Leipziger Buchmesse

Ausgezeichnet! : Preis der Leipziger Buchmesse für David Wagner

Der Preis in der Königsdisziplin ging in diesem Jahr an David Wagner. Für seinen Roman "Leben" bekam er die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie Belletristik. Helmut Böttigers Monografie über die "Gruppe 47", sprich die jungen Wilden, die einst im nachkriegsdeutschen Literaturbetrieb aufräumten, wurde prämiert. Geehrt wurde außerdem die Übersetzerin Eva Hesse, die 50 Jahre an Ezra Pounds Dichtung "Die Cantos" gearbeitet hat.

David Wagner

Eine Geschichte auf Leben und Tod

Jede Menge Entdeckungen gerade auch junger deutschsprachiger Autoren - das versprach die Auswahl der Jury in der Kategorie Belletristik. MDR FIGARO-Literaturkritiker Michael Hametner vermisste den Mut zum Risiko. Gleichwohl geht es in David Wagners Roman um Leben und Tod.

Wagner, Jahrgang 1971, erzählt in "Leben" (Rowohlt) die wahrhaft existenzielle Geschichte einer Organtransplantation "ohne falsches Sentiment", wie Hametner findet. Es ist Wagners eigene, "ohne eine verkappte Autobiografie" zu sein. Wagner selbst sieht sein Buch als "eine Art Reisebuch", ein Mann warte in seinem Krankenhausbett wie auf einem Floß auf das rettende Organ, lässt sein vergangenes Leben Revue passieren, hofft auf eine Zukunft und erfährt von seinen "Krankenhauskameraden ihre Geschichten, die nicht immer glücklich enden.

"Wie hält man sich den Tod vom Leib? David Wagners erfundener Leidensbericht - oder durchlittene Erfindung - stellt diese Frage und führt zugleich eindrucksvoll vor, wie’s geht: mit Witz und Ironie, mit tapferem Trotz und Understatement - und mit Sinn für das Banale, die "kleinen Klinikfreuden", alles, was den Kranken ans Leben bindet, und dazu gehört auch der Speisezettel. Das selbstverständliche Nebeneinander von Leben und Tod, von Leichtsinn und schwerer Not, von Angst und Genuss macht den Krankenhausalltag aus."

Aus der Begründung der Jury

Selbstironie? - Helmut Böttiger für sein Sachbuch "Die Gruppe 47" ausgezeichnet

Der deutsche Autor David Wagner (l) und der Literaturkritiker Helmut Böttiger stehen am 14.03.2013 nach der Auszeichnung mit dem Preis der Leipziger Buchmesse auf der Messe Leipzig (Sachsen).
Gewinner unter sich - Literaturkritiker und Preisträger Helmut Böttiger (l.) und David Wagner nach dem Finale

Historische Betrachtungen gestandener Autoren aus großen Verlagen bestimmten die Auswahl in der Kategorie Sachbuch/Essayistik, eine weibliche Autorin fand sich nicht darunter. Bereits im Herbst erschienen, aber für den Preis nominiert wurde der Literaturkritiker Helmut Böttiger für sein Porträt der "Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb". Und dafür bekam er den Preis. Damit beweist die Jury Selbstironie, findet MDR FIGARO-Sachbuchredakteurin Katrin Schumacher. Denn Böttiger beendet seine umfangreiche Monografie mit einer Kritik am heutigen Literaturbetrieb, in dem Literaturkritik und Markt eng zusammengingen.

"Nie kapituliert Böttiger vor der Fülle der Anekdoten, um so plastischer treten markante Situationen wie die Kirke-Episode hervor, in der Ingeborg Bachmann 1954 Landser und Avandgardisten am Cap Circeo bei Rom versammelt. In Szenen wie diesen verdichtet sich ein Grundzug dieses vielstimmigen, klug komponierten Buches: Sein Autor erzählt die Geschichte der Neuformierung der Literatur und Erfindung des Literaturbetriebs in Deutschland nach 1945 mit dem Sensorium des Lesers und Kritikers - und mit den Mitteln der Literatur selbst."

Aus der Begründung der Jury

Preis der Leipziger Buchmesse 2013: Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse, eröffnet die Preisverleihung.
Blick in die Glashalle zur Preisverleihung

Nominiert waren auch der Münsteraner Philosoph Kurt Bayertz , der sich mit einem anatomischen Faktum und seinen Auswirkungen beschäftigte in "Der aufrechte Gang: Eine Geschichte des anthropologischen Denkens". Erst im März erscheinen die drei weiteren nominierten Sachbücher, die von der Jury vorgeschlagen wurden: Götz Alys "Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte", Wolfgang Streecks Vorlesungen zur Finanzkrise, die nun als Buch erscheinen ("Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus") und Hans Beltings Geschichte des Gesichts, betrachtet von der Steinzeit bis ins digitale Zeitalter: "Faces".

50 Jahre "im Steinbruch": Übersetzerin Eva Hesse für Ezra Pound-Nachdichtung geehrt

Buchcover zu "Die Cantos" von Ezra Pound
Eva Hesse konnte den Preis für ihre Nachdichtung aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst entgegennehmen.

Jetzt hat es geklappt: Der Preis in der Kategorie Übersetzung geht an Eva Hesse. Sie übertrug Ezra Pounds "Die Cantos" aus dem Englischen. Übersetzer Ralf Pannowitsch nannte das Werk des begnadeten amerikanischen Poeten "einen gewaltigen Steinbruch", in dem Eva Hesse sich 50 Jahre abarbeitete. Sie kannte den Dichter noch selbst, der ihr mit auf den Weg gab: "Sie sollen nicht übersetzen, was ich ich geschrieben, sondern was ich gemeint habe." Daran hielt sie sich Pannowitz zufolge selbstbewusst. Aus gesundheitlichen Gründe kann Eva Hesse, Jahrgang 1925, den Preis nicht persönlich in Leipzig entgegen nehmen, wird sich sicher aber sehr freuen, war sie doch bereits drei Mal in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

"Mit der großen zweisprachigen Ausgabe der "Cantos" im Arche-Verlag liegt nun ihr lebenslängliches Work in Progress, ihr großes Übersetzungs-, Vermittlungs- und Erklärungswerk in Sachen Ezra Pound vollständig und gerundet vor. Für diese besondere Leistung, die das Zeug zur Legende besitzt, erhält Eva Hesse den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung."

Aus der Begründung der Jury

Die Anwärter neben ihr waren Maralde Meyer-Minnemann ("Der Archipel der Schlaflosigkeit" aus dem Portugiesischen von António Lobo Antunes), Alexander Nitzberg ("Meister und Margarita" aus dem Russischen von Michail Bulgakow), Claudia Ott ("101 Nacht" aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen nach einer Handschrift des Aga Khan Museums) und der Leipziger Andreas Tretner ("Briefsteller" aus dem Russischen von Michail Schischkin).

Die Vorauswahl

Am 7. Februar gab die Jury die 15 Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013 bekannt. 141 Verlage hatten bis zum Stichtag im November insgesamt 430 Titel für die Auswahl eingereicht. Den Vorsitz der Jury führt in diesem Jahr der Literaturkritiker Hubert Winkels, der die Publizistin Verena Auffermann nach drei Jahren turnusgemäß ablöste. Die mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Auszeichnung versteht sich als Orientierungshilfe für den Leser im Meer der Neuerscheinungen.

Steckbrief zu den Preisträgern:

Der Preisträger in der Kategorie Belletristik:
David Wagner, 1971 geboren, veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Debütroman Meine nachtblaue Hose (Alexander Fest Verlag). Sein Roman Vier Äpfel (Rowohlt Verlag) stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Walter-Serner-Preis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

Der Preisträger in der Kategorie Sachbuch:
Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur unter anderem bei der Frankfurter Rundschau tätig. Er lebt als freier Autor und Kritiker in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Szolnay 2004) und Celan am Meer (mare 2006). 2012 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Die Preisträgerin in der Kategorie Übersetzung:
Eva Hesse, 1925 in Berlin geboren, hat seit den frühen 50er-Jahren Werke einer Reihe von Dichtern der englischsprachigen Moderne herausgegeben und übersetzt, unter anderem E.E. Cummings, T.S. Eliot und Samuel Beckett. Für diese Arbeiten erhielt sie unter anderem den Übersetzerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (1968) und 2012 den Paul Scheerbart-Preis (Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung).

Die Jury:

* Hubert Winkels (DIE ZEIT)

* René Aguigah (Deutschlandradio Kultur)

* Martin Ebel (Tages-Anzeiger Zürich)

* Eberhard Falcke (Freier Kulturjournalist und Literaturkritiker)

* Ursula März (DIE ZEIT)

* Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)

* Daniela Strigl (Freie Literaturkritikerin)

Der Preis

Der Preis der Leipziger Buchmesse ehrt seit 2005 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen. Er ist mit insgesamt 45.000 Euro dotiert und wird zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung verliehen. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Der neue Vorsitzende der Jury ist der Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels.

Die Nominierten im MDR-Lese-Café

Wer geht ins Rennen um den Preis? MDR FIGARO sorgt für Aufklärung und präsentiert in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse die Nominierten in der Kategorie Belletristik in Lesung und Gespräch. Zu Gast bei Michael Hametner waren Lisa Kränzler, Anna Weidenholzer und Rolf Dohrmann sowie Birk Meinhardt und David Wagner. Die Leser haben ihre Favoritin übrigens bereits gewählt. Im Online-Voting, das bis zum 7. März lief, stimmten sie für Anna Weidenholzer.

Hören Sie hier die Lese-Cafés sowie die Kommentare von Michael Hametner und Katrin Schumacher zur Auswahl der Jury nach!