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Damals nach der DDR | MDR | 18.10.2011 | 22:05 Uhr : Teil 3: Flitterwochen und Rosenkrieg

Am 3. Oktober 1990 ist es soweit: Die Menschen bejubeln die lang ersehnte deutsche Wiedervereinigung, ein großer Festakt in Berlin würdigt die friedliche Revolution. Es herrscht Silvesterstimmung mitten im Herbst, doch bei vielen Ostdeutschen vermischen sich die positiven Gedanken mit einer gehörigen Portion Skepsis.

Nach der deutschen Wiedervereinigung folgen die mühsame Umgestaltung eines Landes nach dem Vorbild der Bundesrepublik und ein schlagartiger Wandel der Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen. Tausende Westdeutsche wollen ihre neuen Landsleute unterstützen und an einer erfolgreichen Umsetzung der Einheit partizipieren. Sie werden als Fachleute in Ministerien, Behörden und in der Wirtschaft dringend beim Aufbau Ost gebraucht. Manche lockt das Geld, andere die neue Herausforderung.

Ostdeutsche machen ihrem Ärger Luft

Bernd Capellen, damaliger Mitarbeiter der Treuhandanstalt in Halle, 20 Jahre später.
Bernd Capellen, damaliger Mitarbeiter der Treuhandanstalt in Halle, 20 Jahre später.

Einer der damaligen Aufbauhelfer ist Bernd Capellen, der kurz nach der Wiedervereinigung nach Halle an der Saale kommt. Im Auftrag der Treuhandanstalt soll er ehemalige DDR-Betriebe für den Weltmarkt fit machen. Ihn erwartet eine gewaltige Aufgabe, deren tatsächliches Ausmaß sich für den Rheinländer erst nach und nach erschließt. Schnell stellt er fest, dass die meisten ostdeutschen Betriebe wegen veralteter Produktionsbedingungen und Absatzschwierigkeiten entweder schon insolvent oder kurz davor sind. Als Treuhandmitarbeiter muss er deshalb oft schmerzhafte Entscheidungen treffen, die unter den Menschen seiner Wahlheimat große Unzufriedenheit auslösen. Schon bald lassen die Betroffenen ihrem Ärger freien Lauf, auch Capellen bekommt dies zu spüren.

Neue Aufgaben im alten Betrieb

Auch die Filmfabrik ORWO im Sachsen-Anhaltischen Wolfen muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass die dramatischen technologischen Rückstände nicht aufzuholen sind und eine fast hundertjährige Tradition mit der Abwicklung durch die Treuhand beendet wird. Unter den Angestellten befindet sich auch Karla König, die bereits seit 1952 im Unternehmen beschäftigt ist und bislang für die Lehrlingsausbildung verantwortlich war. Sie verliert nicht nur ihren Arbeitgeber, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt und teilt fortan mit vielen Bewohnern der Stadt das unbefriedigende Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Bald gibt es für sie jedoch neue Hoffnung: König bekommt die Aufgabe, Studenten durch die ehemalige Filmfabrik zu führen.

Ungeklärte Besitzverhältnisse

Aufgrund der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit sehen viele Ostdeutsche ihre Hoffnungen enttäuscht, doch auch im Westen der Republik schlägt die Stimmung zunehmend um. Besonders die Einführung des "Solidaritätszuschlags" für den Aufbau Ost zum 1. Juli 1991 für alle Bundesbürger, ist vielen ein Dorn im Auge und belastet die innerdeutschen Beziehungen. Die Mauer zwischen Ost und West – in den Köpfen bleibt sie noch bestehen.

Adolf Wittek.
Adolf Wittek war damals Bürgermeister in Passee in Mecklenburg-Vorpommern.

Auch das Mecklenburgische Dorf Passee bekommt dies deutlich zu spüren, als Oberbürgermeister Adolf Wittek unerwarteten Besuch aus dem Westen bekommt: Ein Makler aus Bad Schwartau stellt sich bei ihm als der neue Besitzer des Gemeindehauses vor, und verlangt fortan Miete für das von den Bewohnern in gemeinnütziger Arbeit errichtete Gebäude, das Konsum, Post und Bürgermeisterbüro beherbergt. Der Bürgermeister reagiert wütend und geht vor Gericht. Wie in vielen vergleichbaren Fällen müssen die Besitzverhältnisse geklärt werden – oftmals ohne Erfolg für die bisherigen Nutzer. Wittek entschließt sich zu einem Schritt, der ihn weit über sein Dorf hinaus für viele zu einem Helden macht.

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