Seefahrt DDR

Vor 50 Jahren : "Das Tor zur Welt" – der Rostocker Überseehafen

1950 beschloss die SED den Aufbau einer leistungsfähigen Handelsflotte. Dazu gehörte auch der Bau eines Überseehafens. 1957 erfolgte der erste Spatenstich zum "Tor der Welt" in Rostock.

Blick vom Breitling auf Schiffe und Krane am Überseehafen von Rostock, aufgenommen im Sommer 1988.

Bereits kurz nach Gründung der DDR diskutierte die Staats- und Parteiführung darüber, ob es sinnvoll wäre, eine eigenständige DDR-Handelsflotte aufzubauen. Das Finanzministerium war der Meinung, die Sache werde sich nicht rentieren, die DDR sei "keine Seefahrernation". Die SED hielt dagegen: Die Einnahmen würden in kurzer Zeit die Investitionen bei weitem übertreffen. Auf ihrem 3. Parteitag entschied sie daher, umgehend eine leistungsfähige Handelsflotte zu schaffen. Und so vermerkte der erste "Fünf-Jahr-Plan" (1951-1955) folgerichtig: Fertigstellung von 22 Handelsschiffen "zur Sicherung der Überseetransporte für unseren Außenhandel".

Es gibt keinen Überseehafen

Alter Mann trägt großen Feldstein
MDR FERNSEHEN

Steine sammeln für die Mole

18.06.1982, 20:00 Uhr | 02:12 min

Aber es gab noch ein großes Problem für die aufstrebende Seefahrernation: Die DDR besaß keinen brauchbaren Hafen. Die vorhandenen Anlagen in Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald waren lediglich für Küstenmotorschiffe ausgelegt, nicht aber für Überseefrachter. Größere Schiffe mussten regelmäßig in Stettin oder Hamburg entladen und die Güter auf dem Schienenweg in die DDR gebracht werden. Das kostete Zeit und vor allem wertvolle Devisen. Es musste also schleunigst ein "Tor zur Welt" errichtet werden. Die Wahl fiel nach langen Debatten schließlich auf die Bezirkshauptstadt Rostock. Auf einem etwa sieben Quadratkilometer großen Brachland sollte, zehn Kilometer nördlich der Stadt, der Überseehafen entstehen.

"Große Bedeutung für den überseeischen Weltverkehr der DDR"

Walter Ulbricht auf Schiff - Eröffnung Hochseehafen Rostock (DRA) vom 30.04.1960
MDR FERNSEHEN

"Beispiel der sozialistischen Gemeinschaftsarbeit"

30.04.1960, 19:00 Uhr | 02:20 min

1957 erfolgte der erste Spatenstich. Doch die Planer merkten bald, dass die an der Küste vorhandenen Arbeitskräfte für ein solches Großprojekt nicht ausreichten. Und so bat das Rostocker Stadtparlament die Bevölkerung der DDR um Unterstützung. Das Echo war überwältigend: Binnen kurzer Zeit kamen fast vier Millionen Mark an Spenden zusammen und es reisten Hunderte Helfer – mehr oder weniger freiwillig – aus allen Teilen der Republik in den hohen Norden, um mit Hacke, Spaten und ehrlicher Begeisterung den Aufbau "ihres Überseehafens" zu unterstützen. Im Ganzen waren es mehr als 2.000 Arbeiter, die in drei Schichten unzählige Pfähle in das sumpfige Weideland rammten, Kaimauern hochzogen sowie Lagerhallen und ein Verwaltungsgebäude errichteten.

Drei Jahre später, am 30. April 1960, konnte der erste Abschnitt des Überseehafens Rostock von Walter Ulbricht seiner Bestimmung übergeben werden. "Dieser moderne Hafen hat große Bedeutung für den überseeischen Weltverkehr der DDR", sagte der SED-Chef in seinem sächsischen Singsang. "Der Bau wurde notwendig infolge der gewaltigen Steigerung der Produktion und planmäßigen Erhöhung der Lebenshaltung der Bevölkerung."

Einer der größten Ostseehäfen

Komplett fertig gestellt wurde der Rostocker Überseehafen jedoch erst weitere neun Jahre später, 1969. Freilich ergab sich auch in den folgenden Jahren die Notwendigkeit, den Hafen ständig zu modernisieren und zu erweitern. Auch entstanden rings um das riesige Gelände Werftanlagen, Reparaturbetriebe für Schiffsmotoren, Fischverarbeitungsfabriken und Kühlhallen für Südfrüchte.

Mit dem Ende der DDR schien auch das Schicksal des Überseehafens besiegelt zu sein. Die Umschlagszahlen gingen rapide zurück, viele Mitarbeiter wurden entlassen. Doch durch den Ausbau des Fährverkehrs – nach Dänemark, Schweden, Finnland und das Baltikum –, die Entwicklung der Kreuzfahrtschifffahrt und die allmählich wieder ansteigenden Umschlagsmengen konnte sich der Hafen Rostock, wie er heute schlicht heißt, erfolgreich behaupten.

(Quelle: Andreas Biskupek, Olaf Jacobs: "DDR ahoi! Kleines Land auf großer Fahrt"; Mitteldeutscher Verlag Halle, 2010)

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Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2011, 14:44 Uhr

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