" bezeichnen, wollen u.a. auf die Dominanz der Männer in der Musikszene hinweisen.