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Rummel, Kirmes, Volksfeste : Schausteller in der DDR

Die Schausteller in der DDR mussten zwischen 1949 bis Mitte der 1960er-Jahre um ihre Existenz bangen: Sie galten als "Kapitalisten", und ihr Gewerbe als "niveaulos". Aber sie hatten sich ihre Selbständigkeit erhalten können und waren schließlich gar zu Spitzenverdienern aufgestiegen.

ein Schießbudenbesitzer auf dem Jahrmarkt in Leipzig 1981

Wäre es nach den SED-Kulturfunktionären der ersten Stunde gegangen, hätte es in der DDR weder Schausteller noch Rummelplätze gegeben. Die privaten Schausteller wurden von den neuen Herrschern als "Kapitalisten" gebrandmarkt, für die in der sozialistischen Gesellschaftsordnung kein Platz mehr sei. Ihr Eigentum sollte daher schnellstmöglich verstaatlicht werden. Vorher war aber noch zu klären, ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung haben würden, denn Rummelplätze mit ihren Karussells und Schaubuden galten als plumpe Massenspektakel, die einer überwundenen Epoche angehörten. Der "sozialistisch lebende Mensch" sollte sich mit "richtiger Kultur" beschäftigen, mit Literatur und Kunst. Und wenn das schon nicht so ohne weiteres umzusetzen wäre, dann müssten wenigstens anstelle der Rummelplätze
"sozialistische Volksfeste" etabliert werden.

"Schöner Bimmelklang der Karussells"

Dieses Vorhaben der Staatspartei scheiterte letztlich am Beharrungsvermögen des Volks, das auf seinen Rummelplätzen mit Karussells und Losbuden bestand - fast 40 Millionen Besucher kamen 1966 etwa auf die Rummelplätze in der Republik.

Auszug aus der Fernsehsenung Prisma
MDR FERNSEHEN

Der Rummel in der Gesellschaft

27.10.1966, 18:00 Uhr | 11:05 min

Versuche, "niveauvolle" Volksfeste ohne Schausteller zu veranstalten, erwiesen sich als Reinfall – es ging einfach keiner hin, wie zum Beispiel beim "Paradiesfest" in Jena 1966. Und selbst Prominente wie der Jurist Friedrich Karl Kaul verteidigten den guten alten Rummelplatz: "Ich möchte den Bimmelklang der Karussells nicht entbehren." Ebenso äußerte sich der Fußballer Peter Ducke: "Zu einem Volksfest gehören Schausteller!"
Reihenweise waren seit 1949 auch die Verstaatlichungspläne in die Papierkörbe gewandert, zuletzt Ende der 1960er-Jahre. Damals sollten die Schausteller dem "VEB Zentralzirkus", dem späteren "Staatszirkus der DDR", zugeschlagen werden. Doch die Zirkusleute hatten überhaupt keine Lust, sich mit Hunderten und überdies hoffnungslos veralteten Karussells herumzuplagen. Sie lehnten eine Übernahme rundweg ab. Und so kam es, dass das Schaustellergewerbe - mit Ausnahme des "Kulturparks Plätnerwald" in Berlin-Köpenick - ausnahmslos in privater Hand blieb.

Schausteller händeringend gesucht

Ab Ende der 1960er-Jahre hatten die offiziell dem Ministerium für Kultur unterstellten Schausteller keine außergewöhnlichen Sorgen mit den Mächtigen mehr, ganz im Gegenteil: Sie wurden, nachdem die SED das sogenannte "volkskulturelle Erbe" für sich entdeckt hatte, Teil des staatlich verordneten Frohsinns. Als "wichtige und aktive Mitgestalter der Volksfeste in Stadt und Land", die einen sehr wichtigen Beitrag bei der sozialistischen Bewusstseinsbildung der Bevölkerung leisten, wurden sie hinfort gepriesen. Gleichzeitig begann sich in diesen Jahren beinahe jede Gemeinde ein Heimat- oder Volksfest zu leisten. Jährlich wurden nun mehr als 3.500 Kirmes-Veranstaltungen gezählt. Die knapp 700 Schausteller der DDR, die fast 20 Jahre lang um ihre Existenz hatten kämpfen müssen, waren nicht mehr in der Lage, allen Anfragen von Städten und Gemeinden nachzukommen, die händeringend Schausteller für ihre Feste suchten.

Das leidige Problem: Ersatzteile

Bald zeigte sich, dass die Schausteller mit der neuen Situation im Mangelstaat DDR hoffnungslos überfordert waren. Die zum großen Teil mehr als 50 Jahre alten Fahrgeschäfte und Zugmaschinen fielen durch die enorme Beanspruchung häufig aus. Ersatzteile gab es nicht und so waren die Schausteller gezwungen, in mühevoller und zeitaufwändiger Arbeit ihren Fuhrpark selbst zu reparieren. Kreativität, Erfindungsreichtum und Geduld waren aber gefragt, wenn es um die Beschaffung von Lastkraftwagen, Munition für die Luftgewehre, Gewinne für die Losbuden oder die Lose selbst ging. Insgesamt ein Arbeitsaufwand, der nur zu leisten war, indem die gesamte Familie mithalf. Dennoch war nicht zu verhindern, dass speziell in den 1980er-Jahren viele bis dahin liebevoll gepflegte Karussells stillgelegt werden mussten.

Schausteller als Spitzenverdiener

Der Fahrgeschäftemangel hatte für die Schausteller aber auch einen positiven Aspekt. Da die Zahl der Volks- und Heimatfeste auf etwa 5.200 jährlich gestiegen war, konnten sich die Schausteller folgerichtig die besten und lukrativsten Rummelplätze in der Republik aussuchen und die Bedingungen diktieren. Einige Schaustellerfamilien investierten in diesen Jahren große Summen in die Modernisierung ihrer Karussells. Auch war es möglich geworden, Lkw, Zugmaschinen und Pkw aus dem Westen anzuschaffen. Fraglos gehörten die Schausteller seit Beginn der 1970er-Jahre zu den wohlhabenden DDR-Bürgern. Geld war genügend in Umlauf und auf den Rummelplätzen wurde es großzügig ausgegeben. Häufig kam es beispielsweise vor, dass Unmengen von Losen gekauft wurden, nur um ein bestimmtes rares Elektrogerät oder ein Kaffeeservice zu ergattern.

Eine Attraktion unter anderen

Das Ende der DDR beendete die lukrativen 20 Jahre der DDR-Schausteller: Schlagartig gab es keinen Mangel mehr, denn die Volks- und Heimatfeste wurden deutlich weniger und zudem war Konkurrenz aus dem Westen erwachsen. Die Leute hatten kein Geld mehr, gaben es für andere Sachen aus oder hielten es zusammen. Von 80 Millionen Rummelplatzbesuchern wie noch 1986 wagten die Schausteller im Osten jedenfalls kaum mehr zu träumen. Der Rummel war nur noch eine Attraktion unter anderen.


(Quelle: Rolf Orschel, Schausteller und Volksfeste in der DDR, Gemi Verlag Reichertshausen.)

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2011, 10:01 Uhr

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