Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.
Der verurteilte Krankenpfleger Niels H. hat zugegeben, Dutzenden Patienten eine Überdosis gespritzt zu haben. Bildrechte: dpa

Verurteilter Patientenmörder Niels H. soll 106 Menschen getötet haben

BRISANT | 09.11.2017 | 17:15 Uhr

Der frühere Krankenpfleger Niels H. sitzt im Gefängnis. Er hatte gestanden, in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst Patienten eine Überdosis Medikamente gespritzt zu haben. Nun haben toxikologische Untersuchungen ergeben: Er soll noch mehr Menschen getötet haben!

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.
Der verurteilte Krankenpfleger Niels H. hat zugegeben, Dutzenden Patienten eine Überdosis gespritzt zu haben. Bildrechte: dpa

Im Fall der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. gehen die Ermittler inzwischen von 106 Toten aus. Dies teilten Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem Abschluss weiterer toxikologischer Untersuchungen an exhumierten früheren Patienten in Oldenburg mit. Bei fünf von diesen müssten aber noch ergänzende Untersuchungen erfolgen. Die Betroffenen hätten damals auch medizinisch indizierte Medikamente bekommen, schränkten sie ein. Wann die Ergebnisse dazu vorlägen, sei derzeit noch unklar. Voraussichtlich Anfang kommenden Jahres will die Staatsanwaltschaft Anklage erheben.

Bereits zu lebenslanger Haft verurteilt

Niels H. ist bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte gestanden, Patienten eine Überdosis von Medikamenten gespritzt zu haben, um sie dann wiederbeleben zu können. Damit habe er vor Kollegen seine Fähigkeiten zur Wiederbelebung beweisen wollen. Viele der Kranken überlebten diese Prozedur jedoch nicht.

Eine Sonderkommission der Polizei hatte in den vergangenen drei Jahren mehr als 130 frühere Patienten der beiden Kliniken exhumieren und auf Rückstände von Medikamenten testen lassen.

Verantwortliche haben weggesehen

Nach Ansicht der Ermittler hätte ein großer Teil der Morde verhindert werden können. In der Oldenburger Klinik hatte es eine Statistik gegeben, die zeigte, dass bei Einsätzen von Niels H. die Sterberate sowie die Zahl der Reanimationen besonders hoch waren. Das Krankenhaus trennte sich von dem verdächtigen Krankenpfleger und stellte ihm dabei sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus.

Der Pfleger wechselte nach Delmenhorst. Eine Warnung aus Oldenburg blieb aus. Auch an der neuen Arbeitsstelle gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schichten von Niels H. starben. Später gab es auch handfeste Beweise. Zwei frühere Oberärzte ein Stationsleiter sind deshalb wegen Totschlag durch Unterlassen angeklagt.

Ingesamt 200 Verdachtsfälle

Insgesamt gibt es 200 Verdachtsfälle. H.s Mordserie gilt in der deutschen Rechtsgeschichte als beispiellos. Der tatsächliche Umfang der von ihm verübten Verbrechen wird nach Meinung der Ermittler womöglich nie ans Licht kommen, weil sich die Nachforschungen aufgrund der lange zurückliegenden Tatzeit schwierig gestalten und zahlreiche Patienten feuerbestattet wurden.

Patientenschützer schlagen Alarm

Von einem "Versagen" spricht die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern werde es in den Klinken und Pflegeheimen noch immer zu leicht gemacht. In vielen Einrichtungen seien die Kontrollmechanismen nicht verschärft worden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 09. November 2017 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2017, 18:51 Uhr