Profit kontra Tierwohl So grausam sind die Zustände in der Kaninchenmast

BRISANT | 07.04.2017 | 17:10 Uhr

Kaninchen gelten in Europa als eines der beliebtesten Haustiere - vor allem bei Kindern. Aber sie sind auch eines der beliebtesten Nutztiere: 330 Millionen werden jedes Jahr geschlachtet. Doch die Haltungsbedingungen sind katastrophal! Das belegen jahrelange Recherchen von Tierschutzaktivisten. Sie fordern europaweite Mindeststandards.

Kaninchenmast
In kleinsten, kahlen Gitterkäfigen werden die Tiere innerhalb weniger Lebensmonate aufs Schlachtgewicht gemästet. Bildrechte: tierretter.de e.V.

Kaninchen werden unter erbärmlichsten Umständen in Käfigbatterien gemästet. Das belegen Bilder der europaweit agierenden Tierschutzorganisation Animal Equality. Die Aktivisten wollen zeigen, diese Haltungsbedingungen hätten System. Europaweite Regelungen, Gesetze oder gar Mindeststandards? Fehlanzeige! "Es gibt so viele Tierschutzgesetzte und Regelungen in der Europäischen Union. Aber die Kaninchen, die wurden bis heute schlicht vergessen", sagt EU-Parlamentsmitglied Stefan Bernhard Eck.

70 Betriebe in Spanien angezeigt

Besonders krass ist die Situation in Spanien. Das Land ist traditionell Hauptabnehmer des Fleisches und das Land mit den meisten Zuchtbetrieben. "Kein einziger Betrieb hat sich an die rechtlichen Vorschriften gehalten", erklärt Ria Rehberg von der Tierschutz-Organisation "Animal Equality". "Wir haben alle 70 Betriebe in Spanien, die wir dokumentiert haben, angezeigt."

Das, was wir während unserer Recherche vorgefunden haben, sind offene Verletzungen bei Tieren, die nicht behandelt werden. Wunde Pfoten von Kaninchen, weil sie auf Drahtboden stehen. Und wir haben auch dokumentiert, wie Veterinärer vor unseren Augen Tiere totgeschlagen haben ohne sie vorher zu betäuben.

Ria Rehberg, Tierschutz-Organisation "Animal Equality"

Europaweite Mindeststandards gefordert

Tote Kaninchen in einem Eimer
Viele Kaninchen überleben die Tortur nicht. Bildrechte: tierretter.de e.V.

Die Recherche der Tierschützer zeigt erste Früchte. Die Debatte um die Kaninchen läuft. Kämpfer an vorderster Front: Stefan Bernhard Eck, Mitglied des europäischen Parlaments. Sein Ziel: Er will eine gesetzliche Grundlage für europaweite Mindeststandards in den Zuchtbetrieben schaffen. "Ich appelliere an die Kommission, sich für eine ambitionierte Tierschutzstrategie einzusetzen. […] Werden Sie nicht zu Schreibtischtätern, wenn es um Tiere und Tierquälerei geht", forderte Eck schon 2015 in einer Rede.

Tatsächlich regt sich etwas im europäischen Parlament. Mitte März gelang es Eck, trotz massiver Gegenwehr, mit einem Initiativbericht die Abgeordneten zu überzeugen: Es wurde für die Schaffung europaweiter gesetzlicher Normen zur Haltung von Kaninchen gestimmt. Doch aktuell ist und bleibt die Situation für die Tiere prekär! Bis zu dreißig Prozent der Kaninchen sterben noch bevor sie geschlachtet werden - die direkte Folge der Haltungsbedingungen in den Käfigen. Und das sei nicht nur in Spanien und Italien so, sondern auch in Deutschland. "In Deutschland gibt es gewisse rechtliche Anforderungen an das Halten von Kaninchen", sagt Ria Rehberg. "Trotzdem werden in Deutschland auch fast alle Kaninchen in Käfighaltung gehalten. Und sie haben dort nur ein bisschen mehr als ein A4-Blatt  Platz pro Kaninchen."

Auch in Deutschland geht es den Kaninchen nicht gut. Auch in Deutschland werden die Grundbedürfnisse der Kaninchen nicht beachtet. Und auch in Deutschland haben wir immer wieder schockierende Bilder aus Kaninchenbetrieben gesehen.

Ria Rehberg, Tierschutz-Organisation "Animal Equality"

Übergangsfristen bis 2024

Vorbild für die geforderten europaweiten Mindeststandards ist das sogenannte PARK-System, eine neuartige und zumindest etwas tiergerechtere Haltungsmethode mit mehr Bewegungsfreiheit, mehr Rückzugsmöglichkeiten und mehr Hygiene. In den Niederlanden stellen derzeit immer mehr Kaninchenfarmen auf PARK um. In ein paar Jahren wird das sogar Pflicht für alle Zuchtbetriebe dort. Aber noch werden in Europa wahrscheinlich mindestens 98 Prozent aller professionell zum Verzehr gezüchteten Kaninchen in Käfigbatterien gehalten. Aufgrund von Übergangsfristen sind diese Zustände noch bis 2024 legal. Den Betreibern von Zuchtanlagen kann formal also kein Vorwurf gemacht werden. Sie handeln nach geltendem Recht und Gesetz - so grausam es auch anmutet.

Kaninchenmast
Das Kaninchenfleisch, das in deutschen Supermärkten angeboten wird, stammt zumeist aus industriellen Massentierhaltungen. Bildrechte: tierretter.de e.V.

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2017, 22:24 Uhr