MDR.DE | Druckansicht | 16. Oktober 2009 | 14:04 Uhr
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Inhalt:

Am 4. Oktober früh auf dem Weg zum Bahnhof treffe ich einen Kollegen, beide müssen wir zu Besprechungen unseres Kombinates nach Dresden fahren. Wie jedes Mal bei solcher Gelegenheit, wo mehr oder weniger gute Bekannte über den Weg laufen, entwickelt sich ein entsprechend mehr oder weniger privates Gespräch während der einstündigen Bahnfahrt. "Es riecht noch nach Tränengas!" ist aber für unser sehr loses Verhältnis ein recht ungewöhnlicher Gesprächsbeginn. Mit Provokationen muss man in den jetzigen Tagen immer rechnen...

War doch in den Westnachrichten gestern berichtet worden, dass die DDR-Behörden die Botschaftsbesetzer von Prag nach wochenlangem diplomatischem Tauziehen in geschlossenen Zug-Transporten über das Gebiet der DDR nach der Bundesrepublik ausreisen lassen. Dass dabei Karl-Marx-Stadt berührt würde, ist auf der Kursbuchkarte zu sehen. Und dass dieses Verfahren neue Probleme aufwerfen wird, ist auch nahe liegend, denn die Unzufriedenheit insbesondere der nicht arrangierten und etablierten Jugend ist groß und diese Ausreise keine Lösung der aufgestauten Probleme. Also es ist schon gestern Abend anlässlich der Zugdurchfahrt zu Turbulenzen auf dem Bahnhofsvorplatz gekommen, so höre ich.

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Unsere Entwicklergruppe - das letzte gemeinsame Foto (Bildnachweis: Kompa).

Dresden war im Ausnahmezustand

In Dresden gleichen Bahnhof und Vorplatz zur Prager Straße einem Schlachtfeld: Glasscherben, zerborstene Scheiben der Hallenverkleidung, Steinbrocken, Papierfetzen, zersplittertes Holz. Gestern ist es hier zu großen Tumulten mit Polizeieinheiten gekommen, die verzweifelte Jugendliche an einer Trittbrettfahrt auf den Transportzügen gehindert haben, so erfahre ich in Randgesprächen in der Mittagspause. Auf der Rückfahrt sehe ich, die Aufräumungsarbeiten am Bahnhof sind schon ungewohnt rasch vorangekommen.

Später am Nachmittag sitze ich im vollen Speisesaal unserer Betriebs-Versorgung zur regelmäßigen Anleitung für die betrieblichen Verkehrssicherheitsschulungen in Karl-Marx-Stadt. Da höre ich vom über „Die Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung der BRD" referierenden Verkehrspolizei-Oberleutnant, dass er, seit gestern Abend im Dienst, am hiesigen Bahnhofsvorplatz einige schwere Stunden erlebt hat. Zuhause erst im Fernsehen erfahre ich das volle Ausmaß der Unruhen längs der Strecke der Zugdurchfahrt.

Die folgenden Tage liegt knisternde Spannung über der Stadt, der lang angekündigte Festtag des 40-jährigen DDR-Jubiläums steht vor der Tür. Am Tag vorher fallen weit verbreitet deutliche Lücken im sonst anlassgemäßen Fahnenschmuck der Häuser-Fassaden auf. Da habe auch ich die mir für dieses Jahr zugeteilte Aufgabe „vergessen" und das Bündel im Keller stehen lassen. Abends sehen wir in den Berliner DDR-Fernsehbericht vom Fackel- und Fahnen-Aufmarsch der FDJ-Elite, knapp 30-Jährigen aus allen Bezirken zusammengefahrenen Funktionären, hinein. Stundenlang dasselbe pathetische, verlogene Siegesgefasel, Heide erklärt mich für verrückt, so etwas anzusehen.

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Die Diskussion im Betrieb beginnt... (Bildnachweis: Armin Schönfeld).

Auch in Chemnitz wird geprügelt

Am 7. Oktober meiden wir die Innenstadt. Und so kommt es, dass ich zwei Tage später, mit Dienstbeginn am frühen Montagmorgen, erst nach und nach in Gesprächen vom Geschehenen erfahre: Während auf dem großen Parkplatz vor dem Rathaus ein "Volksfest" mit Jahrmarkt beginnt und Schüler zu einem Stafettenlauf zusammenkommen, entwickelt sich eine im Luxor-Palast als Matinee der Städtischen Theater geplante Veranstaltung zur Machtprobe zwischen aufmüpfigen Jungschauspielern und Anhängern des sich herausbildenden „Neuen Forums" einerseits und vorm Veranstaltungsort deutlich präsenten Betriebskampfgruppen-Einheiten und weniger sichtbaren, gut vorbereiteten Stasi-Leuten andererseits.

Die Luxor-Veranstaltung endet, ohne zu einem Ende geführt worden zu sein, im Trubel der widerstreitenden Versuche Meinungen zu äußern. Draußen formiert sich spontan ein stummer Protestzug der Unzufriedenen, und die Kampfgruppen, als Treiber in dieser Menschenjagd eingesetzt, begleiten sie auf dem Weg zum nahen Rathaus. Dort erwarten sie wohlorganisierte Polizeieinheiten in Kettenformation, die mit Knüppeln, Helmen und Schilden gefährlich anzusehen, mit Räumfahrzeug- und Wasserwerferunterstützung nach Anweisungen aus dem darüber kreisenden Hubschrauber alle dort Anwesenden zusammentreiben und in bereitstehende Nahverkehrsbusse prügeln.

Wo sie dann hingekommen sind, weiß zur Stunde keiner. Mütter, die ihre Kinder beim Stafettenlauf wähnten, Angehörige von Luxor-Palast-Besuchern, Mitglieder von kirchlichen Friedensinitiativen suchen ihre Freunde und Angehörigen und alle sind offen empört über das Ungeheuerliche, was da geschehen ist. Im Speisesaal des Buchungsmaschinenwerkes werden die Kampfgruppenmitglieder offen gemieden. Eine Notiz in der "Freien Presse" berichtet in bekannter Art von gewissenloser Provokation und 26 vorläufig Festgenommenen. Auch in Plauen, Leipzig und anderen Städten ist es zu erheblichen Unruhen am 7.Oktober gekommen.


Wir hören den Leipziger Aufruf

Voller Anspannung hören wir beim Bereiten des Abendbrotes in der Küche plötzlich im Transistorradio eine erregte eindringliche Männerstimme mit folgender Mitteilung: "Bürger! Professor Kurt Masur, Pfarrer Dr. Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel wenden sich mit folgendem Aufruf an alle Leipziger: - Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. - Es sprach Kurt Masur".

Später erfahren wir über die Westsender von der schließlich gewaltlos verlaufenen ersten Massendemonstration rund um die Leipziger Innenstadt am gleichen Abend. Am folgenden Freitagabend stehen Heide und ich mit einer Kollegin inmitten dichten Menschengedränges im Vorraum der völlig überfüllten Lutherkirche. Durch „Buschfunk" hatten wir vom Aufruf zum kirchlichen Friedensgebet für alle Drangsalierten und Menschen in Not gehört, von der Überfüllung der traditionell dafür vorgesehenen Johanniskirche und dieser Parallelveranstaltung.

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...geht weiter... (Bildnachweis: Armin Schönfeld).

Bei der Gründungsveranstaltung des "Neuen Forums“ in Karl-Marx-Stadt

Draußen im Dunklen sammelt sich eine immer größer werdende Menschenmenge, die den Vorpark füllt und über schnell aufgestellte Lautsprecher am Geschehen teilnimmt. Ein wenig unheimlich ist uns schon, wissen wir doch, wie sich eine provoziert fühlende SED ihrer Machtorgane bedient. Als dann unverhohlen über die brutalen Vorkommnisse vom vorigen Wochenende anhand Gedächtnisprotokollen von inzwischen wieder Freigelassenen berichtet und eine vom Klärungsgespräch beim Oberbürgermeister zurückkehrende Abordnung erwartet wird, ist mir zumute wie einst im Leipziger Luftschutzkeller in Erwartung einer über uns einbrechenden Kellerdecke.

Dann kommt die erlösende Mitteilung, dass das Stadtoberhaupt das Gespräch mit der Delegation in versöhnlichem Ton geführt, einen fortsetzenden Dialog und die Freilassung Unschuldiger zugesichert hat. Es wird von allen reichlich gespendet, um finanzielle Unterstützung für Angehörige der Eingesperrten zu geben und das notwendige Papier für Mitteilungen und Porto zu beschaffen. Wir vernehmen Erklärungen von einfachen, intelligenten Leuten mit unseren Sorgen und Gedankengängen und begreifen, dass wir tatsächlich an der ersten öffentlichen, praktisch der Gründungsveranstaltung des "Neuen Forums" in Karl-Marx-Stadt teilnehmen.

Die sicher anwesenden Stasiabgesandten werden zu fairem, menschlichen Verhalten aufgefordert und treten nicht in Erscheinung. Wir merken erleichtert, dass die Furcht von uns abfällt in dieser Gemeinschaft friedlicher Menschen aller Schichten, jeden Alters, alle mit dem gleichen Wunsch nach einem menschenwürdigeren Leben. Nach dem gemeinsamen Abschlussgebet treten wir mit dem Gefühl, etwas zum Guten bewegt zu haben, den Heimweg an. Unsere Furcht war wohl nicht unbegründet, wie wir auf dem gemeinsamen Heimweg vorbei an Polizeigruppen und Motorradposten, die uns allerdings unangefochten gehen lassen, ahnen. Erst später erfahren wir vom vorgesehenen, dann abgeblasenen Abtransport der Teilnehmer ins große Sportstadion zwecks "polizeilicher Zuführung"...

Dialogbereitschaft ist die neue Devise

Auch im Betrieb ändert sich jetzt der Ton: In einer Gewerkschaftsversammlung unserer Abteilung werden wir aufgefordert, uns in einen Dialog mit den Führenden einzulassen mit Vorschlägen und Äußerungen zur Entkrampfung der problemreichen Situation. Ich versuche meinen Kollegen klarzumachen, dass weiterhin duldendes Schweigen falsch ist und jetzt klug formulierte Problemaufzählungen und Lösungsgedanken gefragt sind, auch wenn bisherige Tabus berührt werden.

Ein paar Tage darauf gehe ich mit einem zum Aushang im Schaukasten vorgesehenen, offenem Brief an den Kreisvorstand der Gewerkschaft mit Duldung durch unseren Genossen Abteilungsleiter an die Öffentlichkeit: "...Da offenbar die bisher angewendeten Methoden zu keinem ausreichendem Ergebnis zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme geführt haben und das Vertrauen zu ihnen schwindet, halte ich die Einbeziehung einer breiteren gesellschaftlichen Basis für sinnvoll und ein öffentliches Gespräch für unumgänglich...

Ich möchte die Früchte meiner Arbeit wirksamer als bisher in Betrieb und Gesellschaft umgesetzt sehen, die daraus resultierende gesellschaftliche Achtung und den materiellen Nutzen wirksamer spüren. Dazu gehört neben angemessener Entlohnung aber auch ein ständiges reichliches Angebot von Waren, Dienstleistungen, Reisemöglichkeiten und Erholungsmöglichkeiten. Die Notwendigkeit von Sonderversorgungen und Beziehungen muss verschwinden...

Voraussetzung dafür ist eine effektive Produktion. Unbürokratische Förderung tragfähiger Ideen, Zugang zu breiter Information und zupackendes Arbeiten gehören dazu ebenso wie verantwortungsbewusstes Festlegen ökonomisch sinnvoller und realisierbarer Ziele und gute Leitung, ein konsequentes Durchsetzen der Verantwortlichkeit für Entscheidungen und Nichtentscheidungen auf allen Ebenen unter breiter gesellschaftlicher Kontrolle...

Wohlstand und Freiheiten zu Lasten anderer und zu Lasten der Zukunft kann es nicht geben... Den besten Weg sehe ich in einer breiten Auseinandersetzung der verschiedenen Vorstellungen. Voraussetzung ist ein am Wahrheitsgehalt gemessener weitgehend unbehinderter Informationsfluss. Dazu gehört eine umfassende, vielfältige Berichterstattung der öffentlichen Medien, Informationsveranstaltungen verschiedener Interessenvertreter und persönlicher Erfahrungsaustausch. Nicht zuletzt gehört dazu Vertrauen in die humanistischen Werte der Menschen und deren gesellschaftspolitisches Verantwortungsbewusstsein."

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... und offenbart das Ende der Geduld (Bildnachweis: Armin Schönfeld).

Erste offene Runde im Betrieb

Eine weitere, sachliche Stellungnahme meines Abteilungsleiters hängt tags darauf daneben. Eine Reaktion darauf lässt auf sich warten. In der Zwischenzeit geht das Tauziehen um die DDR-weite Zulassung des "Neuen Forums" als unabhängige Diskussionsplattform durch alle Medienberichte. Erst kurz vor meiner Reise zur Fachtagung Feinmechanik in Ilmenau ruft mich ein Funktionär der Gewerkschaftskreisleitung wegen einer Aussprache zu meinem Schreiben an. Wegen des großen Interesses vieler Kollegen lehne ich eine private Auseinandersetzung ab und vereinbare stattdessen eine Diskussionsrunde in der betrieblichen Gewerkschaftsgruppe für Ende Oktober.

Dann ist es soweit, die gesamte Abteilung mitsamt dem Genossen Fachbereichsleiter ist zur Diskussion gekommen. Die Kollegen halten nicht hinterm Berg mit ihrer Meinung, bleiben dabei sachlich, aber in den Forderungen hart. Die zwei Gewerkschaftsabgesandten wiegeln ab, versuchen Erklärungen, stimmen uns aber meist zu, dass politische Änderungen dringend nötig sind. Unsere Parteimitglieder halten sich auffällig zurück, am Ende sagt mir einer der Gewerkschaftsfunktionäre, dass es auf ähnlichen Veranstaltungen mit Produktions-Abteilungen nicht so friedlich zugegangen ist.

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2005, 18:22 Uhr

 

 

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