Lene Voigt
Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Teil 1: Von ersten Erfolgen bis zum Verbot Die sächsische Nachtigall

Mit 15 begann Lene Voigt zu dichten und mit 32 Jahren konnte sie bereits von ihren Veröffentlichungen leben. Unter den Nazis geriet sie jedoch in Misskredit, weil sie die "sächsische Sprache verschandle". 1936 wurden ihre Gedichte als "jiddische" Machwerke verboten.

von Wolfgang U. Schütte

Lene Voigt
Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Lene Voigt wurde am 2. Mai 1891 als Helene Alma Wagner in Leipzig geboren. Sie war die Tochter einer Haushälterin und eines Schriftsetzers. Sie besuchte die Volksschule und ließ sich anschließend, auf besonderen Wunsch der Mutter, zur Kindergärtnerin ausbilden. Aber die begabte junge Frau wollte etwas Anderes: "Vom Schrifttum angezogen, widmete ich mich dem Buchhandel, den ich von Grund auf erlernte." 1910 begann sie eine Tätigkeit als Verlagskontoristin im B.G. Teubner Verlag Leipzig und arbeitete Anfang der 1920er-Jahre auch einige Zeit im berühmten Insel Verlag.

"Nebstbei zäumte ich den Pegasus"

Die Verlagsprokuristin, die 1914 den Orchestermusiker Otto Voigt geheiratet hatte, war seit früher Jugend allerdings auch dichterisch tätig gewesen. "Nebstbei zäumte ich immer schon den Pegasus", erzählte sie in den 1920er-Jahren einem Journalisten. "Schon mit 15 Jahren habe ich gedichtet und wurde sogar gedruckt. Es handelte sich um eine Turnvereinshumoreske." Seit 1923 konnte Lene Voigt von ihren Gedichten und Humoresken in sächsischer Mundart leben. Sie arbeitete als freie Schriftstellerin und publizierte in vornehmlich linken oder linksliberalen Zeitungen und Zeitschriften.

Produktives dichterisches Jahrzehnt

Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er Jahre stand Lene Voigt auf dem Höhepunkt ihres literarischen Ruhmes. Ab 1925 erschienen in schneller Folge ihre ersten Bücher, u. a. die "Säk'schen Balladen I" und "Säk'sche Glassigger". Ihr privates Leben war aber von herben Schicksalsschlägen gezeichnet. Ihre Ehe mit dem einarmig aus dem Krieg heimgekehrten Otto Voigt scheiterte 1920, vier Jahre später dann die größte Tragödie im Leben der Dichterin: Ihr fünfjähriger Sohn Alfred starb an einer Hirnhautentzündung. 1926 lernte Lene Voigt den stellungslosen Opernsänger Karl Geil kennen, ihr treuer Begleiter starb jedoch nur drei Jahre später in einem Dresdner Krankenhaus.

"Nicht sächsisch, sondern jiddisch"

Erstaunlicherweise bedeutete die Machtergreifung der Nazis 1933 zunächst keine Beeinträchtigung des Schaffens von Lene Voigt, obwohl sie in den frühen 1920er-Jahren auch in KPD-Zeitungen wie der "Roten Fahne" publiziert hatte. Noch 1935 gab ihr Verlag A. Bergmann unbeanstandet ihr Buch "Leibzcher Lindenblieten" heraus. Die "Neue Leipziger Zeitung" und "Der lustige Sachse" druckten weiterhin regelmäßig ihre Beiträge. 1936 aber ließ der Radebeuler Lehrer Erich Rawolle in der Monatsschrift des NS-Lehrerbundes Sachsen ein Elaborat namens "Lene Voigt: Volkstum im Zerrspiegel" erscheinen. Einer seiner Vorwürfe: Die Voigt'schen Mundartformulierungen seien nicht sächsisch, sondern jiddisch.

Der Vorwurf des "Kulturbolschewismus"

Ab Mitte der 1930er-Jahre mühten sich die Sächsische Staatskanzlei und das 1936 auf Geheiß des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann gegründete "Heimatwerk Sachsen", den "politischen Erziehungsauftrag der NSDAP" umzusetzen. Dem hehren nazideutschen Versuch standen jedoch aus ihrer beschränkten Sicht "Sachsenkomiker, Witzefabrikanten und verjüdelte Literaten" im Wege, die die "Verschandelung der sächsischen Sprache" verursacht haben sollten. Als besonders gefährlich stufte man ein "Lene Voigt, Leipzigerin und ehemalige Kommunistin (wohnt jetzt in Bremen). Ihre Machwerke, die massenhaft in die Öffentlichkeit gelangten, können nach zwei Gruppen unterschieden werden: a) Parodien und b) Karikierung des Sächsischen."

Über den schönen Satz: "Es gibt nichts Ulkigeres als einen Sachsen, der sich geniert, einer zu sein", den Lene Voigt 1928 geprägt hatte, konnten die deutschtümelnden Nazis überhaupt nicht lachen. Sie postulierten: "Die Voigt hat die schönsten Dichtungen der Weltliteratur durch gesuchte komische Situationen und Sprachluderei in die Minderwertigkeit und Lächerlichkeit hinab gezerrt. Das ist bewußte Zersetzung hoher Kulturgüter. Das ist Kulturbolschewismus ..."

"Diese Schundliteratur ist so gut wie beseitigt"

Im Dezember 1936 verbot das "Reichspropagandaministerium" die "Neuauflage der Bücher von Lene Voigt". Die sächsische Nachtigall antwortete darauf in der ihr eigenen Form:

'Ne Mundart lässt sich nich verbieten, weil blutsgebunden bis ins Mark, dr Volksmund selwer weeß zu hieten sei Vätererbe drei un stark. Ich mußte neie Mundartlieder Landsleiten uff e Zettel schreim, denn meine Schwestern, meine Brieder wolln fest mit mir verbunden bleim.

Lene Voigt

Aber das half natürlich nicht. Lene Voigts Verlag musste sich den Nazis beugen und die die Bücher ihrer Autorin einstampfen. Im Mai 1937 wurde Vollzug gemeldet: "Nachdem die Anordnung an den Verlag A. Bergmann ergangen ist, die noch vorhandenen Bestände einzustampfen, kann gesagt werden, dass nunmehr diese Schundliteratur so gut wie beseitigt ist." Lene Voigt, die seit 1929 in Bremen lebte, und nie eine Großverdienerin gewesen war, hatte nun keinerlei Einnahmen mehr.

"Dienstverpflichtet" als Buchhalterin

In diese Jahre datiert der erste Aufenthalt Lene Voigts in einer psychiatrischen Klinik. Bei der Dichterin war 1936 "Verfolgungswahn" diagnostiziert worden. Nach der Entlassung aus der "Nervenklinik Schleswig" siedelte sich die beinahe mittellose Autorin zunächst in Lübeck an, später zog sie nach Flensburg, Hamburg, München und Berlin, ehe sie 1940 wieder in ihre Heimatstadt Leipzig zurückkehrte und ein winziges, möbliertes Zimmer bezog. Die Nazis ließen die angebliche Kommunistin nicht mehr aus den Augen und zogen sie zur Mitwirkung am "Endsieg" heran: Sie wurde "dienstverpflichtet" für die Druckerei Giesecke & Devrient. Danach wurde Lene Voigt zum Verlagskonzern Lange & Meuche geschickt. Nur wenige ihrer Kollegen wussten, dass die nun als Buchhalterin tätige, immer freundliche Mitarbeiterin in Wirklichkeit eine der bedeutendsten sächsischen Mundartdichterinnen war.

Zum Autor Wolfgang U. Schütte Der 1940 geborene Publizist, Herausgeber und Redakteur hat sich dem Leben und Werk Lene Voigts verschrieben. 1983 brachte er das erste Buch der fast vergessenen Dichterin in der DDR heraus ("Bargarohle, Bärchschaft un sächs'sches Ginsdlrblud"); seither erforscht Schütte das Leben Lene Voigts und stöbert immer wieder verschollene Texte der sächsischen Dichterin auf. Wolfgang U. Schütte ist Herausgeber der sechsbändigen Lene-Voigt-Gesamtausgabe.

Lene-Voigt-Werke aus den 1920/30ern 1925 "Säk'schen Balladen I" und "Säk'sche Glassigger"
1926 "Säk'schen Balladen II"
1927 "Mally der Familienschreck"
1928 "Mir Sachsen I und II"
1932 "In Sachsen gewachsen"
1934 "Vom Pleißestrand nach Helgoland", "Säk'sche Glassigger II", "Die sächsische Odyssee"
1935 "Leibzcher Lindenblieten"
1938 das Kartenspiel "Nu härn Se mei Gudsder"

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2011, 13:41 Uhr