Ein weinendes Baby
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Schreistudie Britische Babys brüllen mehr?!

BRISANT | 04.04.2017 | 17:10 Uhr

Babygeschrei ist schwer zu ertragen, und das aus gutem Grund: Wir sollen uns kümmern, es ist Teil der Überlebensstrategie. Aber warum schreien Neugeborene unteschiedlich viel, je nachdem in welchem Land sie aufwachsen?

Ein weinendes Baby
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Großbritannien, Italien, die Niederlande und Kanada sind Spitzenreiter mit der Schreiquote ihrer Babys. In Kanada schreit ein Baby im Alter von drei bis vier Wochen zum Beispiel durchschnittlich 150 Minuten pro Tag. In Deutschland sind es nur 81 Minuten. Zu diesem Schluss kommt der Psychologe Dieter Wolke von der Universität Warwick. Er hatte dafür das Schreiverhalten von fast 8.700 Kindern in neun verschiedenen Industrie-Ländern untersucht. Eine konkrete Antwort auf die Frage nach dem "Warum?" liefert die Untersuchung aber nicht.

Über die Ursachen kann man nur spekulieren. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass in jedem Land andere gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen für die jungen Familien herrschen.

Dieter Wolke, Psychologe, Universität Warwick The Journal of Pediatrics

Bedingungen für junge Familien - zum Schreien?

Damit gemeint sind zum einen berufliche Wiedereinstiegschancen, Mutterschutz, Elternzeit und Einkommen in den ersten Lebensmonaten des Babys. Zum anderen spiele eine Rolle, wie stark sich Väter besonders in den ersten Wochen einbringen (dürfen). All das beeinflusse das Stresslevel der Eltern - und des Babys.

Es liegt auch in den Genen

Die Unterschiede im Schreiverhalten können aber auch genetisch bedingt sein. Zwischen den Nationalitäten, oder den Populationen, wie die Forscher es nennen, zeigen sich generell Unterschiede im Temperament. Die einen seien im Durchschnitt eher zurückhaltend, die anderen eher temperamentvoll. Das sei bei Erwachsenen längst bekannt, und das könne sich bei den Babys eben auch im Schreiverhalten zeigen, so Dieter Wolke.

Du schreist wie du isst!

Ein Baby trinkt an der Brust
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Wie bei vielen Belangen der Babypflege scheiden sich auch bei der Ernährung die Geister, ebenfalls abhängig vom Kulturkreis. Die einen pflegen ausgeprägt das Stillen. Die anderen versuchen, ihren Nachwuchs mit Milchpulver vor Umweltgiften zu schützen. Oder die Mütter müssen so früh wieder zur Arbeit gehen, dass sie gar nicht oder nur teilweise stillen können. Ganz gleich aus welchem Grund - die Art der Ernährung hat laut Studie ebenfalls Einfluss auf das Schreipensum des Babys. Im Gegensatz zu Stillkindern schlafen Flaschenkinder demnach nachts meist längere Zeit durchgehend. Dadurch sinke ihre Gesamt-Schreizeit in der 24-Stunden-Bilanz.

Auffällig war in der Studie, dass der Anteil der Kinder mit Koliken (Schmerzen durch Blähungen) offenbar sehr unterschiedlich ist. So litten nur sieben Prozent der drei bis vier Wochen alten Kinder in Deutschland daran, in Großbritannien hingegen 28 Prozent. Die Forscher räumten ein, dass diese Daten durch die Mütter in Schreitagebüchern erfasst worden waren und durch die unterschiedliche Wahrnehmung der Mütter nicht zwingend repräsentativ seien.

Zwei Stunden Schreien und Wimmern am Tag sind normal

Kleiner Babyfuß schaut aus dem Tragetuch hervor.
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Wenn ein Baby schreit, fühlen wir uns schnell hilflos. Vor allem, wenn es uns nicht gelingt, den Winzling zu beruhigen. Aber es ist normal, dass Babys schreien, und zwar überall auf der Welt. Das ist ihre einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen und sich unserer Nähe zu vergewissern, eine Überlebensstrategie also. Wenn wir das wissen, und wenn wir wissen, wie viel denn nun genau "normal" ist, ist das schon die "halbe Miete". In den ersten zwölf Lebenswochen seien das etwa zwei bis zwei einviertel Stunden am Tag, danach würde es mit durchschnittlich einer Stunde und zehn Minuten deutlich weniger, schlussfolgerten die Forscher um Dieter Wolke. Sie hatten Tagebücher ausgewertet, in den das Schreiverhalten von Babys in Fünfminutenintervallen dokumentiert worden war.

Die individuellen Unterschiede sind dabei enorm. Es gibt Babys, die am Tag nur etwa eine halbe Stunde schreien und wimmern, andere bringen es auf fünf Stunden.

Dieter Wolke, Psychologe, Universität Warwick

Nicht jedes Schreien lässt sich beruhigen

Wolke kritisiert, dass junge Eltern nicht darauf vorbereitet seien, dass Babys eben schreien. Sie reagierten oft hilflos und panisch. Dabei sei die innere Ruhe und Bestimmtheit der Eltern zusammen mit Körperkontakt genau das, was den weinenden Säugling beruhige. All das signalisiert dem Baby Sicherheit. Dafür, dass man am Schreiton Hunger, Schmerz und Langeweile unterscheiden könne, gebe es aber keine wissenschaftlichen Belege, wohl aber für die Unterscheidung der Intensität.

Etwa 40 Prozent des Schreiens in den ersten drei Lebensmonaten können wir einfach nicht beruhigen. Eltern sollten deshalb nicht denken, dass sie etwas falsch machen oder dass mit dem Baby etwas nicht in Ordnung ist.

Dieter Wolke, Psychologe, Universität Warwick

Wenn exzessives Schreien zum Verhängnis wird

Manchmal sind Eltern von schreienden Babys so überfordert, dass sie die Kontrolle über die Situation verlieren. In über 85 Prozent der Fälle eines Schüttelsyndroms ist exzessives Schreien der Auslöser für das Schütteln, erklärt Wolke. Bei etwa 30 von 100.000 Babys komme es Studien zufolge wegen heftigen Schüttelns zur Krankenhauseinlieferung, meist gebe es schwerwiegende Folgen wie eine Behinderung oder den Tod des Kindes.

Die Sorgen von Eltern sollten ernst genommen werden, wenn sie mit dem Schreien ihres Babys nicht zurechtkommen.

Dieter Wolke, Psychologe, Universität Warwick

Am Ende zeigt die Studie, dass Babys eben kleine Menschen sind und deshalb sehr verschieden sein können - auch im Hinblick auf ihr Schreiverhalten. Es sei spannend, bei den Ländern mit besonders kurzen Schreizeiten einmal genauer zu untersuchen, woran das liegt, so Dieter Wolke. Ob es am Verhalten der Eltern liegt, an Erfahrungen während der Schwangerschaft oder an den genetischen Voraussetzungen. Denn all diese Fragen sind bislang noch unbeantwortet.

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2017, 16:42 Uhr