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Politbüro unterbindet Weiterentwicklung : Ausgebremst - Die Automobil-Industrie der DDR

Dass Trabant und Wartburg nach der Maueröffnung für viele Westdeutsche als Sinnbild der Rückständigkeit der DDR galten, ist den Autokonstrukteuren aus Zwickau und Eisenach nicht anzulasten. Schuld hatte das Politbüro der SED.

Trabant

Die Zwickauer Ingenieure entwickelten den Trabant nach dem Start 1958 fast jährlich weiter, von der Baureihe P 50 bis zum Typ P 60. Es blieb zumeist bei kleinen Veränderungen. Parallel dazu entwarfen sie aber bereits ein ganz neues Fahrzeug. Nicht mehr mit den markanten abgerundeten Formen, sondern mit einer etwas schnittigeren Karosserie samt angedeuteten Heckflügeln. Dieses Modell kam 1964 als Trabant 601 auf den Markt. Die Konstrukteure waren davon ausgegangen, dass es etwa fünf Jahre verkauft werden könnte, aber dann etwas Neues angeboten werden müsse, wie es auf dem internationalen Automarkt üblich war.

Prototyp P 603

Diese Überlegungen waren auch der Regierung bekannt und wurden akzeptiert. Am 30. Dezember 1966 erhielten die Ingenieure um Chefkonstrukteur Werner Lang den Auftrag, einen neuen Wagen zu entwickeln. Sie bauten einen Prototyp unter der Bezeichnung P 603 in neun Ausfertigungen mit verschiedenen Motoren, darunter auch einem Viertakter von Skoda. Die Testfahrten rund um Zwickau verliefen Erfolg versprechend. Bei dem neuen Trabant handelte es sich um ein dreitüriges Modell mit Vollheck, das es so damals auf dem europäischen Automarkt noch nicht gab. Schon vom Äußeren her erinnerte es in keinem Detail an den Trabant 601.

Bildergalerie: Die DDR und ihre Autos

W 311-2 Kabrio - offen W 313-1 Leipziger Frühjahrs Messe 1957 AWE W 1.3 XXX. Wartburg Rallye 1988

Trabi und Wartburg prägten das Bild der Straßen in der DDR. Doch auch wenn die Auswahl gering war, wer ein Auto besaß, genoss individuellen Freiraum. Wir haben einige Modelle für Sie zusammengestellt. [Bilder]


Günter Mittag stoppt das Projekt

Ob Prototypen in die Serienfertigung gehen konnten, hing in der DDR allerdings immer von einer Regierungsentscheidung bzw. vom Politbüro der SED ab. Denn Günter Mittag, im Politbüro für Wirtschaftsfragen verantwortlich, behielt dem Führungsgremium der Partei alle größeren Investitionsentscheidungen vor. Die Kosten für die Serienproduktion wurden auf 7,7 Milliarden Mark veranschlagt. Eine entsprechende Vorlage wurde im Ministerrat eingereicht. Dann ging der Antrag auch ins Politbüro der SED. Günter Mittag entschied sich gegen das Projekt, ließ im November 1968 nächtens in Zwickau anrufen und den sofortigen Entwicklungsstopp anordnen. Alle Prototypen sollten vernichtet, die Konstruktionsunterlagen an Berlin abgegeben werden.

Widerspruch führt zu Versetzung

Werner Ringm Direktor für Technik bei Sachsenring in Zwickau
MDR FERNSEHEN

Wir Entwicklungsleute konnten uns nicht durchsetzen

30.12.1997, 19:00 Uhr | 03:20 min

Eine Begründung für diese Entscheidung des Politbüros und die Motivation von Günter Mittag wurde nicht bekannt. Werner Lang vermutete später in einem MDR-Fernsehinterview: "Er war der Meinung, dass der Trabant in seiner damaligen Ausführung für die Bevölkerung ausreichend war. Wir Entwicklungsleute waren anderer Meinung, aber leider konnten wir uns nicht durchsetzen." Lang ließ es nicht bei stillem Protest, sondern widersprach offiziell. Daraufhin wurde er für zwei Jahre nach Ludwigsfelde in einen anderen Betrieb strafversetzt.

Verweigerungshaltung hatte Methode

Diese Verweigerungshaltung des Politbüros war kein Einzelfall, sondern hatte Methode, wie Lang während seiner ganzen Tätigkeit bei Sachsenring Zwickau bis zum Ende des Trabant 1990 immer wieder erlebte. "Wir haben viele Entwicklungen im Werk vorbereitet. Allein 16 Fahrzeuge wurden entwickelt, aber leider kam nicht ein einziges Fahrzeug davon in die Produktion." Gleiche Erfahrungen machten die Konstrukteure in Eisenach. Sie konnten nach dem Wartburg 353, der 1966 in Serie gegangen war, bei der Regierung und dem SED-Politbüro keine Neuentwicklung mehr durchsetzen. Selbst die Serienfertigung eines bereits entwickelten modernen Viertaktmotors mit 82 PS Leistung wurde 1972 wurde von Günter Mittag unterbunden.

Kleinste Verbesserungen werbewirksam gefeiert

Trabant - der treue Begleiter des Ostdeutschen

10.04.2007, 20:15 Uhr | 05:59 min

Statt die heimische Autoindustrie fortzuentwickeln, setzte die SED ab 1970 auf eine Kooperation mit der ČSSR beim Bau eines gemeinsamen Autos. Man glaubte, dies würde die hohen Entwicklungskosten halbieren. Aber selbst das wurde der DDR schließlich noch zu teuer und sie stoppte 1973 die Zusammenarbeit. Die Weiterentwicklungen beim Trabant und beim Wartburg beschränkten sich auf kleinere Verbesserungen, die werbewirksam als große Neuerungen angepriesen wurden. Hier gab es mal ein neues Lenkrad, da verbesserte Rollgurte.

Das Aus der Automobilentwicklung: Trabant für immer

Einen letzten Versuch, doch noch mit geringem Mitteleinsatz und weitgehend vorhandenem Maschinenpark ein Nachfolgemodell für den Trabant 601 zu entwickeln, unternahmen die Zwickauer Ingenieure Mitte der 1970er-Jahre. Die Entscheidung traf allerdings wieder das SED-Politbüro. Es beschloss dann in der Sitzung vom 6. November 1979 faktisch das Aus für die Automobilentwicklung in der DDR. Auf Vorschlag des zuständigen Berichterstatters Günter Kleiber entschied das Gremium: Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Bereich des PKW-Baus werden eingestellt, der Trabant wird schrittweise weiterentwickelt.

Trabant
MDR FERNSEHEN

Der Trabant 601 aus Zwickau

22.09.1993, 20:00 Uhr | 00:27 min

Über die Stimmung im Politbüro sagte Kleiber später in einem Fernsehinterview: "Es gab Äußerungen: 'Der Trabant ist doch beliebt, es gibt viele Bestellungen!'" Er verteidigte die Entscheidung noch im Nachhinein: "Diese Investitionen hätten eine Summe von elf Milliarden Mark für die Volkswirtschaft der DDR ausgemacht. Diese Investitionen waren im angedachten Zeitraum nicht zu realisieren, wenn man nicht rigorose Einschnitte in anderen Bereichen gemacht hätte."

So blieb es dabei: Der Trabant sollte rollen und rollen und rollen. Ingenieure hatten errechnet, dass man etwa alle sieben Jahre kritische Blechteile austauschen müsse. Das könne man etwa dreimal tun. So kam man auf eine errechnete Lebenszeit des Trabant von 28,5 Jahren. Es bedeutete aber auch, dass die Fertigung von Ersatzteilen immer wichtiger wurde. In den 1980er-Jahren lag der Anteil der Ersatzteilfertigung an der Gesamtproduktion bei Sachsenring Zwickau bereits bei 30 Prozent.

Trabi - Sinnbild der Rückständigkeit

Thomas Brussig
MDR FERNSEHEN

"Der Trabi ist gar nicht mal so schlecht"

22.07.2007, 22:00 Uhr | 01:32 min

Günter Mittag fädelte schließlich einen Deal mit Volkswagen ein, wonach im Motorenwerk Karl Marx-Stadt ab 1988 VW Polo-Motoren in Lizenz für den Einbau in Trabant und Wartburg gefertigt werden sollten. Aber nach dem Mauerfall 1989 konnten die DDR-Bürger ungehindert Westautos kaufen. Trabant und Wartburg hatten trotz neuer Motoren in den völlig überalterten Modellen keine Chance mehr auf dem Automarkt. Die bei ihrer Entwicklung so hochmodernen Fahrzeuge waren zum Sinnbild der Rückständigkeit geworden. Aber nicht in Bezug auf die Konstrukteure, sondern auf die politische Führung des Landes. Oder wie es Schriftsteller Thomas Brussig formulierte: "Der Trabant ist die Auto gewordene Verachtung der DDR-Obrigkeit gegenüber dem DDR-Volk."

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2011, 15:17 Uhr

Schlaglichter der Auto-Entwicklung

1949

Aus dem Eisenacher Automobilwerk kommt noch der BMW 340.

1955

Aus Zwickau kommt der neue Kleinwagen P 70.

1956

Der erste Wartburg 311 kommt aus Eisenach.

1. Januar 1957

Neue Straßenverkehrsordnung: Höchstgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften 50 km/h; außerhalb Tempo 80, auf Autobahnen Tempo 100.

1958

Nach der Zusammenlegung des alten Audi-Werkes und des alten Horch-Werkes in Zwickau zum VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau begann die Großserienproduktion des Trabant mit dem P 50.

1. Februar 1964

Kleinroller "Schwalbe" geht in Serie", "Star" (Mokick), "Spatz", "Sperber" und "Habicht" folgen.

1966

Lieferzeit für Personenkraftwagen liegt bei ca. sechs Jahren.

1. Januar 1980

Allgemeine Gurtpflicht wird eingeführt.

30. April 1991

In Zwickau läuft nach 34 Jahren der letzte "Trabant" vom Band. Insgesamt wurden ca. 3,6 Millionen Exemplare des Trabants (mit Vorläufermodellen) produziert.

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