Seefahrt DDR

Raketenangriff : Im Hafen von Haiphong

Im April '72 gerieten zwei DDR-Handelsschiffe zwischen die Fronten des Vietnamkrieges. Eins wurde von amerikanischen Bombern beschossen und das andere lag monatelang im Hafen von Haiphong fest. Ein Matrose erinnert sich.

Die "Halberstadt" im Hafen von Haiphong

"Am 15. April 1972, genau um 15:15 Uhr passierte das für uns als unvorstellbar gehaltene Ereignis. Unser Schiff wurde von einer Rakete auf der Backbordseite getroffen. Einen regelrechten Luftsatz schien das Schiff zu vollführen. Und wir, die auf der Treppe gesessen hatten, fanden uns irgendwo im Gang, nebeneinander und aufeinander liegend, wieder. Natürlich hatten wir, wieder einigermaßen zur Besinnung gekommen, nur das eine Bestreben: Bloß raus hier! Und nur Sekunden später rüttelten die ersten auch schon an den Stahltüren. Aber da tönte die Stimme unseres Kapitäns durch den Raum: 'Halt, Männer! Alles bleibt drin! Seid ihr denn wahnsinnig geworden!?' Und tatsächlich wäre es wohl der größte Fehler gewesen, hinauszugehen, denn normalerweise folgte auf den ersten Angriff auch noch ein zweiter."

So beschreibt der Matrose Peter Schwarzlose in unveröffentlichten Erinnerungen die Bombardierung des DDR-Handelsschiffes "Halberstadt" durch amerikanische Langstreckenbomber im Hafen von Haiphong, Vietnam. Die "Halberstadt", beladen mit "Solidaritätsgütern", war bereits in den Tagen zuvor zwischen die Fronten des Krieges geraten und leicht beschädigt worden. Jetzt aber war sie nahezu seeuntüchtig: Die Rakete hatte zwei große Löcher in den Schiffsrumpf gerissen und das Radar sowie die Ruder- und Funkanlage beschädigt. Zudem hatten über 100 MG-Einschüsse das Schiff durchsiebt.

Verletzte und Tote auf anderen Schiffen

Glücklicherweise war bei dem Angriff nur ein Matrose auf der "Halberstadt" leicht verletzt worden. Ganz anders war die Lage hingegen auf anderen an der Kaimauer liegenden Schiffen, die ebenfalls von Raketen getroffen worden waren: "Wir konnten erkennen, wie verletzte Seeleute auf Bahren von Bord gebracht wurden, um mit von den Angriffen schwer beschädigten Rettungswagen abtransportiert zu werden", schreibt Peter Schwarzlose. Auf einem chinesischen Frachter, der nur wenige hundert Meter von der "Halberstadt" entfernt an der Kaimauer lag und gleichfalls Solidaritätsgüter für Vietnam geladen hatte, soll ein Matrose während der Kämpfe gar ums Leben gekommen sein.

Die Schiffe im Hafen als ein Schutzschild

An ein sofortiges Auslaufen der "Halberstadt" war gar nicht zu denken. Sie musste zunächst instand gesetzt werden. Allerdings wollten die vietnamesischen Genossen in Haiphong die ausländischen Schiffe so lange wie nur irgend möglich im Hafen festhalten – als Schutzschilder. "Den Behörden ging es darum, dass alle Schiffe im Hafen verbleiben, um den Amerikanern nicht die Möglichkeit zu geben, mit gezielten Angriffen den Hafen zu zerstören", schreibt Schwarzlose.

Ganz anders die amerikanischen Militärs: Sie drängten ihrerseits auf ein sofortiges Auslaufen aller ausländischen Schiffe. Die Schiffe seien stark zerstört und manövrierunfähig, erwiderten die Vietnamesen, ein Auslaufen sei unmöglich. Dann schleppt die Kähne raus, forderten die amerikanischen Militärs. Doch die Vietnamesen entgegneten: Wir haben weder geeignete Kähne noch Lotsen, die die Schiffe aus dem Hafen herausbringen könnten.

Ein Teil der Besatzung darf von Bord

Immerhin gaben sie einen Tag nach dem Beschuss die Erlaubnis, dass die Mehrheit der 56 Besatzungsmitglieder der "Halberstadt" auf den acht Kilometer vor Haiphong auf Reede liegenden Frachter "Frieden" umgesiedelt werden darf. Zurückbleiben sollten nur 13 Matrosen, um die "Halberstadt" wieder seetauglich zu machen. Peter Schwarzlose hatte Glück: Er wurde auf einer Dschunke - einem vietnamesischen Segelschiff - auf die "Frieden" gebracht, in relative Sicherheit - hier draußen hatte es noch keine Kampfhandlungen gegeben.

Im Austausch

Damals im Osten: Matrose Peter Schwarzlose
Matrose Peter Schwarzlose

Zehn Tage später wurden die Männer der "Halberstadt" vom Wachmann der "Frieden" um Mitternacht geweckt: "Aufstehen! Es geht los! Die Halberstadt ist da!" Und tatsächlich: "Unser stark lädiertes Schiff lag neben der 'Frieden' vor Anker", schreibt Peter Schwarzlose. "Auf die Raketenlöcher hatten sie Stahlplatten aufgeschweißt und auch sonst alles notdürftig repariert." Einige Stunden später ging es los – der Frachter nahm Kurs auf Singapur.

Was indes auf die Besatzung der "Frieden" zukam, war allen auf der "Halberstadt" klar. "Sie werden jetzt unseren Platz im Hafen einnehmen und ihre Solidaritätsgüter löschen." Denn genau das war die geheime Abmachung zwischen den DDR-Kapitänen und den vietnamesischen Genossen gewesen: Die "Halberstadt" kommt nur dann heraus, wenn dafür die "Frieden" an der Kaimauer von Haiphong festmacht.

Der Hafen Haiphong ist vermint

Als die "Halberstadt" vier Tage später in den Hafen von Singapur einlief, gab es in den Nachrichten eine Eilmeldung: Auf Befehl von US-Präsident Nixon wurde der Hafen von Haiphong vermint, um den militärischen Nachschub aus der Sowjetunion zu unterbinden. Die "Frieden" saß jetzt in der Falle. Und Peter Schwarzlose schrieb: "Wären wir nur diese vier Tage später ausgelaufen, Mann o Mann, ich darf gar nicht daran denken ..." Den Amerikanern war es nicht gelungen, die zehn im Hafen von Haiphong liegenden ausländischen Schiffe herauszubefehlen, um ihn zerstören zu können. Nun hatten sie mit einem Minengürtel den bedeutenden vietnamesischen Hafen stillgelegt.

Erst nach 14 Monaten wieder frei

Am 8. August 1972 erreichte die "Halberstadt" ihren Heimathafen Rostock, nachdem sie im Hafen von Singapur auf Kosten der USA repariert worden war. An der Pier wurde sie vom Generaldirektor der "Deutschen Seereederei" und einem Team der "Aktuellen Kamera" erwartet. Bereits unterwegs war allen Besatzungsmitgliedern von der Regierung der DDR der "Banner der Arbeit" verliehen worden. In einer Note an die Regierung der DDR hatten sich die USA inzwischen auch für den Beschuss des Schiffes entschuldigt.

Die "Frieden" lag insgesamt 14 Monate im Hafen von Haiphong fest. Erst nachdem die USA die Minen geräumt hatten, wozu sie im "Pariser Abkommen" vom Januar 1973 verpflichtet worden waren, konnte sie die Heimreise antreten.

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Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2011, 12:02 Uhr

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