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Palast der Republik : "Palazzo di Protzo"

Der 1976 eröffnete Palast der Republik war Sitz der Volkskammer und Unterhaltungstempel in einem. Wegen Asbestverseuchung wurde er 1990 geschlossen und schließlich 2006 unter Protest abgerissen.

Palast der Republik

"Wie selten in einem Haus war unter dem Dach des Palasts der Republik die Realität der DDR mit all ihren Widersprüchen vereinigt: Der Alltag der kleinen Leute mit ihren Freuden und Kümmernissen sowie die Macht der Partei", notierte 1994 der Dramatiker Rainer Kerndl. Für den Lyriker Durs Grünbein, der in den 1980er-Jahren täglich auf dem Weg zur Universität am Palast vorbeiradelte, war er hingegen "Inbegriff einer muffigen DDR-Kulturgemütlichkeit, eine perfide Mischung aus spießiger Unterhaltung, Politbüro und Wir-sind-jetzt-auch-wer-Gefühl". [1] Der Architekt des Palastes, Heinz Graffunder, sagte kurz vor seinem Tod 1994: "Er war sicher ein öffentliches Haus. Aber mir bleibt nur die Erinnerung an einen grauen, düsteren Bau. Er hatte wenig Einladendes, daran lässt sich nicht rütteln."

Geschlossen wegen Asbestverseuchung

Als Heinz Graffunder das traurige Urteil über das bedeutendste Werk seines Lebens sprach, war der Palast der Republik bereits seit vier Jahren geschlossen. Der Grund: Asbestverseuchung. Um den Brandschutz zu gewährleisten, waren sämtliche Stahlträger mit einem aus England importierten Spritzasbest versiegelt worden. Baufachleute hatten vor der Verwendung des krebserregenden Minerals gewarnt - vergeblich. Schließlich galt Asbest in den 1970er-Jahren nicht nur in der DDR als "Wunderfaser". Dass in den 1980er-Jahren bei Konzerten der Asbest vom Schnürboden auf die Zuschauer im "Großen Saal" rieselte, blieb ein Staatsgeheimnis. Am 19. September 1990, 14 Tage vor der deutschen Vereinigung, verfügte die Volkskammer im Vorgriff auf bundesdeutsche Sicherheitsnormen die Schließung der eigenen Tagungsstätte. Der Palast sollte nie wieder geöffnet werden.

Bildergalerie: Die Geschichte des Palastes der Republik in Bildern

Palast der Republik in Berlin - 1974 und 2007 Ein Arbeiter säubert den Schriftzug "Volkskammer" am Eingang zum Sitz des Gremiums im Palast der Republik. Junge Leute im Foyer im Palast der Republik in Berlin, aufgenommen 1978.

Der Palast der Republik wurde am 23. April 1976 nach 32-monatiger Bauzeit feierlich eröffnet. 1990 wurde er wegen Asbestverseuchung geschlossen und ab 2006 schließlich nach und nach abgerissen. Hier finden Sie Fotos. [Bilder]


Die Hauptstadt braucht "eine Sensation"

Die Geschichte des Palastes der Republik hatte im Grunde bereits 1950 begonnen. Damals war auf Geheiß von Walter Ulbricht das Hohenzollernschloss abgerissen worden. Der SED-Chef wollte kein preußisches Relikt in der Hauptstadt, sondern einen großen Platz für Aufmärsche. Am 1. Mai 1951 fand auf der nun "Marx-Engels-Platz" genannten Fläche eine erste Maikundgebung statt. Ansonsten aber war das Areal öde und leer. Diese Situation fand schließlich auch die Parteiführung unbefriedigend, und so wurde 1958 ein Ideenwettbewerb "zur sozialistischen Umgestaltung" des Stadtzentrums initiiert.

Doch die eingehenden Entwürfe, die ein "Forum der Nation" mit Parlament, Kongresszentrum und turmhohen Verwaltungsgebäuden vorsahen, gefielen den Genossen nicht oder waren zu kostspielig. 1963 wurde der Wettbewerb ergebnislos beendet. Ulbricht verlangte eine kostengünstige Variante, auch wenn, wie er ein Jahr später anmerkte, die Hauptstadt durchaus "eine Sensation" bräuchte [2]. Er schlug vor, einen Fernsehturm und ein Gebäude für die Volkskammer zu errichten.

"Ein Haus des Volkes"

Erich Honecker bei der Grundsteinlegung vom Palast der Republik
MDR FERNSEHEN

"Dieser Palast soll ein Haus des Volkes werden"

02.11.1973, 08:00 Uhr | 04:03 min

Während mit dem Bau des Fernsehturmes bereits 1965 begonnen worden war, zog sich die Errichtung des Volkskammergebäudes noch einige Jahre hin - erst am 2. November 1973 erfolgte die Grundsteinlegung. Hatte Walter Ulbricht noch ein Gebäude vorgeschwebt, das staatliche Macht symbolisieren sollte, wollte sein Nachfolger Erich Honecker ein "Haus des Volkes". Die Volkskammer werde hier "verantwortungsbewusst" tagen, so Honecker bei der Grundsteinlegung. Doch auch "unsere Kultur wird in diesem Haus eine Heimstatt finden ebenso wie Frohsinn und Geselligkeit der werktätigen Menschen". Natürlich sollte der Palast auch eine Visitenkarte der DDR abgeben - schließlich war sie gerade international anerkannt und gemeinsam mit der Bundesrepublik in die UNO aufgenommen worden. Da passte ein "Haus des Volkes", auch wenn es dessen Herrschaft nur vortäuschte, gut ins Konzept.

Parlament und Volkshaus

Die schwierige Aufgabe, ein Gebäude zu errichten, das Parlament und Volkshaus in einem ist, löste Architekt Graffunder auf verblüffend einfache Weise: Er entwarf ein 86 Meter langes und 42 Meter breites zweigeschossiges Hauptfoyer, das beide Bereiche miteinander verband und gleichzeitig als Gemäldegalerie fungierte. Überhaupt war die Funktionsvielfalt des Palastes damals ziemlich einzigartig auf der Welt: Im öffentlichen Bereich gab es eine Bowlingbahn, eine Diskothek und ein Dutzend Restaurants, Cafés und Nachtbars. Alles vom Feinsten. Und der "Große Saal", konzipiert vom Architekten Manfred Prasser, galt wegen seiner Variabilität bis zum Schluss als kleines technisches Wunderwerk.

"Palazzo di Protzo"

Baustelle Palast der Republik vor der Eröffnung.
MDR FERNSEHEN

Alle Kollektive mit großer Begeisterung bei der Arbeit

01.05.1975, 07:00 Uhr | 04:55 min

Die Baukosten waren allerdings dementsprechend: etwa 750 Millionen DDR-Mark. Geld, das anderswo fehlte. Die DDR-Bürger machten sich alsbald ihren eigenen Reim auf den Marmorpalast an der Spree. "Ballast der Republik" wurde er genannt oder, wegen der üppigen Beleuchtung, "Erichs Lampenladen". Der Liedermacher Wolf Biermann sang gar vom "Palazzo di Protzo". Doch die Besucher kamen in Scharen – 70 Millionen bis zur Schließung 1990.

Denn in den Restaurants fehlte es an nichts und im "Großen Saal" gaben sich internationale Künstler die Klinke in die Hand: Carlos Santana, Udo Lindenberg, Joan Baez, Mikis Theodorakis, Helen Schneider, Loriot, Miriam Makeba, Katja Ebstein, Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Nana Mouskouri, Juliette Greco, Peter Maffay ... In den späten 1980er-Jahren spielten aber auch halblegale Ostberliner Punkbands im Palast und Heiner Müllers lange verbotenes Stück "Quartett" erlebte hier seine DDR-Uraufführung. Geschlossen war das "Haus des Volkes" nur zu SED-Parteitagen und Volkskammersitzungen.

Abriss oder Weiternutzung

2006 Abriss Palast der Republik
2006 wurde der Palast der Republik abgerissen.

Nach seiner Schließung starb der Palast vor sich hin. Nur die Debatten um ihn wurden immer lebhafter: Die einen wollten ihn als Relikt der untergegangenen DDR so schnell als möglich beseitigen und das alte Stadtschloss wieder aufbauen, auf der andern Seite standen die Gegner eines Abrisses. Nach einer Asbestsanierung zwischen 1998 und 2003 hätte der Palast durchaus weiter genutzt werden können, doch der Bundestag beschloss in einer Sitzung ohne Aussprache 2003 kurz und schmerzlos den "Rückbau". Zwei Jahre wurde der Palast danach noch "zwischen genutzt": Bands traten in dem entkernten Gebäude auf und Frank Castorf brachte seine Bühnenfassung von "Berlin Alexanderplatz" zur Aufführung.

Der Palast wird abgerissen

Das Erste

Damals-Heute: Der Palast der Republik

04.10.2010, 21:45 Uhr | 01:09 min

Ende Januar 2006 aber rückten die Abrissbrigaden an, obwohl zwei Drittel der gesamtdeutschen Bevölkerung sich für den Erhalt des Bauwerks aussprachen. Der Stahl des Palastes wurde abtransportiert und unter anderem im höchsten Gebäude der Welt - dem "Burj Chalifa" in Dubai - verbaut. Die Abriss-Debatte wurde auch im Ausland mit Interesse verfolgt. 2006 schrieb etwa die "New York Times" in einem Plädoyer für den Erhalt des Palastes: "Das von vielen Menschen wegen seiner kommunistischen Vergangenheit gehasste Haus wäre ideal dazu geeignet gewesen, zu zeigen, wie eine Gesellschaft in die Zukunft schauen kann, ohne sich von den sensibelsten Elementen ihrer Vergangenheit zu trennen."

[1]: M. Holfelder: Schwierig zu lieben, Süddeutsche Zeitung, 13.02.2009
[2]: Peter Müller: Symbolsuche, Berlin 2005.

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2011, 15:29 Uhr

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