Eine Französische Bulldogge rennt am 03.09.2017 in Wernau (Baden-Württemberg) während der Süddeutschen Mops- & Bulldoggenrennen eine 50 Meter Bahn mit Zeitmessung entlang.
Atmet schwer: eine französische Bulldogge während einer Rennveranstaltung im Sommer in Baden-Württemberg Bildrechte: dpa

Welthundeausstellung So leiden Hunde unter ihrer Zucht

BRISANT | 13.11.2017 | 17:15 Uhr

31.000 Hunde waren am Wochenende auf der "World Dog Show" in Leipzig zu sehen. Für Kritiker nicht einfach eine Messe, sondern ein "Karneval der Perversität". Denn: Immer mehr reinrassige Hunde leiden unter ihrer Zucht. Seit Jahrzehnten geht es vielen Haltern vor allem darum, dass die Tiere einem Schönheitsideal entsprechen. Für die Hunde bedeutet das oft lebenslanges Leid.

Eine Französische Bulldogge rennt am 03.09.2017 in Wernau (Baden-Württemberg) während der Süddeutschen Mops- & Bulldoggenrennen eine 50 Meter Bahn mit Zeitmessung entlang.
Atmet schwer: eine französische Bulldogge während einer Rennveranstaltung im Sommer in Baden-Württemberg Bildrechte: dpa

Hunde werden seit Jahrtausenden von Menschen gehalten und gezüchtet – erst als Hirten-, Wach-, und Jagdhunde, inzwischen vor allem als Haustiere oder hippe Begleiter. Das bedeutet oft: Die Tiere müssen nicht mehr schnell rennen oder laut bellen können, sondern sie müssen vor allem schön aussehen. Wie schön, das haben Halter und Züchter am Wochenende auf der "World Dog Show" in Leipzig vorgeführt. Für Kritiker sind solche Veranstaltungen Ausdruck einer Perversion.

Seit mittlerweile 150 Jahren formt sich der Mensch ein künstliches Wesen und das auf jeden Fall zu Lasten des Tieres.

Ronald Lindner, Tierarzt und Tierverhaltenstherapeut

Luft holen fällt schwer

Zum Beispiel der Mops: Er stammt, wie alle Hunde, ursprünglich vom Wolf ab. Aber von der langen Wolfsschnauze ist nach hunderten Jahren reinrassiger Zucht nur eine winzige Stupsnase übrig geblieben, die den Hund besonders süß aussehen lassen soll. Das Problem dabei: Das Gewebe, das beim Wolf auf eine lange Schnauze verteilt war, ist beim Mops auf engen Raum zusammengequetscht. Luft strömt dadurch nicht mehr so leicht durch die Atemwege, sondern der Hund muss sie mit Kraft hindurchpressen. Diese Atemwegsfehlbildung bezeichnen Mediziner als Brachyzephalie, was so viel bedeutet wie Kurzköpfigkeit.

Gefällt den Menschen - leidet aber bei jedem Atemzug

Eine Deutsche Dogge steht am 12.11.2017 in Leipzig (Sachsen) vor seinem Herrchen auf der World Dog Show.
Deutsche Dogge Die Rüden erreichen eine Schulterhöhe von mehr als 80 Zentimetern - das ist viel zu groß. Auch die Lefzen der Tier sind heute länger als früher. Wegen des hängenden Gesichts haben Doggen oft Bindehautentzündungen. (Über dieses Thema berichtet der MDR auch bei: MDR um 4 | 13.11.2017 | 16:00 Uhr) Bildrechte: dpa
Eine Deutsche Dogge steht am 12.11.2017 in Leipzig (Sachsen) vor seinem Herrchen auf der World Dog Show.
Deutsche Dogge Die Rüden erreichen eine Schulterhöhe von mehr als 80 Zentimetern - das ist viel zu groß. Auch die Lefzen der Tier sind heute länger als früher. Wegen des hängenden Gesichts haben Doggen oft Bindehautentzündungen. (Über dieses Thema berichtet der MDR auch bei: MDR um 4 | 13.11.2017 | 16:00 Uhr) Bildrechte: dpa
Ein Chihuahua schaut am 23.03.2016 aus der Winterjacke einer Besucherin eines Straßenfestes in Berlin.
Chihuahua Chihuahuas leiden an einer Reihe von Beschwerden. Sie können oft nicht richtig atmen und ihre großen, hervorstehenden Augen sind anfälliger für Verletzungen. Bildrechte: dpa
Die zweijährige Boxerhündin ´´Ami´´ liegt am 10.01.2017 in München (Bayern) im Schaufenster einer Galerie auf einem Kissen und genieߟt die wärmende Sonne auf ihrem weiߟen Fell.
Boxer Früher war die Boxerschnauze gerade und länger, jetzt ist sie flach. Experten zufolge haben die Tiere deshalb Probleme, ihre Temperatur zu regeln und können nur schwer atmen. Außerdem erkranken Tiere dieser Rasse häufiger als andere Hunde an Krebs. Bildrechte: dpa
Die beiden Hundeliebhaberinnen, Charlotte Rabe (hinten) und Elisabeth Dammann aus Bremerhaven, sind am Samstag (31.07.2010) auf der 2. Internationalen Rassenhunde-Ausstellung "Bremen bellt" in den Messehallen von Bremen von dem Chow-Chow "Yuppi Shpigel" aus Russland fasziniert.
Chow Chow Hunde dieser Rasse wiegen heute viel mehr als früher. Weil ihre Hinterbeine steil gestellt sind, werden diese meist überbeansprucht. Bildrechte: dpa
Das Handout des Tierheims San Gabriel Valley Humane Society zeigt Tierheimhündin Millie am 25.10.2015 in Los Angeles (USA) mit.
Basset Hound Diese Rasse ist eigentlich in Jagdhund - am Rennen allerdings hindern moderne Hunde ihre allzu flache Gestalt und die überschüssige Haut. Die riesigen Ohren sind anfällig für Entzündungen. Bildrechte: dpa
Der Bernhardiner "Max" liegt am 10.01.2013 in Nürnberg (Bayern) anlässlich eines Pressetermins zu der 39. Internationalen Rassehunde-Ausstellung ´´Cacib 2013´´ schlummernd auf dem Boden.
Bernhardiner Kleine Schnauze, hängende Lefzen - die Gesichter der Bernhardiner sind heute oft eingedrückt und die Tiere haben Probleme beim Atmen. Außerdem leiden moderne Tiere an Hüftproblemen - Osteoarthrose und Schmerzen sind die Folge. Bildrechte: dpa
Eine Französische Bulldogge rennt am 03.09.2017 in Wernau (Baden-Württemberg) während der Süddeutschen Mops- & Bulldoggenrennen eine 50 Meter Bahn mit Zeitmessung entlang.
Bulldogge Diese Rasse wird oft herangezogen, um den Irrsinn der Zucht zu symbolisieren. Die Tiere haben nicht nur mit Atemproblemen und Entzündungen zwischen ihren Hautwülsten zu kämpfen - viele der weiblichen Tiere können wegen des engen Geburtstkanals keine Jungtiere auf natürlichem Wege zur Welt bringen. (Über dieses Thema berichtet der MDR auch bei: MDR um 4 | 13.11.2017 | 16:00 Uhr) Bildrechte: dpa
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Viele Hunderassen überzüchtet

Den Experten zufolge sind einige Hunderassen mittlerweile derart überzüchtet, dass man von einer sogenannten Qualzucht spricht - einer Zucht also, bei der Merkmale geduldet oder gefördert werden, die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen für die Tiere verbunden sind. Zu den betroffenen Hunderassen gehören Experte Ronald Lindner zufolge neben den Möpsen zum Beispiel Nackthunde, Chihuahua, Pekingesen und die englische Bulldogge.

Gerhard Oechtering ist Direktor der Klinik für Kleintiere an der Universität Leipzig und operiert Hunde, die durch ihre Zucht gesundheitliche Probleme haben. Vor ein paar Jahren, erzählt er, gab es solche Eingriffe etwa einmal in der Woche, inzwischen sind es mehrere am Tag. Oechtering glaubt bei der Zucht und Haltung solcher Tiere nicht an böse Absicht. "Aber für micht steht da eine grenzenlose Unvernunft dahinter", sagt er, und fordert:

Es gibt bestimmte Rassen, die darf man nach meiner Meinung im Augenblick nicht mehr kaufen.

Gerhard Oechtering, Tierarzt

Weiter fragliche Zucht trotz Verbots

Der mitgliederstärkste deutsche Zuchtverband, der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH), hat das Problem erkannt und seine Zuchtkriterien verschärft. Einem Sprecher zufolge werden beim VDH immer weniger Möpse gezüchtet. Allerdings gibt es in Deutschland viele verschiedene Zuchtverbände mit unterschiedlichen Interessen.

Gesetzlich gilt eigentlich für alle: Qualzucht ist verboten. 2006 ist das Tierschutzgesetz entsprechend angepasst worden. Allerdings gibt es zu dem Gesetz noch immer keine Durchführungsverordnung. Und so sind auch dieses Jahr auf der "World Dog Show" in Leipzig wieder Hunde gezeigt worden, die unter ihrer Zucht leiden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. November 2017 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 12:07 Uhr